Wie einsam hört sich dieser Ort an?

Die perfekte Stadt soll sich auch gut anhören. Der Klangforscher Thomas Kusitzky sucht den richtigen Sound

Von Christin Gottler

© Rebecca Telford

volt: Herr Kusitzky, wie klingt Berlin?
Thomas Kusitzky: Vor allem nach Verkehr. Es gibt viele breite Straßen, gesäumt von hohen Häusern, die den Schall reflektieren. Aber natürlich hat Berlin auch angenehm klingende Orte. Ich mag zum Beispiel den Prager Platz in Wilmers-dorf sehr gerne.

Wie hört sich dieser Platz an?
In meinen Ohren urban. Im Sommer halten sich dort viele Menschen auf, deren Stimmen sich mit den Straßengeräuschen mischen. Es klingt städtisch lebendig.

Sie arbeiten an der Universität und müssen Ihre Ergebnisse belegen.
Unser Messgerät ist das Ohr. Wir stellen uns an den jeweiligen Unter-suchungsort und notieren das Gehörte in einem Protokoll. Wir zählen beispielsweise auf, welche Klänge wir hören und bewerten deren Vielfältigkeit. Danach erfassen wir in einem zweiten Schritt, wie einsam, beengt oder geborgen sich dieser Ort anhört.

Das klingt sehr subjektiv.
Wir gehen eben vom Hören aus, nicht vom Schall. Ein Platz kann für Menschen in ähnlichen Situationen sehr unterschiedlich klingen. Wir nehmen den Klang ja nicht eindimensional wahr. Wir haben Erwartungen an einen Ort, sehen und riechen gleichzeitig, haben Hunger oder sind wütend. Das alles beeinflusst das Hören. Bisher gab es keine Worte für so ein umfassendes Konzept vom Hören. Deshalb haben wir eigene Begriffe definiert. Klangumwelt ist zum Beispiel einer davon.

Woran arbeiten Sie gerade?
Berlins Westteil soll aufgewertet werden, dazu gehört der Ernst-Reuter-Platz. Es geht darum, ihn lebenswerter zu machen – durch eine Umgestaltung des Klanges.

Der Platz wurde in den Fünfzigerjahren gebaut. Wie sieht er aus?
Es gibt eine große Mittelinsel mit U-Bahn-Zugang, um die ein vierspuriger Kreisverkehr führt, und einen sehr breiten Bürgersteig. Die Technische Universität und die Universität der Künste liegen in unmittelbarer Nähe. Die Passanten haben das Gefühl, sie überqueren eine stark befahrene Land-straße, obwohl sie mitten in der Stadt sind. Visueller und auditiver Eindruck stimmen nicht überein, der Platz wird oft als Hindernis wahrgenommen.

Thomas Kusitzky ist Mitbegründer der Forschungsstelle Auditive Architektur an der Universität der Künste Berlin.

Und das liegt nicht daran, dass der Verkehr so laut ist?
In Paris sind an den befahrensten Straßenkreuzungen die schönsten Cafés, und niemand stört sich am
Autolärm. Dort sitzen Menschen, die miteinander reden und Kaffee trinken. Die Geräusche vermischen sich, es klingt lebendig. Wir nehmen an, dass diese Lebendigkeit am Ernst-Reuter-Platz fehlt.

Was schlagen Sie vor?
Cafés sind eine naheliegende Möglichkeit. Ein weiterer Ansatz wäre, die Mittelinsel leichter zugänglich zu machen, damit sich dort mehr Menschen aufhalten. Momentan ist sie nur über die U-Bahn-Station zu erreichen.

Wäre auch Musik oder Vogelgezwitscher vom Band ein Mittel?
Eher nicht. Vögel vom Band wirken so lebendig wie eine Fototapete. Das ist nicht im Sinn der Auditiven Architektur. Wir begreifen uns als eine gestaltende Disziplin und wollen nicht vorhandene Situationen übernehmen. Auditive Architektur heißt, nicht nur auf etwas zu reagieren, sondern Klänge und damit Räume mitzugestalten.

Das heißt, Sie komponieren den Sound einer Stadt?
Musik besitzt meistens Aufführungscharakter – zumindest, wenn sie live ist. Wir wollen aber erreichen, dass Menschen nicht aktiv zuhören müssen, sondern sich einfach nur wohl-fühlen, wenn sie den Klang der Stadt wahrnehmen.

Stadtklänge zum Anhören: volt hat den Sound von München aufgenommen.

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