“Trotz Scharfschützen ging ich Tanzen”
Alma Telibecirivic, 31, arbeitet als Kulturmanagerin und Filmproduzentin. Als James Bond auf dem Balkan gedreht wurde, war sie dabei. Nebenher malt Telibecirivic. Während der Belagerung fing sie an Kunst zu studieren

Alma Telibecirivic ist mit ihrer Familie vor den Serben in die Stadt geflüchtet. Fotos: David Schelp
„Es war damals etwas Besonderes, an die Kunsthochschule zu gehen. Ich habe mich wichtig gefühlt, weil ich mitten im Krieg malte. Manchmal denke ich, dass unsere Kunst während der Belagerung anspruchsvoller war. Obwohl wir nichts hatten. Wir konnten nicht einfach in den Laden gehen und Farben kaufen, wir mussten improvisieren.
Aber ich möchte nicht malen müssen, um meinen Lebensunterhalt zu verdienen. Das ist in Bosnien fast unmöglich. Ich male nur für mich selbst. Mein Geld verdiene ich seit zehn Jahren in verschiedenen PR-Agenturen oder bei Theater und Filmfestivals. Für eine Produktionsfirma habe ich sogar beim James Bond Film mit Daniel Craig mitgearbeitet
“Ich hatte eine enge Beziehung zu meinem Vater”
Ich bin in Sarajevo geboren. Den gesamten Krieg war ich hier. Erst habe ich mit meinen Eltern in der Nähe des Flughafens gewohnt. Unser Vorort war damals von Serben besetzt. Wir mussten meinen Vater und meinen älteren Bruder im Keller verstecken. Die serbischen Soldaten haben alle muslimischen Männer mitgenommen und umgebracht. Deswegen mussten wir von dort in die Stadt flüchten. In Sarajevo hatten wir zwar kein Wasser, auch keinen Strom, aber in der belagerten Stadt fühlte ich mich frei. Ich ging trotz der Scharfschützen jeden Tag in den Tanzunterricht. Ich weiß noch, einmal im Monat hatten wir eine Aufführung. Eine davon kann man heute bei Youtube sehen. Ich bin die mit den kurzen Haaren, die als letzte von der Bühne geht.
Aber sonst war alles sehr schwer damals. Gleich im ersten Kriegsjahr, 1992, wurde mein Vater von einem Scharfschützen erschossen. Er war Soldat und hat an der Stadtgrenze gegen die Serben gekämpft. Eines Abends kam er von der Front nach Hause, um uns Brennholz zu bringen. Wir hatten damals keine Heizung, wir kochten und wärmten uns am offenen Feuer. Auf dem Weg zurück wurde er erschossen. Niemand konnte uns Bescheid geben, die Telefone funktionierten nicht. Erst am nächsten Abend kam ein Freund und erzählte, was passiert war.
Für mich war das besonders hart. Denn ich hatte eine sehr enge Beziehung zu meinem Vater. Vermutlich ist das normal. Töchter lieben ihre Väter und Söhne ihre Mütter.Ich war 14 Jahre alt, als die Belagerung begann und habe gar nicht kapiert, was da passierte, um was es ging in diesem Krieg. Meine Eltern hatten Zuhause nie über Nationalitäten oder Religionen gesprochen. Ethnien haben bei uns keine Rolle gespielt. Mich hat der Krieg einfach nur genervt. Meine Mutter wollte mich nicht raus lassen, wegen der Scharfschützen und der Granaten. Aber mir waren die egal. Ich wollte nur Zeit mit meinen Freunden verbringen. Wenn man Wasser holen ging, war man für Stunden unterwegs. Das haben wir natürlich gemeinsam gemacht.
“Im Krieg glaubst du an etwas: Dass der Krieg bald vorbei ist”
Während der Belagerung habe ich viele neue Freunde gefunden. Damals waren die Menschen einander näher. Man schlief neben Unbekannten im Keller, wenn das Haus unter Beschuss war oder hat zusammen gekocht. Heute habe ich keine Ahnung, wer in meiner Nachbarschaft lebt. Ich könnte auch nicht mehr ohne Strom und Wasser leben. Da würde ich durchdrehen.
Wenn Krieg ist, dann glaubst du an etwas: Irgendwann wird der Krieg zu Ende sein. Das hast du immer im Kopf. Dann wird alles besser werden. Heute wissen viele in Sarajevo nicht mehr, an was sie glauben sollen, weil sie nicht mehr für sich kämpfen können.“


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