Daily Soaps

Feierabend mit Freunden

Tägliche Seife: Es sind einfach unsere Freunde (Foto: Mario Spann / flickr)

Daily Soaps: Wir brauchen unsere fiktiven Freunde wie unsere tägliche Seife (Foto: Mario Spann/flickr)

Liebe, Gewalt und Intrigen: Daily Soaps sind aus dem deutschen Vorabendprogramm nicht mehr weg zu denken. Warum wir den endlosen TV-Trash brauchen.

Liebt Katrin Leon noch immer? Wird Helena dahinter kommen, dass ihr Bruder sie liebt und gewinnt Inge den Kampf gegen das Todes-Virus? Diese Fragen beschäftigen uns jeden Abend vor dem Fernseher. Daily Soaps spalten nicht nur die Nation, sondern auch unsere Persönlichkeit. Denn zumindest eine Hälfte von uns weiß: alles Trash.

Daily Soaps sind unrealistisch

Wir wissen, dass dieses Genre nur entstanden ist, damit die Hersteller ihre Haushaltsprodukte besser an die Frau bringen. Uns ist klar, dass die Darsteller weit davon entfernt sind, einen Oscar für ihre schauspielerische Leistung zu erhalten. Und wir wissen auch, dass die Dramen, die sich jeden Abend im Mauerwerk, im Marienhof oder im Schloss Königsbrunn abspielen, nichts mit der Realität zu tun haben. Aber sie könnten.

Die Gesellschaft spiegelt sich in der Soap wieder

Denn fast alle Soaps greifen gesellschaftliche Entwicklungen auf und beziehen immer wieder neue Lebensformen in ihre Geschichten ein. Es wird gemobbt, geschlagen und getötet. Da gibt es ein schwules Pärchen und eines, das sich über das Internet gefunden hat. Einer nimmt Drogen, ein anderer leidet an Kaufsucht. Die eine hat Bulimie, der andere eine Tochter, von der er bisher nichts wusste. So ist für jeden etwas dabei, womit er sich identifizieren kann.

Die Figuren werden zu unseren Freunden

Die Identifikation geht sogar so weit, dass Forscher von dem Phänomen der parasozialen Beziehung sprechen. Durch das jahrelange gemeinsame Abendessen mit den Figuren entsteht eine Vertrautheit. Wir haben das Gefühl, die Figuren zu kennen, da wir an ihrem Leben teilhaben. Auch wenn wir nebenher bügeln oder den Abwasch machen, erkennen wir alleine an den Stimmen, wer von unseren “Freunden” gerade spricht. Aber die Soaps erfüllen noch einen anderen Zweck.

Durch die Soap wissen wir: Jetzt ist Feierabend

Sie ersetzen unseren Terminkalender, sind unsere innere Uhr. Was dem einen sein Feierabendbier, ist dem anderen seine Soap. Durch beides wird klar: Die Arbeit des Tages ist getan. Jetzt beginnt die Zeit, in der man die Freiheit hat, selbst zu wählen - die Freizeit. So strukturieren die Serien unseren Tag, der auch neben der Arbeit nicht viel Abwechslung bringt.

Angesichts all der Tragödien, die sich täglich in unserem Fernseher abspielen, wird eines klar: Unser Leben ist nicht annähernd so spannend wie das der Charaktere. Viel spannender ist es für uns deshalb, am Abend unsere Neugier zu befriedigen. Wir schauen gebannt hin, als wäre es das Wohnzimmer unserer Nachbarn. Wir überlegen, wer zusammenpasst, analysieren die Probleme der Figuren und raten, wie es am nächsten Tag weiter gehen wird. Somit werden wir zu einem Teil des Geschehens. Mittendrin statt nur dabei. Im Vergleich zu den Jo Gerners der Fernsehwelt haben wir jedoch einen entscheidenden Vorteil. Wenn wir den Fernseher abschalten, lösen sich alle Konflikte und Intrigen in Luft auf und wir können beruhigt ins Bett gehen.

Von Nicole Ficociello

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