Wenn die Stadt zum Steak wird

Peter Schmidt ist verheiratet, hat zwei Kinder und einen guten Job. Und er ist Autist. Die Stadt nimmt er ganz anders wahr. Als Linien und Strukturen. Und als Rumpsteak

Von Manuela Antosch & Michaline Skupin

Peter Schmidt ist Autist. Er liebt Straßen

Peter Schmidt liebt Straßen. Sie sind für den Autisten Leitlinien fürs Leben. Fotos: Peter Schmidt





„Die Stadt schmeckt wie ein schweres Rumpsteak. Zäh, fad und sie liegt schwer im Magen. Oder wie ein Eintopf. Wegen der vielen Eindrücke.“ So sieht Peter Schmidt die Stadt. Er nimmt sämtliche Details wahr.

Auf den ersten Blick ist Peter Schmidts Leben ganz normal: 44 Jahre, verheiratet, zwei Kinder. Er hat einen Doktor in Geophysik und arbeitet bei einem großen Pharmakonzern in Frankfurt. Er lebt mit seiner Familie in einem Einfamilienhaus auf dem Land. Dass er anders ist, hat er schon als kleines Kind gemerkt, als die Schulfreunde Micky Maus lasen und er den Atlas verschlang wie ein Märchenbuch. Warum er anders ist, das weiß er erst seit drei Jahren: Er hat das Asperger-Syndrom, eine Form des Autismus. Peter Schmidt ist wie nur zehn Prozent aller Autisten hochintelligent. Was alle verbindet: sie können nicht sozial angemessen mit anderen kommunizieren. Peter Schmidt fällt es schwer, Mimik und Gestik seines Gegenübers zu deuten. Er sieht zwar, dass jemand lächelt; aber er erkennt nicht, ob er das ironisch meint oder sich wirklich freut. Das macht es in der Stadt nicht einfach für ihn.

Peter Schmidt

Peter Schmidt erzählt, wie er die Stadt wahrnimmt

Wenn er sich an seine Kindheit erinnert, erinnert er sich vor allem an eins: Rohre. Die Rohre an der weißen Wand neben seinem Gitterbett, die Rohre im Keller. Wenn er mit den Eltern irgendwo zu Besuch war, gab er keine Ruhe, bis ihn jemand in den Keller geführt hat. Damit er sich dort die vielen Rohre angucken konnte. Heute faszinieren ihn Straßen und Gleise. Er hält sich an Linien, Strukturen, Leitlinien für sein Leben. „Wenn ich keine Linien habe, ist für mich alles wirr.“ Er nimmt sämtliche Details wahr. Ihm fehlt der Filter im Gehirn, um Wichtiges von Unwichtigem zu trennen. Laut, groß, viel Verkehr, viele Leute. In dichtem Gedränge kommt es oft vor, dass er mit Menschen zusammen stößt. „In Fußgängerzonen müsste es eine Kriechspur geben für die Leute, die in die Schaufenster gucken. Und eine Spur für die eine Richtung und eine Spur für die andere, wie auf der Autobahn, wo die Leute nur gehen aber nicht stehen dürften.“ Eine seiner Lieblingsstraßen ist die Champs Elysees – da ist viel Platz, da rempeln sich die Leute nicht an. “Und vor allem ist sie eine schöne Gerade mit strukturierenden Kreisverkehren.”

Nachts sind Städte für ihn angenehmer als am Tag: „Der Overload ist ausgeschaltet.“ Das hilft ihm beim Unterscheiden: Was beleuchtet ist, ist wichtig; was dunkel ist, ist irrelevant. Er sieht nur noch das Wichtigste – das, was beleuchtet ist; alles andere ist ausgeschaltet.

Obwohl ihn die Stadt oft stresst, liebt Peter Schmidt es, den Verkehr zu beobachten. Und das Chaos der Menschen – solange er sich nicht selbst darin bewegt. Wenn er mit dem Auto unterwegs ist, sind Fußgänger nur bunte, sich bewegende Pfosten. Da sieht er keine Gesichter an – „ich würde nie jemanden grüßen“. Wenn er zu Fuß geht, analysiert er das Muster der Pflastersteine. Über manche Ampelkreuzung kann Peter Schmidt nicht gehen – „aus ästhetischen Gründen“, wenn das Pflaster seinen Füßen weh tut. Dann überquert er lieber in sicherem Abstand die Straße. Noch schlimmer ist Stau. Der ist Stress, er bringt seine Planung durcheinander. Wenn das Leben immer nur aus solchen Blockaden bestehen würde, die die Planung zerstören, dann müsste er sich jedes Mal krankschreiben lassen.

Peter Schmidt mag die Stadt – als Besucher. Aber er möchte sich jederzeit von ihr verabschieden können. Deshalb zieht er sich am Wochenende aufs Land zurück: „In der Stadt habe ich keinen Schutzraum, in dem absolute Ruhe herrscht.“

Peter Schmidt ist Entdecker. Er will immer Neues sehen. Aber nur mit System: „Ich habe immer einen Plan A, B, C, D, E und F.“ Wenn diese Pläne nicht klappen, dann spricht er oft nicht mehr, zieht sich vollkommen zurück. Er ist völlig aufgelöst. Aber irgendwie findet er immer einen Ausweg. Peter Schmidt ist immer schon ohne Schilder und Wegweiser ausgekommen. Ein Blick auf die Karte genügt, dann kennt er die Strecke.

Menschen sind für Peter Schmidt nicht so interessant. Viel besser gefallen ihm die Straßenlampen in Abu Dhabi

An Städten faszinieren ihn vor allem die Straßen. Die Pariser Innenstadt gefällt ihm gut, die ist „vom Layout, von der Darstellung im Atlas, sehr schön“. Aber irgendwie wirkt Paris auf ihn düster, wegen seiner “dominant dunklen Gebäude”. Und die Kopfsteinpflaster erzeugen „schreckliche Geräusche“, wenn die Autos drüber fahren. Die Außenbezirke von Paris sind für Peter Schmidt “ein Chaos”; sie wirken auf ihn “wie ein Krebsgeschwulst um das von der Ringautobahn eingeschlossene Zentrum”.

San Francisco mag Peter Schmidt besonders gern – auch wenn er schon mehrmals da war. An anderen Orten langweilt er sich nämlich spätestens nach der zweiten Besichtigung: „Ich erinnere mich an so viele Details, dass ich beim zweiten Besuch schon alles kenne.“

Mit vier Jahren hat Peter Schmidt sich seinen eigenen Pass gebastelt. Aus „SaintChristopherRwandaAndorraLiechtenstein“ kommt er, stand darin. Er fühlte sich als Ausländer unter den anderen Menschen. Als 16-Jähriger hat er „seinen“ Staat umbenannt: “States of Japetus on Earth” nennt er seine „Irdische Kolonie einer erdfernen Welt“. Mittlerweile heißt sein „Staat“ „Geolucia“, so wie seine Homepage. Der Grund für den Namenswechsel: Peter Schmidt fühlte sich nicht mehr nur als Ausländer – sondern als Außerirdischer.