Rollenspiele

Verlorenes Würfelglück

Für Tischrollenspieler unentbehrlich: Würfel in verschiedenen Varianten (Foto: Tiffa130/flickr)


Das Online-Rollenspiel World of Warcraft wird von Millionen Menschen gespielt – traditionelle Tischrollenspiele geraten in Vergessenheit.


Am 7. Dezember 2010 erschien mit „Cataclysm“ die dritte Erweiterung zu World of Warcraft, einem der weltweit erfolgreichsten Online-Rollenspiele. 11,99 Euro kostet ein Monatsabo, zwölf Millionen Zocker gehen in der Fantasiewelt Azeroth auf Monsterhatz. Das Erfolgsrezept: Jeder Spieler verkörpert ein frei wählbares, fiktives Alter Ego. Der picklige Elftklässler verwandelt sich in einen mächtigen Krieger, der unscheinbare Sachbearbeiter in einen mysteriösen Zauberer. Jeder darf das sein, wovon er schon immer geträumt hat. Selbstverwirklichung im Netz.

Kopfkino mit Freunden

Was nur wenige Computerspieler wissen: Schon vor dem Anbruch des Online-Zeitalters gab es Rollenspiele. Nur wurde damals nicht am Rechner gespielt – sondern am Küchentisch, mit Bleistift, Würfeln und guten Freunden. Gemeinsam wurde eine Geschichte erzählt, alles spielte sich vor dem inneren Auge ab. Es ging um Vorstellungskraft und Kreativität, um Kopf- und nicht um Effektkino. Die ersten dieser Pen-and-Paper-Rollenspiele wurden Anfang der 1970er Jahre entwickelt, ihre beste Zeit hatten sie in den 1980/90er Jahren. Spiele wie „Das Schwarze Auge“ oder „Dungeons & Dragons“ erzielten Millionenauflagen.

Vom Tisch auf den Rechner

Die ersten Computer-Rollenspiele waren wenig mehr als eine optisch aufpolierte Eins-zu-Eins-Umsetzung der Tischrollenspiele. Die Idee war einfach: Die meisten Spielergruppen kamen aus Zeitgründen nur am Wochenende zusammen. Sie sollten die Möglichkeit kriegen, ihrem Hobby auch allein und unter der Woche nachzugehen. Dass der digitale Abklatsch das gedruckte Original kannibalisieren würde, war noch nicht absehbar.

Schneller, Bunter, Lauter

Der Wandel ging schleichend vonstatten. Die Rechner wurden schneller, die Grafik bunter und die Soundeffekte bombastischer. Das Aussehen der Computer-Rollenspiele näherte sich der imaginierten Welt der Pen-and-Paper-Rollenspiele immer weiter an – nur waren sie viel einfacher zu konsumieren. Die zeitfressende Vorbereitung der Spielabende, die endlose Blätterei in umfangreichen Regelwerken, die komplizierte Auswertung der Würfelergebnisse: All das wurde den Spielern vom Computer abgenommen.

Das Ende der Tischrollenspiele

Das Internet besiegelte das Ende der Pen-and-Paper-Rollenspiele. In den neuen Multiplayer-Onlinespielen können die Spieler per Knopfdruck jederzeit in die Fantasiewelt ihrer Wahl abtauchen, um sich mit Gleichgesinnten zu treffen. Heute gibt es in Deutschland Schätzungen zufolge noch etwa 3.000 Tischrollenspieler – „Cataclysm“, die neue Erweiterung von World of Warcraft, wurde am ersten Verkaufstag 3,3 Millionen Mal verkauft.

Von Timo Kather

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