Hinters Licht geführt
Ein kleiner Raum auf dem Weingut Allendorf im Rheingau, 40 Menschen drängen sich darin. Jeder ein Glas mit Riesling in der Hand, erwartungsvoll. Wir sollen „hinters Licht geführt” werden, hat der Winzer angekündigt. Was mag kommen?
Text: Philipp Heinz
Der erste Schluck bei gewöhnlicher, weißer Raumbeleuchtung. Ein ausgewogener Riesling, nicht zu viel Säure, ein Hauch von Zitrusfrüchten. Angenehm. Aber jetzt geht’s erst los.
Allendorf schaltet die Beleuchtung auf rot. Der nächste Schluck schmeckt nach Kirsche und Brombeere. Kann doch nicht sein bei einem Weißwein, oder? Spinne ich jetzt? Aber die anderen schmecken das Gleiche. Allendorf: „Man nennt mich den Harry Potter des Weins.”
Grünes Licht: Alle sehen aus, als sei die Nacht etwas kürzer gewesen. Der Wein: Iiiiie, ist der sauer! Auch spritziger, aber zu sauer.
Blaues Licht: Der Wein schmeckt wie Wasser. Na gut, wie Schorle. Läppisch. „Nackisch um die Zung’”, nennt Allendorf das in breitem Hessisch.
Gelbes Licht: Mmmh. Ein leichter Hauch von Mango. Aber sehr betörend. Schnell noch ein paar Schluck trinken, bevor das Licht wieder weiß wird.
Fazit: Das Auge trinkt mit. Der Geschmack hängt vom Licht ab. Kein Wunder, dass der aus dem Urlaub mitgebrachte Chianti daheim nie so schmeckt wie auf Capri, wenn die rote Sonne im Meer versinkt.
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