Gekommen um zu gehen

Wer einen Flughafen kennt, kennt alle. Über das Niemandsland zwischen den Städten

Von Christian Helten

Illustration: Judith Urban

Singapur ist für mich die Stadt des grün gemusterten Teppichbodens. Kein sehr schöner Teppichboden, der Farbton geht zu wenig in Richtung Blattgrün und zu sehr in Richtung Was-Falsches-gegessen-Grün. Wenn ich an Singapur denke, gehen dort alle Menschen über grün gemusterten Teppichboden. Er ist in ihren Häusern verlegt, auf Hotelfluren und in Kaufhäusern, Tausende Kilometer singapurgrüne Scheußlichkeit. Das Bild ist in mein Gehirn eingebrannt – obwohl ich noch nie in Singapur war.

Ich bin dort ein paar Mal zwischengelandet. Der Changi Airport ist eines der größten Drehkreuze des internationalen Flugverkehrs. Mehr als 37 Millionen Passagiere starten und landen dort jedes Jahr. Viele von ihnen steigen wie ich nur um – sie waren in Singapur, ohne jemals wirklich da gewesen zu sein. Dass man sich an nebensächliche Details erinnert, hat einen einfachen Grund: Wer einen internationalen Flughafen kennt, kennt alle. Wartehallen mit Sitzreihen, Duty-Free-Shops, Souvenirläden, schlecht imitierte Pubs. Es sieht überall gleich aus, da sticht ein hässlicher Teppichboden besonders ins Auge. Wegen dieser Flughafen-eintönigkeit fühlen wir uns auch nicht in der Stadt angekommen, wenn wir den grauen Schlauch verlassen, der den Airbus mit dem Terminal verbindet. Angekommen fühlen wir uns erst, wenn wir aus dem Taxi oder der U-Bahn in die Stadt hinaustreten, ihre Luft atmen, ihre Geräusche hören, ihre Menschen sehen.

Letztes Jahr hatte ich fünf Stunden Aufenthalt am Flughafen Atlanta, dem größten Drehkreuz der Welt. Ich schlenderte herum, trank einen Kaffee und aß einen Cheeseburger, schnupperte im Duty-Free an Parfumproben, bis ich Kopfweh bekam. Ich erfuhr dabei nicht, wie sich die Stadt Atlanta anfühlt. Dafür musste ich improvi- sieren: Ich belauschte die Putzkolonne, drei Schwarze mit dünnen Corn-Row-Zöpfen, wie sie der Gangster-Rapper Xzibit trägt. Sie unterhielten sich über den Putzwagen hinweg in ihrem Südstaaten-Akzent, mit viel „Yo“ und viel „KnowI’msay’n?“. Beim Zuhören glaubte ich Atlanta kennenzulernen. Aber vielleicht ist die Stadt ganz anders. Die Putzkolonnen-HipHopper und die anderen Flughafenangestellten waren die einzigen, die zwingend auch Einwohner Atlantas sein mussten: Sie arbeiteten hier und fuhren abends nach Hause. Die GIs, die in wüstenbraunen Camouflage-Anzügen an den Gates saßen, die Krawattenträger mit den Aktenkoffern – sie konnten von überall stammen. Sie sagten etwas über den Airport Atlanta aus, nicht über die Stadt. Der Flughafen ist nicht die Stadt.

Aber er ist ihr Tor. Flughäfen öffnen uns die Wege in die Zentren unserer Zeit. Die pulsierenden Metropolen von heute wären ohne den Luftverkehr nicht möglich. Wir leben nicht nur in einer Informationsgesellschaft, sondern auch in einer Flughafen- gesellschaft. Fernbeziehungen, Geschäftsbeziehungen, Kulturaustausch – diese Formen modernen Lebens verlaufen zwar mehr und mehr entlang der weltweiten Datenkabel. Trotzdem braucht der Verliebte von Zeit zu Zeit Körperkontakt. Trotzdem steigen Geschäftsmänner ins Flugzeug, wenn sie wichtige Verträge aushandeln. Trotzdem gehen Bands auf Welt- tournee. Auch die Berliner Techno-Szene der Nullerjahre hätte es nie zu ihrem Weltruhm gebracht, hätten nicht Billig-Airlines jedes Wochenende Tausende Feierwütige aus ganz Europa eingeflogen – die Leute, die deshalb seit einiger Zeit als Easyjetset bezeichnet werden.

Eine Stadt braucht einen Flug- hafen, er macht sie international und lebendig. Aber er ist und bleibt ein Niemandsland zwischen Departure und Arrival. Architekten bezeichnen Flughäfen in ihrer Fachsprache als „Transiträume“. Sie treffen damit ziemlich genau das Gefühl, das wir haben, wenn wir uns an einem Flughafen aufhalten: Wir sind da, weil wir woanders hin wollen.

Die besten Flughäfen der Welt werden jährlich in einem Ranking der Consultingfirma Skytrax veröffentlicht. Grundlage des Rankings sind weltweite Befragungen von Flughäfen.  Die Rangliste der größten Flughäfen (nach Passagierzahlen) führt das Airports Council International, ein weltweiter Dachverband der Flughäfen.