Erdbeben. Sicher.

Städte triumphieren über die Natur. Scheinbar. Denn wenn es bebt, können sie zum Grab für Tausende Menschen werden. Besonders gefährdet ist Istanbul

Von David Schelp

San Francisco wurde 1906 von einem Erdbeben zerstört, mehr als 3000 Menschen starben. Vielen Städten droht Ähnliches. Foto: National Archives and Records Administration

Mit den Bildern kehrte die Angst zurück nach Istanbul. Sie zeigten Trümmer, wo vorher Gebäude gestanden hatten, in ihnen Menschen, die Freunde und Verwandte beweinten. Und sie zeigten die Toten. Über 220 000 Menschen starben, als Haiti am 12. Januar 2010 bebte. Es war das verheerendste Erdbeben des 21. Jahrhunderts. Bislang. Das ist es, was den Einwohnern Istanbuls Angst macht.

Denn in das Mitleid, das Meschen weltweit für die Opfer von Haiti empfinden, mischt sich in der 15-Millionen-Metropole das Bewusstsein, dass ihr schon bald ein ähnliches Schicksal drohen könnte. Forscher rechnen für Istanbul mit einem Großbeben, das mindestens 50 000 Menschen töten und eine halbe Million obdachlos machen wird. Einige Schätzungen gehen sogar von mehreren Hunderttausend Toten aus. Die Vereinten Nationen warnen, dass nirgends auf der Welt mehr Menschen bei einem Erdbeben umkommen würden als in Istanbul. Die Stadt liegt in einem seismischen Hochrisikogebiet. Und die meisten Häuser sind so gebaut, dass sie nicht standhalten werden. Die Katastrophe ist unausweichlich.

Und nicht nur Istanbul, auch viele andere Städte stehen auf unsicherem Terrain: Basel, das im 14. Jahrhundert durch das stärkste Erdbeben nördlich der Alpen seit Menschengedenken verwüstet wurde und für das Forscher erneut gewaltige Erdstöße voraussagen; San Francisco, das zuletzt 1989 von einem Großbeben heimgesucht wurde, an dessen Westrand gefährlich nahe die erschütterungsreiche San-Andreas-Verwerfung verläuft; Bukarest, wo das Zentrum des drohenden Bebens bekannt ist, wo die Bewohner rechtzeitig vorgewarnt werden könnten.

„Das Istanbul-Beben ist längst überfällig“

Sie wurden an Orten errichtet, an denen sie besser nicht stehen sollten, auf Böden, unter denen sich Kontinentalplatten aneinander reiben, ineinander verkeilen, in denen sich gewaltige Spannungen aufbauen und irgendwann in Erdstößen entladen. „Die Erde bebt und schwankt, das Meer braust auf, die Schiffe schlagen zusammen, die Häuser stürzen ein“, schreibt Johann Wolfgang von Goethe über ein Erdbeben, das 1755 Lissabon zerstörte. Schon immer hinterlässt die Natur die größten Schäden dort, wo der Mensch dachte, sie ausgesperrt zu haben – in der Stadt.

„Das Istanbul-Beben ist längst überfällig“, sagt Marco Bohnhoff vom Geoforschungszentrum Potsdam, „nur, wann genau es kommt, können wir leider nicht voraussagen.“ Mit türkischen Kollegen forscht Bohnhoff seit Längerem am Bosporus. Nicht nur Asien und Europa, Morgen- und Abendland treffen hier aufeinander, unter der Erdoberfläche kollidieren tektonische Platten. Etwa 20 Kilometer südlich der Stadtgrenze unter dem Marmarameer schiebt sich die anatolische Mikroplatte im Jahr etwa 25 Millimeter an der eurasischen Platte entlang. Mittlerweile haben sich die beiden Platten fest ineinander verhakt, unter der Erdkruste sind gewaltige Spannungen entstanden. Schon bald könnten sie sich ruckartig lösen. In einem Beben.

Fast 70 Prozent beträgt die Wahrscheinlichkeit, dass es in Istanbul in den kommenden 30 Jahren zu einem heftigen Erdstoß kommen wird. „Bis Stärke 7,6 ist alles drin“, sagt Bohnhoff. In keiner Stadt der Welt würden die Schäden so groß sein wie hier. Rund 90 Prozent der Gebäude sind nicht erdbebensicher, zu oft wurde am Baumaterial gespart. Wie ernst die Lage ist, zeigt auch ein Merkblatt des deutschen Generalkonsulats in Istanbul. „Packen Sie einen Rucksack mit den notwendigen Dingen, um drei Tage auf einem Sammelplatz im Freien durch-zuhalten“, steht da. Oder als Tipp an verschüttete deutsche Staatsbürger: „Schlagen Sie an eine Wand und versuchen Sie Geräusche zu erzeugen. Vergessen Sie nicht, dass Suchtruppen Sie in der Stille der Nacht besser hören können.“

Erdbebenseminare in wackelnden Klassenzimmern

Die Menschen in Istanbul kennen die Bedrohung. Sie haben gelernt mit der Gewissheit zu leben, dass der Boden unter ihren Füßen jederzeit beben kann und dass ihre Häuser dann zur Falle werden könnten. Die Stadtverwaltung hat begonnen, besonders marode Viertel zu sanieren. Sie bietet Erdbebenseminare in wackelnden Klassenzimmern an, in denen Schulkinder lernen, wie sie sich bei einem Beben verhalten müssen und richtet Warnsysteme ein. Die sollen im Notfall binnen weniger Sekunden die Gasversorgung unterbrechen, Bahnen stoppen und chemische Fabriken abschalten, um so Schlimmeres zu verhindern.

Manche Istanbuler sorgen trotzdem lieber selbst vor: Sie schlafen auf dem Dach, um nicht verschüttet zu werden, tragen zu Hause Sturzhelme und horten Wasserkanister und Konserven in ihren Wohnungen. Die Bilder aus Port-au-Prince haben sie wach gerüttelt. Sie haben Angst, dass bald ähnliche Bilder um die Welt gehen. Aus Istanbul.