Interview mit Schädlingsexperte Claus Zebitz
Wenn es wärmer wird, freut das nicht nur die Reben, sondern auch den einen oder anderen kleinen Bewohner, der sich zwischen Blättern und Trauben wohlfühlt – sehr zum Ärger der Winzer. Claus Zebitz, Professor für Insektenkunde am Institut für Pflanzenheilkunde an der Universität Hohenheim, erklärt, was auf den deutschen Weinbau im Zuge des Klimawandels noch zukommt.
Interview: Philipp Heinz
Silber: Herr Professor Zebitz, wie entwickeln sich denn im Zuge des Klimawandels die Schädlinge in den deutschen Weinbergen?
Claus Zebitz: Ein Trend ist natürlich mit Vorsicht zu genießen, wir haben aber doch gesehen, dass über die letzten Jahre hinweg die wärmeliebenden Arten aufgetaucht sind oder eine größere Verbreitung finden.
Was hat sich denn bei der Schädlingsbekämpfung in den vergangenen Jahren verändert?
Ganz generell gilt, dass man nicht wie früher wild herumspritzt. Dazu haben sich auch die Industriefirmen verpflichtet. Früher gab es die sogenannte Kalenderspritzung. Nach dem Motto: Egal ob der Schädling da ist, es ist der 15. Mai und wir müssen spritzen! Von diesem Prinzip ist man weggekommen. Man spritzt nur, wenn es wirklich nötig ist, also ökonomische oder ökologische Schäden vorherzusehen sind, wenn man nichts tut. Das heißt, die Schäden durch Insekten müssen höher sein als die Kosten für den Pflanzenschutz. Wenn man weniger Schäden hat, egal durch welche Pflanzenschutzmaßnahme, dann hat man Geld in den Wind geschossen. Kommt man zu spät, dann hat man auch ein Problem. Es geht also darum, punktgenau zu arbeiten.
Ist der Pflanzenschutz in den letzten Jahren viel besser geworden, weil man immer mehr weiß?
Ja, auf jeden Fall. Das ist wesentlich verzahnter und unter dem Stichwort „integrierter Pflanzenschutz” – dieser Begriff wurde in den 60er Jahren mal geprägt – auch etabliert. Die Landwirte sind mittlerweile sehr gut geschult, die haben ein Auge dafür. Aber das braucht immer seine Zeit. Das kann man nicht von heute auf morgen machen. Eine verantwortungsbewusste Landwirtschaft hat eben auch den Schutz des Anwenders, den Schutz des Verbrauchers und den Schutz der Umwelt im Auge. In den 50er Jahren glaubten wir optimistisch, dass Pflanzenschutzmittel alle Probleme lösen. Nach dem Motto: Nur ein toter Schädling ist ein guter Schädling, und man müsste alles blitzblank spritzen. Das hat sich alles glücklicherweise gegeben. Heute ist der Trend, dass man so umweltschonend wie möglich arbeitet.
Schmeckt ein Wein, der stark gespritzt worden ist, schlechter als einer, der nicht so viele Pflanzenschutzmittel abbekommen hat?
Es kann teilweise, je nachdem was gespritzt wurde, zu fehlerhaftem Ausbau der Weine kommen. Zum Beispiel kann die Gärung beeinträchtigt werden, etwa durch einen zu hohen Schwefelanteil. Aber normalerweise sollte es so sein, dass die Pflanzenschutzmittel, die in einer Kultur zugelassen sind, weder toxisch für den Verbraucher sind noch irgendwelche Beeinträchtigungen bei der Weinherstellung mit sich bringen.
Werden deutsche Winzer in Zukunft dazu gezwungen sein, mehr Chemie einzusetzen, weil durch das wärmere Klima auch mehr Insekten da sind?
Nicht unbedingt. Die Schädlingsanfälligkeit muss man immer pro Rebsorte betrachten. Rot- und Weißwein reagieren unterschiedlich. Man muss das einfach durchtesten. Oder sich in den bisherigen wärmeren Weinbaugebieten anschauen, welche Rebsorten am besten durchhalten.
Wie sehen Sie die Perspektive des deutschen Weins im Zuge des Klimawandels?
Die Winzer müssen sich umstellen, besonders was die Ansprüche der einzelnen Sorten an das Klima und insbesondere an die Wintertemperaturen angeht. Es wird auch zu machen neuen Problemen kommen. Das hängt vor allem mit der Wasserversorgung zusammen. Was das Problem mit den Schädlingen angeht, können wir nur hoffen, dass die gefährlichen Arten noch möglichst lange fern bleiben. Insgesamt würde ich keine Entwarnung geben, allerdings auch nicht hysterisch werden. Wenn die Klimaveränderung es Tieren erlaubt, sich in neue Gebiet auszudehnen, dann werden die das ganz normal tun. Das heißt, wir werden über kurz oder lang die Mittelmeerarten hier haben. Wir haben sie sporadisch auch schon.
Was wäre denn Ihr Ratschlag für die deutschen Winzer?
Kühlen Kopf bewahren und Informationen, die man erhält, zügig weitergeben, offen und ehrlich diskutieren, was man tun kann. Ich setzte da absolutes Vertrauen auf die staatlichen Stellen.
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