
Verhört sich auch selber mal: Autor Roman Kellner (Foto: privat)
Roman Kellner ist Verhörbuch-Autor. In „Von Eisbärsalat bis Knöchelverzeichnis“ hat der Österreicher gehörte Wortverdreher gesammelt – und untersucht, warum unsere Ohren die Welt manchmal falsch verstehen.
Was ist Ihr persönlicher Lieblingsverhörer?
Ich mag Verhörer, die mehr Sinn ergeben als das Original. Viele Kinder wissen zum Beispiel nicht, was ein Musketier ist. Aber ein Muskel-Tier – das können Sie sich gut vorstellen. Und es gibt viele englische Verhörer, die ich mag. Bob Dylan etwa singt „The answer my friend“ und ganz viele verstehen “The ants are my friends” also “Die Ameisen sind meine Freunde“. Da gibt’s sehr herzige.
Verhören Sie sich eigentlich selber oft?
Ja, verhören, versprechen, verschreiben. Ich war 20 Jahre alt, als ich draufgekommen bin, dass das Handspiel beim Fußball nicht „Heinz“ heißt. Ich habe mir einfach den Namen „Heinz“ vorgestellt und wäre nie draufgekommen, dass das Englisch ist und „hands“ heißt. Das war einer der Gründe, warum ich angefangen habe, Verhörer zu sammeln. Irgendwann hatte ich ein paar Hundert zusammen und habe beschlossen, ein Buch zu machen.

Weihnachtslied "Oh du fröhliche" - Verhörer: " Oh du fröhliche, oh du selige, knabenbringende Weihnachtszeit" - Echt: "Oh du fröhliche, oh du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit"
Warum verhören wir uns überhaupt?
Es gibt zwei große Richtungen, wo Verhörer herkommen. Das eine sind akustische Gründe. Es gibt eine starke Häufung von Verhörern, wenn man Dialektsprecher hört, wenn man Popsongs hört oder wenn man in der Kirche ist. Da ist die Akustik einfach nicht ideal für’s Hören. Es kann aber auch sein, dass die Bedeutung nicht verstanden wird, weil sie nicht zum mentalen Lexikon passt – also weil es ein Fremdwort ist oder weil ein naheliegenderer Begriff existiert. Man hört das, was in das eigene Universum hineinpasst. Im Weihnachtslied „Oh du Fröhliche“ etwa hören viele „knabenbringende Weihnachtszeit“ statt „gnadenbringende“ und das passt ja, weil an Weihnachten ein kleiner Knabe zur Welt gebracht wurde.
Bei den meisten Verhörern kommen trotzdem sinnvolle Sätze heraus. Warum?
Das Gehirn ist bemüht, diesen Sinn zu suchen. Ein Verhörer, der nur ein Kunstwort ist, funktioniert eigentlich nur bei Kindern. Sie sind an ihren begrenzten Sprachschatz gewöhnt. Es tauchen immer neue Wörter auf. Wir Erwachsenen dagegen schauen schon sehr, dass alles Sinn ergibt.

Nenas "99 Luftballons" - Verhörer: "Heute zähl' ich meine Wunden" - Echt: "Heute zieh' ich meine Runden"
Oft haben verschiedene Menschen den gleichen Verhörer. Wie kann das sein?
Verhörer sind oft einfacher und passen besser. Der „Fell-Hase“ zum Beispiel ist vorstellbarer als der „Feldhase“. Bei Nenas „99 Luftballons“ hören manche „heute zähl’ ich meine Wunden“ statt „heute zieh’ ich meine Runden“ – das ist nach so einem Krieg, wie er in dem Lied beschrieben wird, nicht so schlecht, macht Sinn und deshalb hören das viele so.
Wie reagieren Menschen, wenn ihr jahrelanger Hör-Irrtum aufgeklärt wird?
In einer Gruppe kann das peinlich sein. So war’s bei mir mit „Heinz“. Sonst ist es wirklich eine Art Erleuchtung für die Leute. Da gibt es einen ganz bestimmten Gesichtsausdruck, den ich jetzt vor Augen habe. Verhörer fügen sich immer sehr angenehm in das Vorhandene ein und warten auf den Moment der Entdeckung. Aber wahrscheinlich sterben wir alle mit unzähligen schönen Verhörern, die nie aufgedeckt werden.
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