abc für Weinschmecker
Schade, dass man Wein nicht streicheln kann. Das schrieb der Journalist Kurt Tucholsky, vor ihm schimmerte Rebsaft in einem Kelch. Sein Blick glitt über das Rot. Sanft schwenkte er es, das so betörend duftete. Tucholsky seufzte. Wein lässt sich wahrlich schlecht liebkosen.
Text: Anne-Katrin Schade
Ganz im Gegensatz zur Herzensdame, die vom Alkohol beschwipst ist. Wer ihr vorher mit Kenntnissen in Sachen Wein imponieren will, sollte üben. Es bedarf Geduld, beim Spätburgunder Rote Beete-Aroma und Brombeere glaubhaft heraus zu schmecken. Der vom Schlemmer-Atlas gewählte Sommelier des Jahres 2008, Gunnar Tietz, verrät in drei Schritten, wie es geht. Dabei gleicht jede Weinprobe einem Date – der erste Eindruck zählt.
1. Das Auge urteilt mit: Das Gegenüber erst mal begutachten. Der Fachmann hält das Glas gegen das Licht, am besten vor einem weißen Hintergrund. Der Inhalt darf nicht trüb sein. Allerdings kann der Wein flockig werden, wenn er jahrelang im Keller lagert. Das ist normal.
2. Nicht nur der Partner, auch der Wein muss angenehm riechen. Der Sommelier schwenkt das Glas, so dass er sich mit Sauerstoff vermischt. Dünstet er korkig oder pappeartig aus, was bei etwa 90 Prozent aller schlechten Weine der Fall ist, sollten ihn Gäste zurückgeben. Wer schon an dem Gesöff genippt hat, muss seiner Zunge ein paar Minuten Pause gönnen: Kork blockiert die Rezeptoren für den Geschmack. Profis erschnuppern verdorbenen Wein deshalb vor dem Probieren. Laien können Wasser in den Wein schütten. Kork riecht dann stärker.
3. Das Aussehen passt, der Duft begeistert. Jetzt nicht nur die Lippen benetzen, sondern ordentlich Wein in den Mund nehmen. Der Experte zieht das Getränk den Gaumen hoch. Mit der Zunge verquirlt er die Flüssigkeit, „wie eine Spülmaschine“. Tietz findet: „Leute, die dafür mehr als vier Sekunden brauchen, machen sich wichtig.“ Sommeliers spucken wieder aus. Gäste im Restaurant sollten das vermeiden, dem Tischnachbarn zuliebe. Sie schlucken und erleben den Wein so in seinem „Abgang“, also seinem Nachgeschmack. Früchte wie Pfirsich und Ananas sind zu erahnen, auch Heu und Rosmarin – je nach Rebsorte, Anbaugebiet und Winzergeschick. Liegen sie länger auf der Zunge, ist die Qualität des Weines höher. Ein guter Weißer kostet mindestens acht bis zehn Euro, ein Roter mehr als zwölf.
In der Regel zumindest, denn beim Wein ist es wie in der Liebe. Das subjektive Empfinden zählt mehr als Geld oder Ratschläge. Oft bedarf es eines zweiten Probeschlucks. Weitere sind dann nicht nötig. „Quälen soll sich niemand“, sagt Tietz. Lieber einen ungeliebten Wein austauschen, als unzufrieden sein.
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