Extremsport

„Die Befreiung kommt ganz oben“

Marcus Wunsch über den Wolken im Wingsuit

Über den Wolken: Maxi Werndl gleitet im Wingsuit über dem Allgäu (Foto: Matthias Hilscher)

Mit Extremsportarten brechen viele Menschen aus dem Alltag aus. Maxi Werndl, 22, stürzt sich regelmäßig aus dem Flugzeug, nur mit Flügeln. Im Interview versucht er, uns das einzigartige Gefühl in der Luft zu erklären – und scheitert.

Unklartext: Maxi, du bist zehn Jahre lang Autorennen gefahren, jetzt stürzt du dich bei schönem Wetter aus 4 000 Metern Höhe ins Nichts. Suchst du den extremen Kick?
Nein, ganz im Gegenteil. Ich komme zur Entspannung auf den Flugplatz. Hier kann ich mich fallen lassen. Fliegen macht einfach Spaß und bedeutet für mich die absolute Freiheit. Wenn ich im Wingsuit durch die Luft gleite, fühle ich mich wie ein schneller Vogel.

Was ist denn ein Wingsuit?
Das ist ein Anzug aus Nylon, bei dem sich ein Stück Stoff zwischen Armen und Beinen spannt. Das Ganze sieht aus wie die Flughaut einer Fledermaus. Beim Absprung füllt sich der Stoff mit Luft – und die Springer gleiten wie Vögel durch die Wolken.

Das machen Fallschirmspringer doch auch. Wo ist der Unterschied?
Mit dem Wingsuit bin ich viermal länger in der Luft als die Fallschirmspringer. Die haben nur 40 Sekunden Zeit, bis sie ihren Schirm öffnen müssen, weil sie viel schneller an Höhe verlieren als wir. Ich will aber fliegen und nicht runterfallen.

Hast du überhaupt keine Angst, wenn sich die Tür des Flugzeugs öffnet und du rausspringst?
Ich bin vor jedem einzelnen Sprung nervös. Ich kontrolliere tausend Mal die Ausrüstung und checke, ob alles richtig sitzt. Immer wieder gehe ich den Handlungsablauf für ein Abtrennmanöver durch, falls sich der Hauptschirm nicht richtig öffnen sollte. Im Steigflug gehe ich den Flugplan immer und immer wieder durch und blende alle Ängste aus. Doch die Befreiung kommt erst ganz oben, wenn sich die Türe des Flugzeugs öffnet. Dann geht’s endlich raus.

Und dann?
Sobald ich die Angst abgelegt habe, ist es einfach nur der Wahnsinn. Dann habe ich drei Minuten Zeit, um dieses geile Gefühl in der Luft zu leben.

“Ich kann fliegen, wohin ich will”

Was ist dieses geile Gefühl genau?
Schwer zu sagen. Es dauert in der Luft immer eine Weile, bis ich überhaupt begreife, was gerade passiert. Dieses Gefühl muss man einfach selbst erleben, das kann niemand richtig beschreiben. Ich kann es selbst kaum mehr nachvollziehen, wenn ich wieder zu Hause bin. Das ist eine eigene Welt da oben.

In Deutschland gibt es rund 500 Wingsuit-Springer. Für alle, die sich das nie trauen würden: Was passiert in der Luft?
In der Luft ist der gesamte Körper angespannt. Die ideale aerodynamische Position habe ich, wenn ich während des Flugs Ellbogen und Schultern nach vorne drehe und mit dem gesamten Körper versuche eine Tragflächenform nachzubilden. Ich strecke die Zehenspitzen und halte den Stoff des Anzugs in den Händen. Im Wingsuit kann ich rauf und runter fliegen, schneller und langsamer werden. Ich kann fliegen, wie ich will und wohin ich will.

Wie änderst du deine Flugrichtung?
Dazu muss ich nur einen Arm oder ein Bein ein bisschen bewegen. Lege ich zum Beispiel einen Arm an den Körper an, drehe ich mich auf den Rücken. Wenn wir zu zweit oder mit mehreren Leuten unterwegs sind, wollen wir möglichst eng zusammen fliegen und versuchen verschiedene Formationen. Das ist nicht leicht, da jeder Springer ein anderes Körpergewicht, einen anderen Anzug und unterschiedliche Erfahrungen besitzt und sich somit erst anpassen muss. Falls es gut funktioniert, kann man sich sogar aneinander festhalten.

Welche Formation ist denn die Schwierigste?
Der Kreativität sind in der Luft keine Grenzen gesetzt. Einige arbeiten an der größten Formation der Welt, wieder andere an akrobatischen Choreografien. Unser nächstes Ziel ist der Vierer-Diamant „gedockt“. Das ist eine rautenförmige Viererkette mit Körperkontakt – die haben wir noch nie geschafft.

Ob Wingsuit-Springen gefährlich ist: Lesen Sie mehr auf Seite 2

Seite: 1 2

Noch irgendetwas unklar?

Mehr im Heft

Mehr im Internet