bild-china-zensur

Internetzensur in China – ein Selbstversuch

China, das ist doch dieses riesige Land, wo das Internet nur so halb funktioniert. Was aber wird von der Great Firewall wirklich gefiltert? Hive war in China und hat es getestet.

Urumqi ist eine der vielen völlig unbekannten Millionenstädte in China. Ganz im Nordwesten, an der alten Seidenstraße gelegen, wohnen dort in etwa so viele Menschen wie in Berlin. Vor zwei Jahren gab es dort ethnische Unruhen, die Uiguren – eine turksprachige Minderheit – protestierten gegen die aus dem Osten Chinas zugewanderten Han-Chinesen. Über diese Unruhen ist fast nichts bekannt gewesen, denn die ganze Provinz wurde einer vollständigen Kommunikationsblockade unterworfen. Kein Internet, Telefon, selbst die Post wurde lahmgelegt. Entsprechend waren die Erwartungen: Das Internet wird vielleicht nicht funktionieren, wenn doch, so wird man überwacht.

Internet im Hotel

Auf dem Zimmer hängt ein Lan-Kabel aus der Wand. Schließt man den Laptop an, so kommt man ins Internet – mit Einschränkungen. Als Suchmaschine kann man nur baidu.cn aufrufen, Google ist nicht erreichbar. Dafür kommt man auf Spiegel.de oder die Seite der Bildzeitung, bei letzterer sind aber alle Bilder gesperrt. Das Seite-1-Girl ist wohl doch zu freizügig. Verglichen mit der Kommunikationssperre zu den Olympischen Spielen in Peking vor zwei Jahren ist das aber schon ein Fortschritt. Die wichtigsten Bloganbieter waren übrigens auch nicht zu erreichen, auch das hive-Blog nicht.

Wie die Great Firewall funktioniert – und zu umgehen ist

Normalerweise soll eine Firewall einen Computer vor schädlichen Webseiten oder Programmen schützen – in China funktioniert es umgekehrt. Ein ganzes Land wird durch die Great Firewall von wichtigen Informationen abgeschnitten, von freier Berichterstattung ebenso wie von Social Communities, wo ein freier Gedankenaustausch möglich wäre.

Chinas Regierung betrachtet freie Internetkommunikation als Bedrohung. Überwachung ist ihre Antwort. Grafik: David Feng (2005), http://www.dbanotes.net/

Chinas Regierung betrachtet freie Internetkommunikation als Bedrohung. Überwachung ist ihre Antwort. Grafik: David Feng, http://dbanotes.net

Das Land ist über einen einzigen Knotenpunkt vor Shanghai mit dem weltweiten Netz verbunden, dort stehen Rechenzentralen der kommunistischen Regierung, die den kompletten Datenverkehr überwachen. Was nicht passt, wird herausgefiltert. Denn die Great Firewall blockiert zuallererst einfach nur bestimmte IP-Adressen von Seiten, die von der chinesischen Regierung als unerwünscht betrachtet werden. Weiterhin scannt sie Datenpakete auf Schlagwörter, finden sich Begriffe, die auf der internen Blacklist auftauchen, werden die Datenpakete nicht weitergeleitet.

Diese Zensur ist aber zu umgehen, wenn die Great Firewall nur relativ moderat läuft – wie es in Urumqi der Fall war.

Einfach nur lesen: picidae.org

Wer einfach nur lesen will, was auf einer gesperrten Seite steht, nutzt picidae.org Diese Website schickt ein Foto mit hinterlegten Links an den, der es benutzt, das Foto enthält also keine Texte, die von der Great Firewall gelesen werden könnten, aufgrund dieser die Seite geblockt würde. Wie genau das alles funktioniert, steht hier.

Facebook nutzen: Proxy

Man kann sich aber auch mit einem Proxy behelfen, der dem Computer temporär eine neue IP-Adresse zuweist. Vtunnel.com ist eine einfache Maske, die per Proxy auch Seiten wie Youtube aufrufen kann. Oder man nutzt hidemyass.com. Auch das Tor-Netzwerk kann wie ein Proxy verwendet werden, da sollte man aber die Software vor der China-Reise heruntergeladen haben. Inzwischen hat China aber auf den Trick mit den Proxys reagiert, die populärsten sind inzwischen auch geblockt.

Der Tunnel in die Zensurfreiheit: VPN

Genau so herunterladen kann man sich einen VPN-Client. Auch der erlaubt es, mittels eines Tunnels verschlüsselten Datenverkehr zwischen zwei Rechnern, also dem einen in China, dem anderen irgendwo außerhalb der Great Firewall. Das kennen Studenten oft schon von der Uni, dort ist der Internetzugang ja auch meist nur per VPN möglich. Bei den kostenlosen Anbietern ist vor allem hamachi zu empfehlen.

Das “TOR” zur Freiheit

Durch das TOR-Netzwerk wird anonymer Datenverkehr möglich. Dazu muss auf dem Computer in China die TOR-Software installiert werden, die dann über zufällig ausgewählte Tor-Server den Datenverkehr verschlüsselt zum Rechner leitet. Die Great Firewall kann die verschlüsselten Daten so nicht scannen und filtern.

Werden Emails gefiltert? Mit SSL-Verschlüsselung nicht.

Hive hat getestet, ob Emails generell gescannt und gegebenenfalls gefiltert werden. Vielleicht Bilder vom Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens, Fotos der Arabischen Revolution, Pornobilder? Die vorher auf einem USB-Stick gespeicherten Testdaten sind alle durchgekommen. Auch kritische Texte, auf deutsch oder englisch, haben die Heimatredaktion in München erreicht. Alles wurde über die normale Webmail-Maske von gmx verschickt, ohne VPN, TOR oder Proxys. Der Grund: zum deutschen GMX-Server wurde eine verschlüsselte SSL-Verbindung aufgebaut, auf die die chinesischen Zensoren keinen Zugriff haben. (Dank an die Kommentatoren für den Hinweis / red)

Was ist unser Fazit? Ja, es gibt die Internetzensur. Und nein, besonders stark war sie gerade nicht. Die Great Firewall war moderat eingestellt.  Das kann sich aber – wie bei der Olympiade 2008 geschehen – recht schnell ändern.

Wer also auch immer nach China fährt, sollte sich vorher überlegen, welche Tools er nutzen möchte, sich gegebenenfalls entsprechend vorher die Software herunterladen. Denn die Great Firewall ist löchrig – man muss nur wissen, wie man durchkommt.

Foto: flickr / jabka / CC BY-NC-SA 2.0

 

In einer früheren Version dieses Artikels wurden die Uiguren als “arabische” Minderheit bezeichnet. Das ist nicht korrekt. Sie gehören zu den Turkvölkern. Danke an Kommentatorin “Sarah” für den Hinweis.

  • Sahra

    Die Uiguren sind nicht Araber sondern ein türkischstämmiges Volk.

    • http://ricogrimm.de Rico Grimm

      Ist korrigiert. Danke für den Hinweis.

  • Weißer Helge

    Zum Thema “Massaker auf dem Platz d. Himmlischen Friedens” empfehle ich folgende Seite als Lektüre: http://www.infosperber.ch/Artikel/FreiheitRecht/Die-Wahrheit-uber-das-Pekinger-Tiananmen-Massaker

  • Hansdampf

    Leider kann ich vielen Links nicht folgen, da meine Firma diese nicht durch ihre Little Firewall lässt.

  • Hansdampf

    Leider kann ich vielen Links nicht folgen, da meine Firma diese nicht durch ihre Little Firewall lässt.

  • Marcel Gruhn

    Die normale Webmail-Maske von gmx wird per SSL übertragen und ist damit verschlüsselt, weshalb auf diese Weise verschickte E-Mails natürlich auch nicht von der Great Firewall durchsucht werden können.

  • Marcel Gruhn

    Die normale Webmail-Maske von gmx wird per SSL übertragen und ist damit verschlüsselt, weshalb auf diese Weise verschickte E-Mails natürlich auch nicht von der Great Firewall durchsucht werden können.

  • MH

    Durch das Aufurfen der gmx-WebMail-Maske in China verschickt man keine Emails von China aus. Der Test war also völlig nutzlos.

  • http://www.facebook.com/thecontented Felix Neumann

    Technisch gesehen ist es zwar richtig, dass die E-Mail in Deutschland verschickt wurde; praktisch jedoch wurde sie in China erstellt und in das Internet abgesetzt. Wenn ein Deutscher sich in China in einen GMX-Account einloggen kann, kann das ein Chinese auch. Dieser Test ist also mitnichten nutzlos.

  • http://www.facebook.com/thecontented Felix Neumann

    Eine ganz andere Frage drängt sich mir auf: sie müssen ja nicht gleich blockieren. Gut möglich, dass die staatliche Überwachung eher interessiert zuschaut, und im Zweifelsfall gegen einen chinesischen Bürger dann jede Menge Beweismaterial zum “Landesverrat” in der Hand hat.

    (Natürlich nicht verschlüsseltes Material, aber allein der Fakt, dass man verschlüsselt mit deutschen E-Mail-Diensten kommuniziert könnte in solchen Punkten ausreichen.)

  • Pingback: Das Exter-Net

Artikel verfasst am 6. September 2011

Kommentare: 11 Kommentare

More in Politik (14 of 20 articles)