Parksport
Voll auf Linie
Balancieren auf dem Band, das ist Slacklinen. Der Sport erfordert vollen Körpereinsatz – und ist zugleich eine Art Meditation auf die wackelige Art.
Für einen Moment konzentriert sich alles auf die Strecke zwischen zwei Bäumen. Die Füße suchen Halt auf dem schmalen Band aus Polyamidfasern. Jeder Muskel ist angespannt. Die Line schwingt hin und her, die Arme versuchen, den Körper im Gleichgewicht zu halten. Man denkt an nichts anderes als an die paar Meter, die vor einem liegen. Der Kopf wird frei. Dann verliert man den Halt und springt auf den Boden. Nichts passiert, sind ja nur ein paar Zentimeter.
Je länger, desto schwieriger
Der Student Bernd Hassmann, 27, ist ein großer Slackline-Fan. Am liebsten geht er im Englischen Garten „online“. Dort trifft sich, sobald die Sonne scheint, die Münchner Slackline-Szene.
Zwei Bäume und ein Slackline-Set: Mehr braucht man zum Balancieren nicht. (Video: FAST Online, Musik: Panteón Rococó)
Früher mussten sich die Slackliner ihre Ausrüstung selbst aus Klettermaterial zusammenstellen. Heute gibt es Slackline-Ausrüstung fertig zu kaufen, ein Einsteigerset schon ab 50 Euro. Es besteht aus zwei Baumschutz-Bändern, zwei Baumschlingen, einer Ratsche zum Spannen der Line und natürlich der Slackline selbst. Eine klassische Slackline ist 25 oder 30 Millimeter breit. Anfänger tun sich manchmal leichter auf einer breiteren Line, wie sie Bernd in den Videos verwendet. Seine Line ist 50 Millimeter breit. Slacklines gibt es in verschiedensten Längen, für den Anfang tun es 15 oder 25 Meter. Faustregel: Je länger die Line, desto schwieriger das Balancieren.
Bernd Hassmann ist schon halber Profi: Er wird von einer Slacklinefirma gesponsert. (Video: FAST Online)
Bernd studiert Maschinenbau und schreibt gerade seine Diplomarbeit; er entwickelt eine neue Bindung für Telemark-Ski. Aber so oft es geht, verbringt er Zeit im Park. Bernd slackt seit drei Jahren. Mit seinen Tricks hat er es bis zu „Wetten dass..?“ geschafft. Im Februar 2010 stieg er vor Thomas Gottschalk auf die Line, ließ im Sprung mit seinem Po Luftballons platzen – und wurde so zum Wettkönig. „Michelle Hunziker ist hinter den Kulissen total nett“, sagt Bernd. Die Moderatorin probierte die Slackline selbst aus, erzählt er. Obwohl ihr Team ihr davon abgeraten habe – sie hätte sich ja den Knöchel verstauchen können.
Jetzt wird's ernst: Bernd zeigt, wie man die ersten Schritte auf der Line meistert. (Video: FAST Online)
Das Slacklinen haben Kletterer im kalifornischen Yosemite-Nationalpark erfunden. Wenn sie bei schlechtem Wetter nicht an den Felsen klettern konnten, spannten sie auf dem Parkplatz Ketten oder Taue und balancierten darauf. Das war gutes Training und machte viel Spaß. Seit Anfang der achtziger Jahre benutzten sie dafür Bänder aus ihrer Kletterausrüstung. Das Slacklinen in seiner heutigen Form war erfunden. Aber außer ein paar verrückten Kletterern kannte es zunächst niemand.
Im Internet findest du dazu:
- Treffen: Ein Forum von und für Slackliner
- Nachlesen: Geschichte des Slacklinens
- Anschauen: Bernd Hassmanns Slackline-Auftritt bei „Wetten dass..?“
Freaks auf der Highline
Irgendwann schwappte Slacklinen auch nach Deutschland herüber und breitet sich seit einigen Jahren immer weiter aus. Das Balancieren auf der „lockeren Leine“ wird langsam aber sicher zum Breitensport. Auch in der Ergotherapie schickt man Patienten schon aufs Band. Wer auf die Slackline geht, trainiert Gleichgewichtssinn und Koordination. Auf weniger Gegenliebe stößt der neue Sport bei den Wächtern über Parks und sonstige Grünflächen. Im Englischen Garten wird das Slacklinen toleriert – solange die Bäume keinen Schaden nehmen.
Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne: Che wagt sich auf die Slackline. (Video: FAST Online, Musik: Panteón Rococó)
Anfänger wie Che haben für die Bäume kein Auge frei. Sie wanken meist wie angetrunken übers Band (siehe Video). Vielleicht sollte sich Che mit Gleichgesinnten auf einem Slackline-Festival austauschen. Da kann er noch eine Menge lernen. Was Festivals angeht, hat er eine große Auswahl. Denn die Szene wächst ständig und Slackliner-Treffen gibt es in ganz Europa. Eines der bekanntesten ist das Slackline-Festival im kleinen Tiroler Ort Scharnitz, das der Slackline-Pionier Heinz Zak veranstaltet.
Und jetzt die Kür: Bernd zeigt seine besten Tricks. (Video: FAST Online, Musik: Panteón Rococó)
Sie sehen locker aus, die Slackliner, wenn sie scheinbar ohne Mühen über das Band tanzen und sich in der Luft drehen. Aber manchmal endet das Ganze nicht so locker und sie verletzen sich. In Internetforen berichten Slacker von Bänderrissen und Knochenbrüchen. Besonders aufpassen müssen die Sportler auf der sogenannten Highline: Da balancieren Slackline-Profis über hundert Meter tiefe Schluchten. Manchmal sogar ohne Sicherung.





