Bitte entpixeln!
Ein Jahr nach dem Start von Google Street View scheint die Stimmung im Land entspannt. Die Fotos des Kartendienstes haben weniger Nebenwirkungen als befürchtet und sind vor allem eines: praktisch. Manch einer möchte bereits sein Haus wieder klar sehen.
Die Oberstaufener im Allgäu waren die ersten in Deutschland, die ihre Straßen über den Bilderdienst Google Street View online stellten. Dafür ließ sich die fortschrittliche Gemeinde feiern: Neben Bürgermeister und Tourismuschefin erschien auch der Entwicklungschef von Google, in Tracht, um eine symbolische “Hochzeitstorte” mit dem Logo des Internetkonzerns anzuschneiden. Zu diesem Zeitpunkt lächelten nur wenige öffentlich für den Kartendienst von Google. Die Stimmung: eher mies. Noch bevor Street View im November 2010 startete, formierte sich Widerstand gegen die Veröffentlichung der Bilder.
Die Gegner sorgten sich nicht nur um ihre Privatsphäre, sie fürchteten auch Einbrecher, angelockt von teuren Häuserfassaden. Ganze Straßenzüge gehobener Viertel wurden so zu einem Pixelbrei. Auch das Haus in dem Björn Eichstädt lebt. Der IT-Berater hätte gerne den schmucken Münchner Altbau im Netz gesehen. Aber jemand hatte das Haus als “Problem” gemeldet, auf der Seite Google Maps. Es war eine von insgesamt 245.000 „Problem-Meldungen“, die bei Google eingingen.
Die Seiten der Antipixler sind deaktiviert.
Seitdem kämpft Björn Eichstädt für ein pixelfreie digitale Öffentlichkeit. Er rechnet damit, dass sich Street View in absehbarer Zeit zu einem relevanten Recherche-Tool entwickelt, dass es eine Referenz-Plattform wird, die Seiten wie Immoscout24 in ihre Dienstleistung mit einbettet. “Und dann”, sagt Björn Eichstädt, “wollen sie alle wieder entpixelt werden”.
Eichstädt gründete damals die Facebook-Gruppe „ungwollt verpixelt“, auf der sich Antipixler wie Marco Schmidt ärgern können: „Es ist und bleibt hässlich, aber inzwischen ist das nur noch ein Achselzucken.(…)“, schreibt er. Der Kommentar liegt vier Monate zurück, viel wurde seitdem nicht gepostet. 1207 Mitglieder hat die Facebook-Seite, sie ruht zur Zeit. Andere Seiten wie “Verschollene Häuser“, eine Webaktion von Foto-Aktivist Jens Best, ist „vorübergehend deaktiviert“. Auch die Seite findedaspixel.de, die verpixelte Häuser aufspürte, ist eingestellt.
Die Google-Bilder sind informativ. Und manchmal Kunst.
Die Empörung über Google Street View hat sich gelegt. Als Konkurrent Microsoft im Juli ankündigte, für seinen Kartendienst „Bing Maps Streetside“ Straßen zu fotografieren, gingen nur 80.000 Einsprüche ein. Björn Eichstädt führt das auf die mittlerweile entspannte Berichterstattung zurück. Dass es überhaupt zu einer solchen Protestwelle kommen musste, liege an der “Desinformationspublizistik von Nicht-Online-Medien”. Eichstädt meint auch das Fernsehen, das den Menschen erkläre, “dass das Internet böse sei”. 90 Prozent der Verpixler haben keine Ahnung, was Google Street View eigentlich ist, hat er festgestellt. Eichstädt nennt sie “die klassischen Offliner”. Er redet dann mit ihnen, meistens erfolgreich.
Die Zahl der Zugriffe auf Google Maps sei im letzten Jahr um 25 Prozent gestiegen, sagte Google-Sprecherin Lena Wagner gegenüber der Süddeutschen Zeitung. Manch einer wolle sein Haus sogar entpixeln lassen. Doch einmal Pixel bedeutet immer Pixel: Eine nachträgliche Korrektur ist nicht mehr möglich. Viele Hauseigentümer und ihre Bewohner haben zu spät erkannt, dass der Kartendienst für Wohnungssuche und Reiseplanung genutzt wird, nicht aber für die erwarteten Einbruchserien. In drei Jahren, vielleicht, wird es “großes Geschrei” darüber geben: Björn Eichstädt wartet auf die ersten Klagen wegen “digitaler Körperverletzung”, Klagen, die Mietminderung für ein verpixeltes Haus fordern. “Dann”, sagt Eichstädt, “bin ich dabei”.
