Favela Streetart: Mit Kunst aus dem Slum

Thomas Lupo, 29, kommt eigentlich aus Stuttgart. In Pforzheim hat er Grafikdesign studiert. In der brasilianischen Favela Morro do Papagaio (Papageienhügel) versuchte er fünf Monate lang, Kinder für Streetart zu begeistern und sie so von der Straße zu locken. Mit Kunst sollen sie auf sich und ihre Probleme aufmerksam machen, Selbstbewusstsein gewinnen.

Von Simon Hufeisen

Der Grafiker Thomas Lupo mit zwei der Kinder aus Morro do Papagaio. Fotos: Thomas Lupo

volt-magazin: Herr Lupo, warum sind Sie gerade in eine brasilianische Favela gegangen, um Streetart zu machen?

Die Favela steht in der Gesellschaft ganz unten. Niemand interessiert sich dafür, was dort passiert. Und für die Kinder, die dort leben, erst recht nicht. Die hängen dort den ganzen Tag draußen rum und niemand im Slum gibt auf sie acht. Ich wollte die Grenzen zwischen Favela und Außenwelt durch Streetart überwinden.

Wie wachsen Kinder in so einer Umgebung auf?

Die Familienverhältnisse der Kinder sind oft unübersichtlich. Da waren zum Beispiel zwei Jungs, beste Kumpels. Was sie nicht wussten: Sie sind eigentlich Brüder, die in verschiedenen Familien aufgewachsen sind, obwohl sie den selben Vater haben. Oder zwei Mädels, die einander zum Verwechseln ähnlich waren. Das waren ganz offensichtlich Zwillinge, darüber hat aber niemand gesprochen. Im Nachhinein habe ich erfahren, dass sich die Eltern getrennt hatten. Der Vater und die Mutter hatten jeweils eins der Kinder mitgenommen und sich so zerstritten, dass sie keinem der Mädchen etwas von der Zwillingsschwester erzählten.

Wie kann Streetart da helfen?

Ich wollte durch Streetart auf die Kinder in der Favela aufmerksam machen und dafür sorgen, dass sie auch außerhalb der Slums wahrgenommen werden. Wenn wir sie schon nicht selbst da rausholen können. Wir haben deshalb zum Beispiel eine Ausstellung in Deutschland gemacht, auf der Zeichnungen und Fotos der Kinder gezeigt wurden. Der Abschluss des Projekts ist der Bildband „PRA FORA/OUTWARD“. In ihm sind alle Arbeiten der Kindern dokumentiert.

Wie sieht Ihre Favela-Streetart aus?

Wir haben Aufkleber und Poster hergestellt. Die Kinder haben Monster gemalt. Außerdem haben wir mit Pappe Gegenstände nachgebaut, die sich die Kinder nicht leisten können: Eine Stereoanlage, Uhren oder Turntables. Besonders das Fotografieren hat den Kindern Spaß gemacht. Die haben grandiose Fotos geschossen. Ich habe nur beraten und sie ansonsten machen lassen.


Mit welchen Problemen hatten Sie zu kämpfen?

Das Geld war knapp, wir mussten also improvisieren. Den Kleber haben wir selbst angerührt, es gab ja keinen. Also haben wir Wasser, Zucker und Gelatine zu einem Klebebrei vermengt. Wir wollten nur Materialien verwenden, die es dort auch gibt. Damit die Kinder auch ohne mich weitermachen können. Wir haben aus Streichholzschachteln Lochkameras gebaut. Die Filme, die wir benutzt haben, waren alle abgelaufen. Deshalb waren sie billiger.

Sie sind dann gemeinsam mit den Kindern auf die Straßen gegangen. Wie muss man sich das vorstellen?

In Guerilla-Aktionen haben wir Häuser, Türen und Straßenschilder beklebt. Manchmal bin ich nur mit zwei Kindern raus, manchmal waren es auch 20. Mittlerweile kleben in Morro do Papagaio überall unsere Sticker. Einige Kinder haben schnell gemerkt, dass das etwas bewirkt. Ihre Monster wurden plötzlich von den Leuten wahrgenommen – und damit auch sie.

War es nicht sehr gefährlich mitten im Slum Kunst zu machen?

Manchmal schon. Meist mussten wir nachts losziehen, um die Sticker an die Wänden zu klatschen. An einigen Ecken ist es tagsüber einfach zu gefährlich, weil dort Dealer ihre Geschäfte machen. Ich selbst bin gleich in der ersten Woche an zwei Dealer geraten. In einer Gasse habe ich eine Lochkamera getestet. Die Jungs dachten, ich verkaufe Drogen in ihrem Revier und haben mich erst mal in die nächste Ecke gezerrt. Da hatte ich echt Panik. Sie haben dann aber schnell gemerkt, dass ich nur Fotos mache. Am Ende haben die mich dann immer mit „Ey Tom“ gegrüßt. Einer meinte, wenn ich mal Hilfe brauche, soll ich mich an ihn wenden.

Wie geht es jetzt weiter? Haben Sie schon neue Pläne?

Gerade habe ich mit ein paar anderen Künstlern eine gemeinnützigen Verein gegründet. Art-Helps. Dafür haben wir gerade an der Internetseite art-helps.com gebastelt. Wir wollen solche Projekte auf der ganzen Welt machen. Es soll nicht bei der einen Aktion bleiben.

Die Camera obscura Bilder der Kinder aus Morro do Papagaio sind im volt-magazin #1 zu sehen. Der Bildband „PRA FORA / OUTWARD“ von Thomas Lupo erscheint demnächst im Verlag Hermann Schmidt Mainz.