Virtuelle Grabsteine

Wenn Eltern ein Kind verlieren, bricht eine Welt für sie zusammen. Einige versuchen, ihren Schmerz im Internet zu verarbeiten – und erstellen eine Homepage zum Gedenken an ihre toten Töchter und Söhne.

Jan, wie er so breit in die Kamera strahlt, dass man die beiden Zahnlücken sieht, die rechts oben und die links unten. Er steht neben seinem Geburtstagskuchen, sieben Kerzen brennen darauf. Jan, wie er beim Urlaub in Griechenland aus einem Schlauchboot heraus in die Kamera lacht. Jan, wie er sich mit einem Hund über eine Wiese wälzt.

Jan war ein fröhliches Kind, sagen diese Bilder. Doch irgendwann wird der Junge auf den Bildern älter und auch blasser, er lacht kaum mehr in die Kamera. Stattdessen blickt er ernst und ein bisschen scheu. Irgendwann, zwischen den glücklichen Fotos aus Kindertagen und diesen Aufnahmen als Teenager, ist aus Jan ein Mensch geworden, der unzufrieden war mit der Welt – und vor allem mit sich selbst. Mit seinem Leben kam er nicht mehr zurecht. Er glaubte, dass sich nichts zum Besseren ändern wird. An seinem 18. Geburtstag brachte Jan sich um.

Seine Familie und seine Freunde trauern seither – auch im Internet. Jans Mutter hat eine eigene Homepage eingerichtet, die sich mit dem Leben und vor allem dem Tod ihres Sohnes beschäftigt. Sie hat Gedichte von ihm ins Netz gestellt, Fotos, Chatprotokolle – und sogar seinen Abschiedbrief. Darin machte Jan deutlich, warum er sich umgebracht hat: “Ich bin ein Träumer, ich habe immer in meiner Traumwelt gelebt. Jetzt bin ich erwacht, und es ist schrecklich es anzusehen. Ich fühle mich nicht in der Lage auf dieser Welt, in dieser Gesellschaft zu bestehen.” Und: “Macht euch keine Sorgen, ihr hättet nichts daran ändern können! Du trägst keine Schuld.”

Dieser Satz ist auch ein Grund dafür, warum Jans Mutter diesen Brief im Internet veröffentlicht, ihn einer großen anonymen Masse zeigen will. Sie hat keine Schuld, das sollen die anderen lesen – und sie selbst auch. Genau das unterscheidet die Trauer der Eltern von Kindern, die sich umgebracht haben, von der Trauer der anderen verwaisten Eltern oder Geschwister: Die Frage nach der Schuld. Wenn ein Kind bei einem Verkehrsunfall ums Leben kommt, ist das ein schwerer Schicksalsschlag, die Frage nach der eigenen Verantwortung für den Tod stellt sich jedoch nur begrenzt. Begeht das eigene Kind Selbstmord, dann drängen sich den Eltern und Freunden Fragen auf. “Die Schuldfrage stellt sich immer”, sagt Petra Hohn, die Vorsitzende des Bundesverbandes Verwaiste Eltern in Deutschland e.V. (VEiD). Auch sie hat einen Sohn durch Suizid verloren. „Man fragt sich immer, ob es das eigene Versagen war, greift sich selbst an. Warum habe ich ihm das Auto gekauft, mit dem er verunglückt ist, warum habe ich nicht früher gemerkt, dass er krank war.“ Aber beim Suizid eines Angehörigen, seien die Zweifel noch stärker, ob man nicht selbst etwas zu dem Unglück beigetragen, sich falsch verhalten habe. Auch, weil zu den Vorwürfen, die man sich selbst macht, die der Umwelt dazukommen.

Die meisten der virtuellen Grabsteine sind Jugendlichen gewidmet, die ihrem Leben selbst ein Ende gesetzt haben. Die Weltgesundheitsorganisation geht davon aus, dass jeder Suizidtote zwischen fünf und sieben Angehörige hinterlässt. Das heißt, dass in Deutschland jährlich etwa 60.000 bis 80.000 Menschen direkt mit dem Freitod eines Familienmitglieds konfrontiert werden. Das sind mehr als durch Verkehrsunfälle, Gewaltverbrechen und Drogenmissbrauch zusammen. 15 Prozent aller Todesfälle in der Altersgruppe der 15- bis 20-Jährigen sind auf Suizid zurückzuführen.

Ein Weg, mit dem Verlust umzugehen, ist der Weg ins World Wide Web. Auch Matthias hat sich umgebracht. Seine Mutter hat ebenfalls eine eigene Homepage erstellt: Auf mehreren Seiten zeichnet sie seinen Lebensweg detailliert nach. Von seiner Geburt, über die Kolik, die er mit drei Jahren hatte, bis hin zu seiner Einstellung als Polizist – und schließlich seinem Tod. Petra Hohn vom VEiD sagt dazu: “Eltern reden doch ständig über ihre Kinder. Das gilt auch für Eltern, deren Kinder tot sind.” Aber irgendwann wolle das Umfeld keine Geschichten mehr vom Verlust der Kinder hören. Es ist überfordert. Für die Eltern sei es aber weiterhin wichtig, darüber zu sprechen. Darum verlagern sie ihre Kommunikation ins Netz.

“Diese Homepage ist entstanden, weil ich immer wieder das dringende Bedürfnis habe, mich einfach immer wieder mit Benny beschäftigen zu können. Irgendwie hilft mir das ein wenig, mich mit all dem, was passiert ist, auseinander zu setzen”, schreibt die Schwester von Benny, der sich am Neujahrstag 2007 erhängte. Die Mutter von Markus, gestorben 1997, schreibt: “Diese Seite ist eigentlich aus dem Gedanken entstanden, Markus ein Denkmal zu setzen. Mittlerweile aber besteht diese Seite insgesamt schon sieben Jahre und ist für mich eine Art Selbsthilfe geworden.” Petra Hohn sagt dazu: “Die Eltern können im Internet einfach alles rauslassen. Sie können ihre Sprachlosigkeit durchbrechen, ihre Kinder ein Stück weit weiterleben lassen.” “Sie haben gelebt!”, sollen diese Seiten sagen.

Wie die meisten anderen Gedenkseiten, haben auch die von Markus und Benny ein Gästebuch. Zum einen schreiben die Familienangehörigen dort Nachrichten an den Toten, sie gratulieren ihm zu Geburtstagen, die er nicht mehr feiern kann. Zum anderen dienen diese Gästebücher dem Austausch mit der lebenden Welt – auch mit anderen Eltern, die ein ähnliches Schicksal teilen. Auf Matthias’ Seite wird auf die von Markus unter der Rubrik “Andere Schicksale” hingewiesen. “Der Austausch im Internet ist auch eine wichtige Form der Trauer. Ein persönliches Gespräch kann das aber nicht ersetzen”, sagt Hohn.

Jans Mutter hat einen Aufruf auf die Gedenkseite geschrieben: “Denken Sie an die Menschen in Ihrer Umgebung – die sich isolieren und vielleicht einsam fühlen!” Am Ende fragt sie: “Haben Sie heute Ihr Kind schon umarmt und ihm von Ihrer Liebe erzählt?”

Hilfe finden Sie bei:

Bundesverband Verwaiste Eltern in Deutschland e.V.
An der Verfassungslinde 2
04103 Leipzig
Telefon: 0341 – 94 68 884
Telefonzeiten: Mo – Fr 9.00 – 12.00 Uhr
Mail: kontakt@veid.de
www.veid.de
oder bei
AGUS Angehörige und Suizid
Markgrafenallee 3a
95448 Bayreuth
Telefon: 0921 – 150 03 80
Fax: 0921 – 150 08 79
Bürozeiten: Mo – Do 9.00 – 12.00 Uhr, Mi 17.00 – 19.00 Uhr
Mail: kontakt@agus-selbsthilfe.de
http://agus-selbsthilfe.de
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  1. Ein sehr schöner Bericht, gerade in der Zeit wo Suizid leider doch ein sehr aktuelles Thema ist.


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