Getauscht haben die Menschen schon immer. Angenommen ich möchte etwas haben, das einem Anderem gehört, dann muss ich ihm im Gegenzug etwas bieten. Aber der direkte Tausch hat seine Nachteile. Gefällt dem Anderen, was ich ihm anbiete? Sind die Sachen gleich viel wert?
Für solche Zwecke wurde Geld erfunden. Damit kann ich einkaufen, wann ich will und bei wem ich will. Es müssen nicht mal Euro oder Dollar sein. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde mit Zigaretten bezahlt, bei Naturvölkern erfüllten Muscheln, Kuhschädel oder Federn denselben Zweck. Wichtig ist nur, dass das, was als Geld kursiert, allgemein akzeptiert ist.
Tauschringe, sogenannte Barter-Clubs, funktionieren nach diesem Prinzip. Dort wird nicht mit Tierschädeln bezahlt, sondern mit virtuellen Währungen. Die heißen in Deutschland pagadoo, Tradeunits oder Barter-Dollar. Getauscht wird alles, was Firmen eben so brauchen. Nur in Euro umtauschen, kann man die virtuelle Währung nicht.
Ein Beispiel: Ein Anwalt braucht eine Hotelübernachtung. In seinem Tauschring findet er einen Hotelbesitzer und einigt sich mit ihm darauf, hundert pagadoo zu zahlen. Die werden auf dem Konto des Hotelbesitzers gut geschrieben und dem Anwalt abgezogen. Der Hotelier kann nun mit seinem neuen Guthaben bei jeder Firma im Tauschring einkaufen.
Die Konten, über die die virtuelle Währung abgerechnet wird, werden von Barterfirmen verwaltet, zum Beispiel von der Firma pagadoo, die Reiner Husemann vor fünf Jahren gegründet hat. Bei pagadoo bartern – was übersetzt nichts anderes heißt als tauschen – mittlerweile 60.000 Unternehmen und Privatleute. Mitglied werden kann prinzipiell jeder, pagadoo verlangt von Unternehmen Gebühren für die Nutzung der Konten, Privatpersonen zahlen nichts.
Bartern hat für Husemann einen großen Vorteil: Man muss kein Geld in die Hand nehmen, um einzukaufen. Seiner Meinung nach haben Barter-Clubs deswegen zurzeit so regen Zulauf. Denn seit der Finanzkrise vergeben Banken weniger Kredite, so dass viele Unternehmen weniger Geld zur Verfügung haben. „Es gibt kein besseres Geschäft als das, bei dem ich mit meiner eigenen Leistung bezahle.“ Laut Husemann können solche Netzwerke in Krisenzeiten stabilisierend wirken, weil dort Geschäfte gemacht werden, die sonst nicht zustände kämen.
Wie groß ein solcher Barter-Club werden kann, zeigt ein Beispiel aus der Schweiz. Dort wurde 1934 während der Weltwirtschaftskrise ein Tauschring gegründet. Damals waren – ähnlich wie heute – Kredite knapp. Die Firmen, vor allem kleinere, schlossen sich zusammen und fingen an, untereinander zu tauschen. Den Ring gibt es noch heute: Er heißt inzwischen Wir-Bank, gut ein Viertel der Firmen in der Schweiz sind darin organisiert, der Umsatz betrug 2008 rund 1,6 Milliarden Schweizer Franken.
Getauscht wird auch dann, wenn die politischen Umstände es erfordern. 1972, zur Zeit des Kalten Krieges, vereinbarten PepsiCo und die sowjetische Regierung das, was später als Pepsi-Deal bezeichnet wurde. Pepsi durfte als erstes westliches Produkt im russischen Markt Fuß fassen. Im Gegenzug hat PepsiCo Stolichnaya Wodka auf dem US-Markt vertrieben. Der Deal wurde zuletzt 1990 erneuert.
Weltweit gibt es rund 700 Barter-Clubs. Der Dachverband, die International Reciprocal Trade Association (IRTA) schätzt, dass jedes Jahr 600 Milliarden US-Dollar umgesetzt werden. Genaue Zahlen gibt es dazu allerdings nicht. Husemann, der im Vorstand der IRTA sitzt, vermutet, dass es zehn kommerzielle Barter-Clubs in Deutschland gibt. Genauer weiß er es nicht, weil sich gerade neue Netzwerke gründen – wie Bavaria Barter oder Barter Deutschland – und weil sich einige Clubs in internationalen Netzwerken zusammenschließen.
In Deutschland sind Handelsringe noch vergleichsweise klein. Husemann glaubt aber, dass in Zukunft 20 Prozent der deutschen Unternehmen in Barter-Clubs organisiert sein werden. Wobei: „eine weitere Finanzkrise die Entwicklung zweifellos beschleunigen würde”.
Foto: Nagendra Jujaray














