Großstadtrevier

Wildtiere passen sich dem urbanen Leben an – und sind dabei oft raffinierter als der Mensch

Von Benjamin von Brackel

Die Artenvielfalt ist in der Stadt größer, als man das zunächst annehmen mag. Fotos: Fabian Zapatka

Affen jagen durch die Straßen Berlins. Sie schlagen auf Trommeln, trinken aus Champagnerflaschen und zünden sich Zigarren mit brennenden Geldscheinen an. Was im Musikvideo von Peter Fox‘ „Stadtaffen“ zu sehen ist, liegt näher an der Wahrheit, als man vermutet: Füchse spazieren über den Alexanderplatz, Wanderfalken kuscheln sich an Schornsteine von Münchner Heizkraftwerken und Waschbären beziehen Dachböden in Kassel. Biologen behaupten: Immer mehr Tiere zieht es in die Stadt, weil es ihnen dort oft besser geht als auf dem Land, wo sich die Monokultur ausbreitet und die Felder überdüngt werden. „Auf dem Land wird die Natur immer ärmer, die Artenvielfalt wird geringer“, sagt der Zoologe Josef Reichholf von der TU München. „Zum Teil können die Städte das auffangen.“

Wer ist denn da! Füchse sind auch schon mal im Stadtzentrum spazieren.

Dort finden die Tiere mehr Nahrung; sie werden kaum gejagt und können sich in verlassenen Industriegeländen, Bahnanlagen und Bauruinen verstecken. Hier wohnen Kaninchen und Marder Seite an Seite mit Krähen und Falken. Dem Vogelkundler Jens Scharon zufolge fühlen sich Tiere in Berlin wohl, weil es dort „sehr wild und unordentlich“ ist – anders als in vielen „durchgeleckten“ Städten. In Berlin gibt es laut dem Naturschutzbund 180 Vogelarten. In München sind es 110.

Tiere leben in der Stadt sicherer als auf dem Land, es werden weniger überfahren. Und das, obwohl in der Stadt pro Quadratmeter mehr Füchse und Igel leben. Die Erklärung der Biologen: In der Stadt geraten die Tiere nicht in Panik, wenn ein Passant oder ein Auto auftaucht. Sie erkennen die Routen der Menschen. Selbst zwischen den Landebahnen der Flughäfen nisten Habichte und Drosseln.

Tiere passen sich dem urbanen Leben an – und manche werden genauso dekadent wie die menschlichen Mitbewohner: Füchse quartieren sich im edlen Münchner Vorort Grünwald in Gartenhäuschen ein. Sie schleichen sich auch am Tag bis ins Stadtzentrum, obwohl sie in freier Wildbahn scheu und nachtaktiv sind. Besonders gewieft sind Krähen: Wollen sie eine Nussschale knacken, setzen sie sich auf eine Ampel und beobachten, wie die Autos anhalten. Dann lassen sie die Nuss fallen, warten, bis sie überfahren wird und schnappen sich die Reste während der Rotphase.

Tieren geht es in der Stadt oft besser als auf dem Land.

Doch nicht alle Stadttiere sind gern gesehen: Gänse werden zur Plage, wenn sie die Liegewiesen der Schwimmbäder besetzen, wenn der Vogelkot die Handtücher verdreckt und an den Fußsohlen klebt. Dann kommt der Stadtjäger. Nichts ausrichten kann er gegen Singvögel, die ab drei Uhr nachts loskrakeelen. Die Amseln, Rotkehlchen und Kohlmeisen tun das, weil sie überleben wollen. Um zu balzen und vor Feinden zu warnen, müssen sie trällern, was das Zeug hält. Weil einige Arten aber mit ihren Stimmen nicht gegen den Straßenlärm ankommen, bleibt ihnen nur noch die Nacht. Biologen glauben, dass sich der Gesang mancher Vögel in der Stadt verändert hat. Die Artgenossen aus dem Umland würden gar nicht mehr verstehen, was die eingebildeten Stadttiere ihnen pfeifen.