Die Energiewende im Kleinen

Immer mehr Kommunen und Regionen wollen ihren Energiebedarf durch grüne Ressourcen decken. Eine Autarkie, die keine ist – aber trotzdem Zukunft hat.

Auf den ersten Blick wirkt Wolfgang Zirngibl nicht wie jemand, der als Werbefigur für die Umstellung auf erneuerbare Energien dienen könnte. Der Bürgermeister  ist in den 50ern, trägt Goldarmkettchen, Goldkette, Lederjacke und hat ein Parteibuch der CSU. Also von der Partei, die auch die Aschaer Gemeinde politisch dominiert: Fünf CSUler, fünf Freie Wähler und zwei SPDler sitzen im Gemeiderat, kein einziger Grüner.

Unauffällig fortschrittlich: die niederbayerische Gemeinde Ascha ist ein bekanntes Beispiel, wenn es um die erfolgreiche Umsetzung von Energieautarkie geht
Unauffällig fortschrittlich – die niederbayerische Gemeinde Ascha

Grün ist die Gemeinde Ascha in Niederbayern trotzdem: Mit 1540 Einwohnern ist sie ein Vorzeigemodell. Wichtige Namen der bayerischen Politik sind schon da gewesen, auch ausländische Gäste wie Vertreter der nigerianischen Regierung kommen, um das Projekt Ascha anzusehen, das Projekt grüne Energieautarkie. Die Gemeinde produziert schon jetzt mehr Strom als sie verbraucht – und das aus regenerativen Quellen: Sonne und Biogas. In fünf Jahren soll die Wärme folgen. Bisher sind 46 Prozent der Einwohner durch das eigene Netz mit regenerativer Wärme versorgt, am Ende sollen 100 Prozent stehen.

100 Prozent – das ist auch das magische Ziel von Gemeinden und Landkreisen wie Altötting, Fischerhude, Gehrden und Ebersberg. Immer mehr Kommunen und Regionen wollen ihren gesamten Strom, ihre Wärme in Zukunft  mit Hilfe von Windrädern, Biogasanlagen oder Hackschnitzelanlagen in Eigenregie erzeugen. Das zeigt auch eine Befragung des „Kompetenznetzwerks dezentrale Energietechnologien“ (Deenet), einer Kooperation aus Forschung und Industrie, im Projekt „100%-EE-Regionen“ aus dem Jahr 2008. Allein von 2005 bis 2008 soll die Anzahl von 100%-Beschlüssen von etwa einem auf durchschnittlich sechs Beschlüsse pro Jahr angestiegen sein. Rund 100 Kommunen und Regionen sind auf der Karte von Deenet eingezeichnet, die auf dem Weg zu 100% grüner Energie aktiv sind. Vollständig ist sie nicht, aber eine der umfassendsten Karten bisher.

Auch Dr. Chantal Ruppert-Winkel schätzt die Zahl der Kommunen, die ihre Energieversorgung umstellen wollen, auf hundert. Sie befasst sich an der Alberts-Ludwigs-Universität Freiburg in einem sozialökologischen Forschungsprojekt mit Erfolgsbedingungen von Selbstversorgerkommunen. Für das Anwachsen der Energieautarkie sieht sie mehrere Gründe. „Der Anstieg der Energiepreise hat solche Überlegungen in Gang gesetzt: Können wir das selbst nicht besser? Dann haben sich natürlich auch im Bereich der erneuerbaren Energien die Technologien enorm weiterentwickelt und Klimaschutz ist auf der Agenda in Deutschland in den letzten Jahren hochrangig angesiedelt.“ Gerade dadurch gebe es auch immer mehr Förderprogramme im Bereich der Energieautarkie. Anreize für Dörfer und Regionen sind groß – sei es die Suche nach neuen Bioenergieregionen in Wettbewerben oder die Einspeisevergütung durch das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG). Dadurch wird möglich, dass die Einspeisung von grünem Strom mit Geld belohnt wird. Auch Kommunen wie Ascha profitieren davon.

Im Eingangsbereich des Gemeindehauses hängen feinsäuberlich Urkunden: Ascha, der Dorferneuerungspreis-Gewinner, Ascha, die Klimaschutzkommune, Ascha, der Gewinner des European Energy Awards. “Das nimmt man so mit”, sagt der Bürgermeister dazu. Man sei aber doch ein bisschen stolz. Von der Vorreiterrolle im Gemeindehaus ist in der Gemeinde selbst zunächst wenig zu spüren. Es gibt einen „alten Dorfweg“, der einen kleinen Hang hinunter zum Sportplatz führt, einen kleinen „Nah und frisch“-Laden und einen Gäubodenbäcker, der Feierabendbrot verkauft. Nur das Dach der Turnhalle sticht heraus, es besteht fast gänzlich aus Solarzellen. Bei der Umsetzung der Energieziele setzt die Gemeinde auch auf die Bürger. Sie sollen zum Beispiel durch Demonstrationsanlagen und Stromsparwettbewerbe motiviert werden, selbst zu handeln.

In Ascha arbeiten dafür Bürger in der Projektgruppe Energie unter Leitung von Maria Kulzer an neuen Aktionen. Der Gemeinderat unterstützt sie dabei. So hat er das Dach der Turnhalle kostenlos zur Verfügung gestellt. 13 Bewohner besitzen darauf Photovoltaikmodule, ein Bürgersolarkraftwerk . “Durch diese Projekte erreichen wir viele Bürger”, sagt Maria Kulzer, die Projektleiterin. Das Geld, das die Gemeinde durch eigene Anlagen und Anteile selbst an der Energieumstellung verdient, wird wieder in neue Projekte investiert. “Eigentlich kann in puncto Strom fast jede Gemeinde autark werden, wenn man ein bisschen erfindungsreich ist”, sagt Frau Kulzer. Sie selbst ist bereits ans Nahwärmenetz angeschlossen, besitzt Photovoltaikmodule auf der Turnhalle.

Ohne große Anlagen kommt die Gemeinde aber bei der Energiewende nicht aus: Es gibt eine Biogasanlage, eine Hackschnitzelanlage für die Nahwärme, und wenn man Ascha auf der Landstraße verlässt, passiert man einen Solarpark, in dem sich mehrere Meter große Solarmodule wie riesige Satellitenschüsseln in den Himmel strecken. Statt Getreide wird hier Energie geerntet. Drei Hektar ist die Anlage groß, der Betreiber ist kein Energiekonzern, sondern Elektriker Franz Berl. Den Modulwald betreut er alleine. Durch die großen Anlagen wird der Hauptteil der Strombilanz gedeckt.

Erneuerbare Energien als Kapital, Franz Berl steuert mit seinem Solarpark einen beträchtlichen Anteil für die Energiebilanz des Dorfes bei

Erneuerbare Energien als Kapital, Franz Berl steuert mit seinem Solarpark einen beträchtlichen Anteil für die Energiebilanz des Dorfes bei

Die Energieautarkie, letztendlich sieht sie der Bürgermeister Zirngibl als Weg zu einer lebenswerteren Gemeinde: „Ich sage immer, wir machen keine Energie sondern Gemeindeentwicklung.” Eine Motivation, die für viele Kommunen eine Rolle zu spielen scheint. Als das Kompetenznetzwerk deenet 2008 rund fünfzig 100%-EE-Regionen nach der Motivation zur Energieautarkie befragte, stand die regionale Wertschöpfung und Entwicklung an erster Stelle, noch vor der Unabhängigkeit von Ölpreisen und der Verwirklichung der Klimaschutzziele der Bundesregierung.

Dass die Energiewende im Kleinen ein wichtiger Mosaikstein für die großen Ziele sein kann, das glaubt Peter Moser, der Verantwortliche für die Studie von Deenet. Er sieht sie als Multiplikatoren für allgemeine Maßnahmen der Bundesregierung. „Die Bevölkerung kann dabei auch wirklich selbst entscheiden, ob sie die Anlage will oder nicht“, sagt er. Daraus werde mehr Engagement bei Projekten wie dem Klimaschutzprogramm gefordert. “Zumindest bei den Entscheidungsträgern ist die Akzeptanz bestimmt höher, solche Maßnahmen dann auch umzusetzen.” Energieselbstversorgung, eine Motivationsmaßnahme also für den Klimaschutz.

Vielleicht macht es dabei auch nichts, wenn der grüne Traum von der Energieumstellung nicht ganz perfekt ist. Denn die Bemühungen um 100 Prozent grüne Energien sind eher symbolisch. Ein geschlossener Kreislauf ist aber nur theoretisch möglich, als autark gilt, wer rechnerisch so viel produziert, wie verbraucht wird. Im Strombereich geht diese Rechnung nicht auf, der Strom veschwindet in den Netzen der Energiekonzerne.

Und die Nutzerseite? Dass die Bewohner weiterhin auf Verbrauch von Atomstrom trotz 100%-EE-Region setzen, ist nicht ausgeschlossen. Bei der Wärme ist zwar ein eigenes Netz möglich, doch auch hier hängt die Entscheidung allein vom Bürger ab. Wie sinnvoll sind am Ende die Energieautarkie-Ziele, wenn es keine Kontrolle der Nutzerseite gibt? „Wenn das jeder so macht, dann kriegen wir so einen Strom nicht”, erwidert der Aschaer Bürgermeister Wolfgang Zirngibl, wenn man ihn darauf anspricht, und: “Wenn nicht einer anfängt, dann wird es nicht besser.”

Inzwischen haben sich auch große Landkreise wie München die Energieumstellung zum Ziel gesetzt. Bis 2050 soll dort die ganze Energie grün sein. Eine lange Zeit. Ob alle Kommunen, die heute planen, am Ende die 100 Prozent auch erreichen werden, ist unsicher. „Die Unterschiede in der Qualität der Beschlüsse sind sehr groß“, sagt auch Peter Moser. Rund ein Viertel der Regionen in der Umfrage von Deenet hatte weder einen politischen Beschluss noch ein Zielkonzept, rund 80 Prozent derer, die ein Konzept hatten, hatten kein Zieljahr für das 100-Prozent-Ziel angegeben.

Ascha hat dagegen sein Ziel schon fast erreicht. Und während Zirngibl bereits über elektrische Mobilität und energieautarke Häuser nachdenkt, fangen die Solarmodule des Elektrikers Berl den Rest der spärlichen Sonne ein.

Fotos: Silke Schmidt-Thrö

 

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