“Irgendwann wird der Krieg Alltag”

Dejan Begic, 27, lebt heute in den Bergen. Die Belagerung hat er in einer Plattenbausiedlung im Osten der Stadt verbracht. Nur für seinen Job als Touristenführer fährt er noch runter nach Sarajevo.

Protokoll: David Schelp

Dejan Begic im Viertel seiner Kindheit. Foto: David Schelp

„Wir sind in Kellern zur Schule gegangen. In jedem Viertel haben sich die Kinder an einem sicheren Ort getroffen. An manchen Tagen sind wir hingegangen, an anderen nicht, weil zu viel geschossen wurde. Spaß hatten wir trotzdem, Kinder haben doch immer Spaß. In der siebten Klasse war die Belagerung dann vorbei und wir sind zurück auf die normale Schule gegangen.

Das Leben im Krieg war zum einen interessant, zum anderen schwer. Das Essen war knapp, es gab kein Fernsehen, kein Radio, keine Zeitungen, wir hatten keine Chance, uns zu informieren und wussten nicht einmal, was auf der anderen Seite Sarajevos passierte. Ich habe im neuen Teil der Stadt gelebt, raus in Richtung Flughafen, direkt an der Sniper Alley, der Allee der Scharfschützen.

Um an Trinkwasser zu kommen, mussten wir auf dieser Straße in die Altstadt laufen. 15 Kilometer hin, 15 zurück. Als Elfjähriger konnte ich zehn Liter in einer Hand und zehn in der anderen tragen, an Gürteln habe ich mir noch einmal fünf mehr über die Schultern gehängt. Wenn mir heute jemand sagen würde, ich solle 25 Liter auch nur Hundert Meter weit tragen, könnte ich das vermutlich nicht. Eigentlich sind die Leute hier nämlich stinkfaul. Fast jeder in der Stadt hat einen Bauch, kaum einer interessiert sich für Sport. Unsere Fußballnationalmannschaft spielt fast nie in Sarajevo – weil niemand hingehen würde.

“Dann haben alle aufeinander geschossen”

Freunde, die mich heute in Sarajevo besuchen, fragen mich manchmal, warum so wenige Bäume in der Stadt stehen. 250 000 Bäume wurden während der Belagerung gefällt und verheizt, dann haben die Menschen ihre Möbel und Bücher verbrannt. Parks wurden Äcker, berechnet nach der Größe seiner Familie bekam jeder ein kleines Stück Land. Unsere Parzelle war etwa 20 Quadratmeter groß. Wir haben dann Kartoffeln, Tomaten und Rüben angebaut.

Der einzige Weg nach draußen: Der Tunnel von Sarajevo. Foto: Simon Hufeisen

Eigentlich ging das Leben relativ normal weiter. Es wurden Theaterabende und Misswahlen veranstaltet, zu jedem Grand Prix hat Bosnien einen Kandidaten geschickt. 1995, also noch während der Belagerung, fand erstmals das Sarajevo Filmfestival statt. Die Filmrollen wurden durch einen Tunnel in die Stadt geschmuggelt.

Irgendwann wird der Krieg halt Alltag: Du rennst, du hörst die Schüsse, du hörst die Granaten fallen – es ist dir egal. Ein seltsames Geräusch haben die Granaten gemacht. Am Ende des Krieges haben sie uns mit welchen beschossen, die eigentlich für Flugzeuge gedacht waren. Wir nannten sie ‘Pig-Grenades’, weil sie das gleiche Geräusch gemacht haben, das Schweine machen, wenn sie sich im Dreck suhlen. Wenn du wirklich gut warst, konntest du am Klang erkennen, wie weit die Granate noch weg war und wo sie fallen würde. Die Pig-Grenades rissen Löcher in die Stadt, in die drei Busse gepasst hätten.

Wie genau das alles angefangen hat, kann keiner so genau sagen. Der Krieg begann in Slowenien, das damals noch zu Jugoslawien gehörte, dann zog er weiter über Kroatien, bis er in Bosnien ankam. Seine Ursachen unterscheiden sich von Buch zu Buch, aber einfach gesagt ging es darum: Drei Länder – Slowenien, Kroatien und Bosnien – wollten unabhängig von Jugoslawien werden, ein viertes und ein fünftes Land, Serbien und Montenegro, wollten das verhindern. Dann haben alle aufeinander geschossen.“

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Dejan Begic, 27, lebt heute in den Bergen, zwanzig Minuten außerhalb von Sarajevo. Die Belagerung hat er in einer Plattenbausiedlung im Osten der Stadt verbracht. Begic hat Geschichte und Geografie studiert. Heute arbeitet er als Touristenführer. Nur für den Job fährt er noch runter nach Sarajevo.

„Wir sind in Kellern zur Schule gegangen. In jedem Viertel trafen sich die Kinder an einem sicheren Ort. An manchen Tagen sind wir hingegangen, an anderen nicht, weil zu viel geschossen wurde. Spaß hatten wir trotzdem, Kinder haben doch immer Spaß. In der siebten Klasse war die Belagerung dann vorbei und wir sind zurück auf die normale Schule gegangen.

Das Leben im Krieg war auf einer Seite interessant, auf der anderen Seite schwer. Das Essen war knapp, es gab kein Fernsehen, kein Radio, keine Zeitungen. Wir wussten nicht mal, was auf der anderen Seite Sarajevos passierte. Ich lebte im neuen Teil der Stadt, raus in Richtung Flughafen, direkt an der Sniper Alley, der Allee der Scharfschützen.

Um an Trinkwasser zu kommen, mussten wir auf dieser Straße in die Altstadt laufen. 15 Kilometer hin, 15 zurück. Als Elfjähriger konnte ich zehn Liter in einer Hand, zehn in der anderen tragen, an Gürteln hängte ich mir noch einmal fünf mehr über die Schultern. Wenn mir heute jemand sagen würde, ich solle 25 Liter auch nur Hundert Meter weit tragen, könnte ich das vermutlich nicht. Eigentlich sind die Leute hier nämlich faul. Fast jeder in der Stadt hat einen Bauch, kaum einer interessiert sich für Sport. Unsere Fußballnationalmannschaft spielt fast nie in Sarajevo – weil niemand hingeht.

Freunde, die mich heute in Sarajevo besuchen, fragen mich manchmal, warum so wenige Bäume in der Stadt stehen. 250.000 Bäume wurden während der Belagerung gefällt und verheizt. Dann haben die Menschen ihre Möbel und Bücher verbrannt. Parks wurden Äcker, berechnet nach der Größe seiner Familie bekam jeder ein kleines Stück Land. Unsere Parzelle war etwa 20 Quadratmeter groß. Wir haben Kartoffeln, Tomaten und Rüben angebaut.

Eigentlich ging das Leben relativ normal weiter. Es wurden Theaterabende und Misswahlen veranstaltet, zu jedem Grand Prix hat Bosnien einen Kandidaten geschickt. Und 1995, also noch während der Belagerung, fand erstmals das Sarajevo Filmfestival statt. Die Filmrollen wurden durch einen Tunnel in die Stadt geschmuggelt.

Irgendwann wird der Krieg halt Alltag: Du rennst, du hörst die Schüsse, du hörst die Granaten fallen – es ist dir egal. Ein seltsames Geräusch haben die Granaten gemacht. Am Ende des Krieges haben sie uns mit welchen beschossen, die eigentlich für Flugzeuge gedacht waren. Wir nannten sie Pig-Grenades, denn sie machten das gleiche Geräusch, das Schweine machen, wenn sie sich im Dreck suhlen. Wenn du wirklich gut warst, konntest du am Klang erkennen, wie weit die Granate noch weg war und wo sie fallen würde. Die Pig-Grenades rissen Löcher in die Stadt, in die drei Busse gepasst hätten.

Wie genau das alles angefangen hat, kann keiner so genau sagen. Der Krieg begann in Slowenien, das damals noch zu Jugoslawien gehörte, dann zog er weiter über Kroatien, bis er in Bosnien ankam. Seine Ursachen unterscheiden sich von Buch zu Buch, aber einfach gesagt ging es darum: Drei Länder, Slowenien, Kroatien und Bosnien, wollten unabhängig von Jugoslawien werden, ein viertes und ein fünftes Land, Serbien und Montenegro, wollten das verhindern. Dann haben alle aufeinander geschossen.“

Aufgezeichnet von David Schelp