Die Generationen-GmbH
Wie wollen wir wohnen? Eine Frage, die sich junggebliebenen Alten spätestens mit Eintritt ins Rentendasein stellt. In den eigenen vier Wänden, im Altenheim oder doch ganz anders? Das Leben im Alter wird neu definiert. Wir haben uns vier Alternativen angesehen – von der Seniorenresidenz bis zur Edel-WG. Im Wohnprojekt “Villa Kundigunde” in Bamberg leben 15 Menschen in generationenübergreifender Gemeinschaft. Der jüngste Bewohner ist neun, die älteste 71 Jahre alt – das Zusammenleben funktioniert hervorragend.
Text: Jana Sinram
Manchmal sagen die Leute, die „Villa Kunigunde“ sei ein Frauenhaus. Oder eine Sekte, auch das haben die Bewohner schon mal gehört. Yvonne Schubert schüttelt den Kopf, als sie davon erzählt, die acht Frauen an dem großen Tisch in dem gemütlichen Gemeinschaftsraum lachen. So richtig zu stören scheint es sie nicht, dass ihr generationenübergreifendes Wohnprojekt bei manchen Menschen auf Unverständnis stößt. „Wenn die Nachbarschaftshilfe in jedem Mehrfamilienhaus so gut funktionieren würde, wie bei uns, bräuchte niemand mehr Altenheime“, sagt Renate Rupprecht, Initiatorin des Bamberger Projekts.
Die Bewohnerinnen sind Hausbesitzer und Mieter zugleich
15 Menschen wohnen in dem ehemaligen Altenstift in der Bamberger Innenstadt: elf Erwachsene, vier Kinder; die älteste Bewohnerin ist 71, der jüngste neun Jahre alt. Als das Haus 2006 eröffnete, zogen vor allem Frauen ein, nur in der einzigen Ein-Zimmer-Wohnung lebt ein Student. Geplant war das so nicht, doch als Rupprecht im Jahr 2002 einen Gesprächskreis zum Thema „generationenübergreifendes Wohnen“ gründete, meldeten sich vor allem Alleinstehende und Alleinerziehende.
Neue Mitbewohner wurden beim Renovieren “getestet”
Unermüdlich hat die heute 63-Jährige in den letzten Jahren gearbeitet, mit den anderen Bewohnerinnen einen Verein und eine GmbH gegründet, Privatvermögen in den Hauskauf investiert und viele Stunden auf der Baustelle geschuftet. Bei der Renovierung haben alle geholfen und sich dabei ziemlich gut kennen gelernt – Bewerber für die letzten freien Wohnungen wurden beim Tapeten abkratzen „getestet“. Rupprecht lacht: „Egozentriker haben da schnell das Weite gesucht.“ Auch, weil erstmal Geld in die GmbH investiert werden musste, von der die Frauen ihre Wohnungen mieten – so sind sie nun Besitzer und Mieter in Personalunion.
Das Zusammenleben klappte dann nach dem Einzug im Sommer 2006 sofort. Immer findet sich hier jemand zum reden, für Kinderbetreuung oder Mathenachhilfe. Die Hausgemeinschaft als Familienersatz? Das weist Rupprecht weit von sich: „Die Art unserer Gemeinschaft erlaubt auch Distanz. Wenn ich keine Lust auf die anderen habe, mache ich einfach meine Tür hinter mir zu.“
Einsamkeit muss niemand fürchten
Bei der monatlichen Hausversammlung sitzen alle Frauen zusammen, diskutieren über Baumbeschnitt, Arbeitsstunden in dem riesigen Garten und einen Termin für den geplanten Wanderausflug. In dem alten Bollerofen in der Ecke des Gemeinschaftsraums verbreitet ein Feuer wohlige Wärme, es riecht nach Apfelkuchen und frischem Kaffee. Gemeinschaftsunternehmungen sind freiwillig und meistens spontan, „wir haben hier keine hehren Ansprüche an eine spirituelle Gemeinschaft“, sagt Rupprecht vehement. „Wir wollen es uns einfach alle gemütlich machen.“ Am liebsten bis ins hohe Alter – wer einmal in die Villa Kunigunde eingezogen ist, plant, dort zu bleiben. Sich gegenseitig pflegen wollen die Frauen nicht, aber auf die Qualität der ambulanten Pflege achten, sollte die irgendwann nötig sein. Abgesehen von solchen ernsten Überlegungen sind sie froh, dass ihnen im Alter kein Leben in Einsamkeit bevorsteht. Rupprecht lächelt verschmitzt: „Wenn ich mal alt bin, wird das mindestens so lustig wie jetzt.“
In der „Villa Kunigunde“ gibt es neun Wohnungen zwischen 32 und 89 qm. Sieben wurden mit öffentlichen Geldern durch die Wohnungsbauförderung des Freistaats Bayern gefördert, deswegen ist ein Berechtigungsschein Pflicht. Getragen wird das Projekt durch die “Villa Kunigunde GmbH und Co. KG” – neben Privatkapital wurden die Gesamtkosten von knapp 1,4 Millionen Euro durch einen Bankkredit sowie Projektförderung durch eine Stiftung fInanziert.
Informationen zu unterschiedlichen Formen generationenübergreifender Wohnprojekte in ganz Deutschland gibt es bei der Bundesvereinigigung gesellschaftliches Wohnen e.V. hier. Zur Homepage der Villa Kunigunde geht es hier.
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Dieser Artikel ist erschienen in
silber, dem Abschlussmagazin der Lehrredaktion 46 B an der
Deutschen Journalistenschule München.

