Social Network Games

Zähme die Wildnis

Hacken, füttern, bauen (Screenshot: Peter Seiffert)

„FrontierVille" auf Facebook: Hacken, füttern, bauen... (Screenshot: Peter Seiffert)

Hunderte Millionen entfliehen dem Alltag, indem sie „FarmVille“, „FrontierVille“ oder „Bubble Island“ über Facebook spielen. Eine gute Idee? Wir haben es getestet, mit einem Entwickler gesprochen – und dabei so manchen Mord verübt.

Schon nach wenigen Minuten soll ich heiraten. „My darling, do we have a place to live yet? I am counting the days“, hat mir meine Geliebte in die Wildnis geschrieben. Mein Auftrag lautet also: Bäume hacken, eine Hütte bauen und immer wieder Bären vertreiben, indem ich vor ihnen auf und ab springe und „Hey, hey“ rufe. Das alles geschieht allerdings virtuell: Ich spiele „FrontierVille“, das neueste „Social Network Game“ auf Facebook. Und ich spiele mehrere Spiele gleichzeitig online, „FarmVille“, „Monster Island“, „MafiaWars“.

Heute war ich schon naturverbundener Farmer, eiskalter Mafiakiller, gärtnerndes Monster. Eine gute Möglichkeit, der Welt zu entfliehen? 55 Millionen Menschen monatlich spielen den Klassiker „Farmville“, über 30 Millionen „FrontierVille“, knapp 15 Millionen „MafiaWars“. Für die Entwickler dieser Spiele zählt nur eins: Sie wollen die Spieler an ihre – zunächst kostenlosen – Spiele fesseln und möglichst viele davon dazu bringen, dafür zu zahlen.

... und ab und an einen Bären vertreiben (Screenshot: Peter Seiffert)

Bindung ans Spiel: Vertrag und Energie

„Das wichtigste Kriterium für ein Spiel ist die Frage, wie viele Spieler es nach dem ersten Tag auch morgen wieder spielen“, sagt Jens Begemann, der vor anderthalb Jahren die Spieleschmiede „Wooga“ gegründet hat. Sie ist lange nicht so groß wie die Farmville-Erfinder von „Zynga“, hat aber auch mehrere Millionen Nutzer auf „Facebook“ und den „VZ-Netzwerken“ „studivz“ beziehungsweise „meinvz“. 30 bis 60 Prozent der User müssten wiederkommen und ans Spiel gebunden werden, sagt Begemann. Dazu gibt es verschiedene Strategien. Bei „FarmVille“ zum Beispiel baue ich Tomaten an, die acht Stunden brauchen, um zu reifen – ich schließe also gewissermaßen einen Vertrag mit dem Spiel, dass ich erneut vorbeischaue (Fachleute nennen das „contract mechanic“). Bei „FrontierVille“ habe ich einen begrenzten Energiebetrag. Jede Aktion verbraucht einen Punkt, vom Baumfällen bis zum Schaffüttern. Will ich kein echtes Geld für zusätzliche Energie ausgeben, muss ich warten: Vier Minuten für einen Energiepunkt ( „energy mechanic“). Motivierend kann aber auch sein, das nächste Level zu erreichen (wie bei Woogas „Bubble Island“) – oder auch der Wettkampf mit Freunden, wie beim Logik- und Reaktionsspiel „Brain Buddies“. “Wenn ich ein schlechtes Spiel mache, bleibt der Spieler drei Sekunden”, sagt Begemann, “wenn ich es gut mache, kommt er fünfmal täglich.”

Anstrengendes Klicken: Fünfmal 144 Blaubeeren

Natürlich lassen sich die Prinzipien auch vereinen. In „FarmVille“ muss ich, je nachdem, wie groß mein Feld ist, mehrere hundert mal klicken, um zu ernten, umzugraben und neu zu säen. Über den Tag verteilt baue ich fünfmal Blaubeeren auf je 144 Feldern an – das macht 720 Klicks mal drei, also 2160. Mit einem Traktor oder Mähdrescher brauche ich nur ein Viertel der Klicks – aber auch Benzin. Das gibt es nur gegen Geld oder gegen Arbeitsleistung auf den Feldern der Freunde. Unlogisch, aber wahr: Wenn ich deren Felder umgrabe, stoße ich manchmal auf einen Benzinkanister. Diese Kooperation ist wesentlicher Bestandteil vieler Spiele und führt dazu, dass sich bei Facebook Gruppen gründen, in denen neue Freunde gewonnen werden können – auf der ganzen Welt. Als ich abends gerade neuen Reis aussähe, spricht mich eine Amerikanerin an, ob ich Werkzeuge für „FrontierVille“ bräuchte und ob ich ihr im Gegenzug ein Stück Kleidung schicken könnte. Ich habe keine Lust zu reden – aber ich kann die Werkzeuge so verdammt gut gebrauchen. Denn längst hat mich der Ehrgeiz gepackt, im Spiel weiterzukommen. Außerdem sitzt mir die virtuelle Geliebte ja im Nacken. Weil die Spieler über die ganze Welt verteilt sind, bietet Wooga seinen Kundenservice sogar auf Bahasa-Indonesisch an.

Vom Schutzgeld zum Auftragsmord: Lesen Sie mehr auf Seite 2

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