“Die Stadt braucht dich nicht”

Lektüre am Laternenpfahl, Piratenstimmung und Spaziergänge am Hamburger Elbstrand. Im ersten Teil unserer Rubrik “Meine Landflucht” erzählt Saralisa Volm, 24, warum sie ihr Stadtleben liebt.

Protokoll: Julia Stanek

Plakate an Häuserwänden, beschmierte Fassaden: So spricht die Stadt. Foto: Thomas Klinger

Freiheit – das war es, was ich wollte, als ich vor vier Jahren in die Großstadt geflohen bin. Warum Hamburg? Weil ich hier keinen kannte. Ich wollte mich neu erfinden, habe davon geträumt Filme zu drehen. Ich wusste damals nicht, ob ich das kann. Aber ich wusste: Wenn, dann gelingt mir das hier, in einer Stadt mit Ebbe und Flut und mit einem Hafen, der für mich so viel Weltoffenheit symbolisiert wie kein anderer Fleck in Deutschland.

Als ich im WM-Sommer nach Hamburg kam, war die ganze Stadt im Freudentaumel, Menschen aus aller Welt lagen sich beim Fußballgucken in den Armen. Für mich war 2006 aber mehr als nur ein Sommermärchen. Es war das Jahr der unbegrenzten Möglichkeiten. Ich habe mich ins Großstadtleben gestürzt, auf St. Pauli die Nächte durchgefeiert und bin im Morgengrauen am Elbstrand spazieren gegangen. Eines Abends habe ich bei einem Kumpel zu Hause den Regisseur Klaus Lemke kennengelernt. Wir redeten ein paar Sätze miteinander, tranken Wodka. Und dann stand da diese Frage im Raum: ob ich Bock hätte, vor der Kamera zu stehen. Zwei Tage später trafen wir uns um fünf Uhr morgens in der Cobra Bar auf dem Kiez – und ich war Hauptdarstellerin in Lemkes Film „Finale“. Wäre mir das passiert, wenn ich in Freising geblieben wäre? Oder in Bad Tölz? Wohl kaum.

In der Stadt habe ich gefunden, was ich immer gesucht habe: einen Platz, an dem ich aussprechen darf, was ich von meinem Leben will. Alle Stadtmenschen sind doch auf der Suche nach etwas. Man muss sich nur mal die vielen bunten Schnipsel an einem Laternenpfahl anschauen: Yoga-Stunden für Schwangere, Spanischunterricht beim Kochen, eine Dreizimmerwohnung in Ottensen. Ich liebe es, all diese Gesuche und Angebote zu lesen. Und ich mag beschmierte Häuserwände. Es ist, als würde die Stadt mit mir sprechen. Aber nicht nur die schmuddeligen und chaotischen Ecken machen das urbane Lebensgefühl aus. Luxus ist genauso wichtig. In Hamburg gibt es beides: Wenn du mit dem Rad die Alster entlang fährst, blickst du auf die schönsten Villen, zwei Kilometer weiter stehst du vor heruntergekommenen Fassaden und besetzten Häusern. Diese Vielfalt macht mich glücklich.

Klar wird jede Stadt irgendwann einmal zu eng und ich hatte selbst in Hamburg schon das Gefühl, nichts Neues mehr entdecken zu können. Da ich mich aber nicht trennen kann, pendle ich seit zwei Jahren zwischen Hamburg und Berlin. In Berlin gibt es bessere Ausstellungen, aber auch mehr Hundescheiße. Die für mich ideale Stadt zum Leben suche ich noch. Vielleicht ist es New York. Oder Paris?

Das Spannendste am Stadtleben: Du brauchst die Stadt, aber sie braucht dich nicht. Du bist einer von vielen. Für die Stadt ist es irrelevant, ob du an ihr teilnimmst oder nicht. Wenn nicht, bist du ein Einsiedlerkrebs. Du könntest sterben und keiner kriegt‘s mit. Aber wenn du die Stadt als Abenteuer verstehst, kannst du sie kapern wie ein Pirat ein Schiff.