Quelle: (flickr / Max Wolfe / CC-BY-2.0)

Wie Facebook unsere Sozialsphäre imitiert

Wer bin ich? Und wenn ja, warum nur einer? In Sozialen Netzwerken wie Facebook oder Google Plus werden wir gezwungen, nur eine einzige Identität anzunehmen. Facebooks jüngstes Privatssphären-Update löst das Problem nicht. 

Facebook hat neue Funktionen angekündigt. Die Nutzer sollen genauer bestimmen können, welcher ihrer Freunde welchen Post sehen und wie ihre Profile für verschiedene Nutzer aussehen. Das ist gut, aber nicht weitreichend genug. Facebook bleibt eine plumpe Kopie der echten Sozialsphäre.

Gründer Mark Zuckerberg sagte in dem Buch The Facebook Effect: “The days of you having a different image for your work friends or co-workers and for the other people you know are probably coming to an end pretty quickly… Having two identities for yourself is an example of a lack of integrity.”

Diese Einstellung zeugt von einem kruden Verständnis des menschlichen Miteinanders. Schließlich sind es gerade unsere verschiedenen gesellschaftlichen Identitäten, die uns Glaubwürdigkeit verschaffen. Unsere Mitmenschen haben Erwartungen an uns. Wenn wir sie erfüllen, gewinnen wir bei ihnen an Ansehen und Glaubwürdigkeit – und verlieren sie, wenn wir uns nicht rollenkonform verhalten. Oder würde es der Mutter gefallen, wenn ihr Sohn vor ihr prahlt, wie er in den letzten Wochen drei Mädels abgeschleppt hat? Oder dem Chef, wenn der Angestellte im Meeting müde von seinem Vollrausch der letzten Nacht erzählt? Oder der Freundin, wenn man bei Kerzenlicht über Aktienkurse redet?

Wir agieren in der analogen Welt nach dem Motto: “Bier ist Bier und Mutti ist Mutti”

Facebooks Ein-Identitäten-Politik zwingt uns, unsere verschiedenen gesellschaftlichen Rollen in einer großen Meta-Identität aufzulösen, die keine Entsprechung in der realen Welt hat. Der Like-Button, der auf positive Bestätigung abzielt, verschlimmert das Problem, weil er Widerspruch und Kritik herabsetzt – und so die positiven Seiten unserer Identität betont. Geklickt wird nur, wenn es gefällt. Wir beginnen, um der Bestätigung willen, Katzenbilder und flache Witze zu posten; was wir früher nie getan haben.

Deswegen ist es ein komisches Gefühl, wenn einen die eigene Mutter auf Facebook anstupst und man danach durch die Partybilder der letzten Nacht klickt. Zwei Räume prallen hier aufeinander, die in der analogen Welt klar getrennt sind und dort eigenen Regeln und Ritualen unterliegen. Frei nach dem Motto: “Bier ist Bier und Mutti ist Mutti.” Aber Soziale Netzwerke, Facebook ist nur das beste Beispiel, verhindern es, verschiedene Identitäten aufzubauen. Sie unterwerfen die verschiedenen sozialen Räume dem gleichen einförmigen Regelwerk.

Diese Regeln sind nicht Ergebnis von menschlichem Miteinander. Sie werden zum größten Teil technisch diktiert – von den Facebook-Entwicklern. Bestes Beispiel: der News Stream, der durch einen unbekannten Algorithmus filtert, welche Posts der Nutzer sieht und welche nicht. Der Internet-Aktivist Eli Pariser sieht darin eine Gefahr für die demokratische Öffentlichkeit. Er glaubt, dass wir in eine “Filter Bubble” geraten, in der wir nur noch sehen, was wir mögen und was uns gefällt, was wir “liken” würden. Da wird eine große Homogenisierungs-Maschine angeworfen, in der wir denken könnten, dass die ganze Welt unserer Meinung ist. Das zentrale Problem: der Komplexitätsverlust, der damit einhergeht. Die Realität wird nur unzureichend dargestellt.

In Sozialen Netzwerken verkommen wir zu faden Figuren eines Groschen-Romans

Pariser konzentriert sich in seiner Analyse auf die gesellschaftlichen Auswirkungen, gleiches gilt aber auch für die Nutzer: Ihre Identitäten werden nur unzureichend dargestellt. Der typische Facebook-Nutzer erscheint seinen “Freunden” unterkomplex und fad. Wie die Figur eines Groschen-Romans. Warum? Weil alle “Freunde” das Gleiche sehen und sich der Nutzer deswegen vorher selbst zensiert. Und kaum noch Provokantes, Innerliches, Erschütterndes postet. Auch nichts mehr, das nur ein kleiner Teil seiner Bekannten verstehen würde. Mit dem Facebook-Update und mit Google Plus’ Circles ist der richtige Weg schon eingeschlagen. Aber radikalere Schritte müssen her.

Denn nicht nur der Nutzer wird durch die Ein-Identitäten-Pflicht, den unsinnigen Klarnamenzwang und die Belohnungsökonomie des Like-Buttons gezwungen, seine Identitäten hinter einer schalen Fassade zu verbergen. Auch die sozialen Gruppen, die wir aus der analogen Welt kennen und in denen wir uns in den Sozialen Netzwerken bewegen, sind unterkomplex. Facebook & Co. schaffen es nicht, den analogen Gruppen ein ädaquate digitale Entsprechung zu geben. Klar, es gibt die Gruppenfunktion. Diese verhält sich aber zu einer analogen Gruppe wie ein einsames Guten-Morgen-Bier zum Kneipenabend mit Freunden.

Wir müssen wieder so tun können “Als-Ob”

Warum ist es so wichtig, dass wir auch in den Sozialen Netzwerken echte Gruppen bilden können? Weil sie die Vorraussetzung sind, um eine Gruppenidentität zu schaffen, um sich gemeinsame Rituale zulegen zu können und im stillen Einverständnis mit den anderen Gruppenmitgliedern jene Rolle zu spielen, die uns zugedacht ist. Allen Mitgliedern solch einer Gruppe ist bewusst, dass sie nur spielen, dass sie nur so tun “Als-Ob”. Aber genau das ist der Punkt: Der Philosoph Robert Pfaller sieht in seinem Buch “Wofür es sich zu leben lohnt” in diesem “Als-Ob” das Fundament menschlicher Kultur und Kunst und Genusses. Facebook & Co. lassen ein gemeinsames “Als-Ob” nicht zu. Für sie gibt es nur den einzelnen, vermeintlich authentischen Nutzer. Paradoxerweise schneiden die Sozialen Netzwerke uns so von einer wichtigen sozialen Eigenheit ab. Heraus kommt: ein einsamer Narziss. Und das sind wir nicht alle.

Wenn es stimmt, dass die ganze Welt eine Bühne ist, wie Shakespeare in Wie es euch gefällt schrieb, dann müssen wir sie auch bespielen können. Gerade im Internet, diesem schönen “Club ohne Konsequenzen“.

Quelle: (flickr / Max Wolfe / CC-BY-2.0)

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  • http://www.facebook.com/thecontented Felix Neumann

    Facebook und Co. haben eh wenig identitätsstiftendes an sich. Dafür bräuchten sie wesentlich mehr identifizierbares; nicht nur individuelle Kontakte, sondern beispielsweise auch individuelle Gestaltung, kein Einheits-Look&Feel in weißblau oder weißgrau.

  • Pingback: Wie Facebook unsere Sozialsphäre imitiert « LexRockhard's Blog

Artikel verfasst am 30. August 2011

Kommentare: 2 Kommentare

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