Die perfekte Stadt

Es wird eng. Weltweit droht Metropolen der Kollaps. Architekten entwerfen das Leben von morgen, Scheichs verwirklichen es. Doch der Traum von der Stadt ohne Makel ist alt – und bisher immer geplatzt.

Von Anna Fischhaber

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Klima-Oase für die Zeit nach dem Öl: In der Wüste von Abu Dhabi entsteht derzeit Masdar City

Kein Abfall, kein Abwasser, keine Abgase. Die Stadt steht auf gigantischen Betonstelzen sieben Meter über dem Wüstensand und ist für Fußgänger reserviert. Eine Ebene unter den Menschen gleiten lautlos Elektroautos ohne Fahrer entlang. Das Trinkwasser wird aus solarbetriebenen Entsalzungs-anlagen gepumpt, Frischluftkorridore senken die Temperatur. Was nach Science-Fiction klingt, wird derzeit im Emirat Abu Dhabi nach den Plänen des Architekten Norman Foster aus dem Boden gestampft. 2020 soll Masdar City fertig sein – die erste emissionsfreie Stadt für die Zeit nach dem Öl. Bis zu 50 000 Menschen könnten dann in der arabischen Klima-Oase leben.

Doch nicht nur die Suche nach neuen Energiequellen, auch Platzmangel macht Städten auf der ganzen Welt zu schaffen. Noch kühner sind die Visionen auf dem beengten Inselstaat Japan. Ginge es nach ihren Planern, könnte sich irgendwann eine schwimmende Stadt wie eine Pyramide 4000 Meter aus dem Pazifik erheben. Eine 500 Millionen Tonnen schwere Stahl-konstruktion soll die X-Seed 4000 vor der Küste Tokios tragen. Mit Wohnungen, Fabriken, Seen und Wäldern für eine Million Bewohner. Auf dem Dach ließe sich ganzjährig Skifahren. Bereits in den Achtzigerjahren entworfen, hält sich die Idee bis heute in den Köpfen. Technisch realisierbar ist sie nicht. Noch nicht.

Seit jeher träumen die Menschen von einer besseren Welt. Von der perfekten Stadt, die Aussicht auf ein glücklicheres Leben bietet. Die Folgen des Klimawandels und die Bevölkerungsexplosion machen eine solche Stadt heute notwendiger denn je: Während Anfang des 19. Jahrhunderts 97 Prozent der Menschen auf dem Land lebten, wohnt heute mehr als die Hälfte in Städten. Pro Woche ziehen eine Million Menschen in afrikanische und asiatische Städte. Bis 2050 wird die Stadtbevölkerung weltweit noch einmal um 25 Prozent zunehmen. Nach Schätzungen der Vereinten Nationen werden dann drei Viertel der Menschen in Städten leben. Das entspricht in 40 Jahren etwa 6,7 Milliarden.

Unser Leben wird nicht mehr dasselbe sein. Das gigantische Wachstum läutet das Ende Jahrtausender alter Siedlungsformen ein. Neue Utopien sind gefragt. Megacitys wie Jakarta oder Mumbai droht der Kollaps. In China ziehen bald 350 Millionen Menschen in Städte, die erst noch gebaut werden müssen. Auch in westlichen Indus-trieländern zieht es die Menschen in die Metropolen. Der Traum vom Haus im Grünen? Vergangenheit. Zwar schrumpft in Europa die Bevölkerung. Das Deutsche Institut für Urbanistik fand jedoch heraus, dass die Mittelschicht immer weitere Teile der Innenstädte besetzt. Beliebte Metropolen wachsen unaufhörlich. Die alternden Städte halten da kaum Schritt.

Siedlungen überall auf der Welt müssen sich modernisieren. In den Niederlanden entstehen bereits ganze Stadtviertel auf dem Wasser, um sich vor dem steigenden Meeresspiegel zu schützen. „Überschwemmungen und Dürre werden Abermillionen zwingen, ihre Heimat zu verlassen“, warnt Philipp Oswalt, Direktor des Bauhaus Dessau, das wie keine andere Architektenschule des 20. Jahrhunderts die Moderne geprägt hat. Sebastian Seelig, Stadtplaner an der TU Berlin, spricht von einer der „größten Herausforderungen unseres Jahrhunderts“. Das haben auch die Organisatoren der Expo 2010 in Shanghai erkannt. „Better City, better life“ heißt die erste Weltausstellung zum Leben in der Metropole. Doch der Traum von der perfekten Stadt ist schon oft geplatzt.

Eine Stadt wie ein Mensch

Schon in der Antike haben die Menschen über die ideale Stadt für eine ideale Gesellschaft nachgedacht. Die griechische Polis stand nicht nur für ein urbanes, sondern auch für ein politisches Organisationskonzept. In Platons Idealpolis macht jeder Mensch, was er kann – „Philosophenkönige“ schaffen Ordnung, Bauern sorgen für die Ernährung. Was für eine Seele oder einen Menschen gerecht sei, lasse sich auch auf eine Stadt übertragen, schrieb der Philosoph. Der Schweizer Architekt Le Corbusier nahm Platon wörtlich: Ab 1951 baute er in Indien Chandigarh. Eine Stadt, die wie ein Mensch funktio-nieren sollte. Mit Kopf, Lungen, Kreislauf und sogar ein wenig Intellekt.

Nicht nur die Analogie zwischen Mensch und Stadt, auch die Liebe zur Geometrie übernahm der Architekt vom Philosophen. Chandigarh ist eine Beton-vision im rechten Winkel, Symbol für ein modernes Indien, entstanden auf einem Schweizer Reißbrett. Nichts überließ Le Corbusier dem Zufall: Wohngebäude durften nur drei Stockwerke haben, selbst das Wechselspiel von Licht und Schatten war geplant. Eine Einförmigkeit, die sich nur schwer mit einem Land verträgt, in dem es mehr als Hundert Sprachen und Ethnien gibt. Die Stadt ist, sehr untypisch für Indien, in Sektoren aufgeteilt. Die Wege dazwischen sind lang: In Sektor 1 sitzt die Regierung, in Nummer 14 die Universität, Sektor 17 ist ein Einkaufsparadies. Auch die Straßen sind unterteilt – auf den einen donnern die Lastwagen, auf den anderen zuckeln Rikschas. Nur die Kühe hatte der Stadtplaner vergessen.

Die heiligen Tiere streunen heute durchs Zentrum, stehen im Kreisverkehr und verursachen das Verkehrschaos, das Le Corbusier so gerne verhindert hätte. Der Schweizer hatte wohl nicht bedacht, dass seine peniblen Ordnungsvorstellungen mit dem chaotischen indischen Leben kollidieren mussten. Verglichen mit einem Moloch wie Neu-Delhi ist die Stadt ein Kurort, „City beautiful“ nennen sie die Bewohner. Doch die soziale Mischung scheiterte an den Sektoren, die auf Einkommensklassen zugeschnitten sind. Heute leben in Chandigarh eine Million Menschen, doppelt so viele wie vorgesehen. Am Stadtrand wuchern Slums. Wie in vielen anderen indischen Metropolen auch.

Doch nicht nur der Philosoph Platon, auch der Humanist Thomas Morus inspiriert Stadtplaner bis heute. Knapp 500 Jahre ist es her, dass er mit seinem epochalen Werk „Utopia“ das Leben in 54 einheitlichen Städten standardisieren wollte. Nach dem Zweiten Welt-krieg tauchten seine Musterstädte wieder auf – beflügelt vom technischen Fortschritt und von politischen Utopien. In Eisenhüttenstadt, mitten in Deutschland, wurde Morus‘ Vision Realität. Unter dem Motto „Stahl, Brot, Frieden“ legte die Regierung der DDR 1950 den Grundstein für ihre erste sozialistische Stadt. Die Wohnblöcke rund um die Hochöfen sollten dem Wohle der Arbeiter dienen. Dem historischen Nachbarstädtchen Fürstenberg, das der Region über Jahrhunderte entwachsen ist, wurde die Selbstständigkeit entzogen. Nach der Wiedervereinigung sind Tausende aus Eisen-hüttenstadt weggezogen – die Vorzeigestadt der Genossen ist heute eine Geisterstadt.

„Es gibt kein Patentrezept“

In Westeuropa regte sich schon vor Ende des Kalten Krieges der Widerstand gegen die von oben diktierte Stadt. Die Menschen besannen sich auf Metropolen, die mit der Zeit und ihren Bedürfnissen gewachsen waren. Anders ist das in Schwellenländern. Sie stehen unter einem weitaus größeren Urbanisierungsdruck. Stadtneugründungen erleben dort eine Renaissance. In Lateinamerika aber auch in Asien. Aktuell betreut Stadtplaner Seelig den Bau einer iranischen Satellitenstadt bei Teheran. „Wir versuchen, dort flexible Räume zu entwickeln. Die Bewohner brauchen mehr Freiheiten, um so zu leben, wie sie wollen.“ Sicher ist es reizvoll, in Gebäuden mit Solarenergie zu wohnen, umgeben von künstlichen Seen und Elektroautos. Doch die Lust am Stadtleben lässt sich nicht aus der Retorte stillen.

„Es gibt kein Patentrezept“, sagt Seelig, „für jeden Ort braucht es eine individuelle Lösung.“ Stadtplaner könnten nur die Rahmenbedingungen schaffen. „Identität kann man nicht planen.“ Das, was eine Metropole für viele ausmacht, lässt sich nicht von heute auf morgen erzwingen. Gewachsene Städte sind Gedächtnis der Menschen, sind Arenen der Macht und ihres Verfalls. In Berlin ist es der ganz eigene Charakter, der die Stadt so spannend macht. Es ist die Stein gewordene Geschichte „Unter den Linden“, die Ruine der Gedächtniskirche. Nicht der durchgeplante Potsdamer Platz. „Berlin ist so unbeholfen und das macht es sympathisch“, sagt Conrad Rodenberg, der ein Plattenlabel in Neukölln betreibt. „Perfekt an Berlin ist, dass es nicht perfekt ist.“

Auch in New York sind es die Freiräume, die Künstler aus aller Welt anlocken. Nicht die fertigen, vorgesetzten Orte. Wo Bewohner die Stadt selbst gestalten, wird sie lebendig. „Die U-Bahnen ächzen, die Wände bröckeln, die Menschen spinnen“, sagt Bloggerin Kathrin Leist, die vor fünf Jahren nach New York gezogen ist. „Mit seinen Fehlern fühlt man sich genau richtig.“

Happy City aus der Retorte

Nicht nur die Stadtbewohner, auch die Architekten haben das inzwischen erkannt. „Jede Stadt braucht ein Gesicht – und eine Utopie. Es kommt nur darauf an, wie gut diese Utopie ist“, sagt Vittorio Magnago Lampugnani, Professor für die Geschichte des Städtebaus an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich. „Historische Stadtstrukturen“, glaubt er, „funktionieren immer noch am besten.“ Die Authentizität und Verknüpfung mit dem Leben vermöge keine noch so perfekte Nachahmung zu reproduzieren. „Wichtig ist, dass sich die Bewohner mit ihrer Stadt identifizieren können.“

Beispiel Südkorea: Weil Seoul mit mehr als 22 Millionen Menschen zu bersten drohte, plante die alte Regierung eine neue Hauptstadt im Nirgendwo. Inzwischen mehren sich kritische Stimmen. Die selbst ernannte „Happy City“ Sejong könnte zur reinen Schlafstadt werden. Die Kräne stehen still, die futuristische Hochhaus-Oase soll nun Wissenschaftsmetropole für weit weniger Menschen werden. In Seoul selbst gibt es seit kurzem verkehrsberuhigte Zonen nach europäischem Vorbild. Wo einst Autos eine achtspurige Stadtautobahn entlang rasten, bummeln nun Passanten.

Architekten wollen die letzten Altstadtviertel retten – nicht nur wegen der Geschichte, sondern auch wegen der schmalen Gassen, die Massenverkehr verhindern. Ein Experiment, das wegwei-send für Megacitys von Mexiko-Stadt bis Sao Paulo sein könnte.

Es braucht Ideen, um die Metropolen der Welt für die Zukunft zu rüsten. Wasser, Energie, Müll und Verkehr müssen in die Stadtplanung einbezogen werden. 1,2 Milliarden Menschen werden in 20 Jahren ein Auto haben. „Wenn wir uns nichts einfallen lassen, ist der Verkehrsinfarkt unausweichlich“, sagt Christopher Borroni-Bird von General Motors. Sein Auto für das Jahr 2030 sieht aus wie ein Ei. Zum Fahren reicht eine halbe Spur, Elektromotoren in den Rädern bremsen und lenken. Die Kommunikation zwischen den Fahrzeugen soll Unfälle verhindern. Der Strom reicht für 40 Kilometer. Bei Tempo 40.

Holt die Bauern in die Stadt

Eine weitere Herausforderung sind die massiven Umweltprobleme, mit denen Städte kämpfen. 80 Prozent der Treibhausgase entstehen heute im urbanen Raum. Gierig frisst sich der Moloch ins Umland, verpestet die Luft, verbraucht Wasser und Nahrungsmittel und hinterlässt Unmengen an Müll. Auf immer neuen Symposien beschäftigen sich Forscher deshalb mit der Frage, wie sich der Klimawandel stoppen lässt. „Die größte Utopie, die wir heute haben, ist dem Herr zu werden“, sagt Bauhauschef Oswalt. Es gehe nicht mehr um den Entwurf einer anderen Zukunft, sondern darum, Veränderungen zu vermeiden. „Städter müssen ihre Lebensweise radikal ändern. Und zwar jetzt.“

Urbane Landwirtschaft: Vincent Callebaut hat für New York ein futuristisches Gewächshaus entworfen

In New York hat das Umdenken bereits begonnen. Dort entsteht das erste kommerzielle Dachgewächshaus. Ab Herbst sollen darin Gurken und Tomaten wachsen. Umweltforscher der Columbia Universität in New York fordern: Bringt die Bauern in die Stadt. Sie planen in Manhattan ganze Wolkenkratzer in vertikale Farmen zu verwandeln. Nur so ließen sich in einer urbanisierten Welt genügend Nahrungsmittel produzieren. Nach Berechnungen der Vereinten Nationen stehen im Jahr 2050 pro Mensch nur noch 1300 Quadratmeter Ackerfläche zur Verfügung, 1970 waren es fast doppelt so viele. Doch die städtische Landwirtschaft erfordert eine ausgeklügelte Anbautechnik – und die ist teuer.

Auch bei schillernden Zukunftsprojekten wie Masdar City lohnt ein zweiter, kritischer Blick. Das Emirat Abu Dhabi steht bislang nicht gerade für einen umweltbewussten Lebensstil: Klimaanlagen, Swimmingpools und Gelände-wagen prägen das Bild der Städte. Die Bewohner der Arabischen Emirate hinterlassen pro Kopf den größten öko-logischen Fußabdruck weltweit. Ob sie an einem Ort leben wollen, der autofrei ist und keine heruntergekühlten Wohnungen zulässt? Zudem hat das Ideal seinen Preis: 22 Milliarden Dollar wird allein der Bau von Masdar City verschlingen. „Nomaden haben den Ort nur im Winter genutzt, weil es sonst zu heiß ist“, warnt Philipp Oswalt. „Dass man jetzt mit größten technischen Anstrengungen dagegen vorgeht, erscheint mir sehr fragwürdig.“ Ob sich das irgendwann rechnet, daran zweifeln inzwischen auch die Scheichs.

Solche Luxusprobleme haben eine Milliarde Menschen, die weltweit in städtischen Elendsvierteln leben, nicht. Weder Solarstrom noch Elektroautos helfen Slumbewohnern. Ihre Utopie der perfekten Stadt ist einfach: ein Dach über dem Kopf, sauberes Wasser, eine Kanalisation.