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Anders als erhofft, lösen sich soziale Unterschiede im Netz nicht auf. Sie werden größer.

Tim hat fast nur Vieren in seinem Zeugnis. Er bedauert das öffentlich in einem Schulnoten-Forum. Er schreibt “ergern” statt “ärgern” und bei “fasst” rutscht ihm ein s zu viel durch. Tim ist hier in der Minderheit: Nur fünf bis zehn Prozent der Schüler in diesem Forum lernen an der Hauptschule. Für die anderen, Gymnasiasten vor allem, ist es schon ein Problem, wenn­­­ sie ein paar Dreien in ihrem Zeugnis haben. Sie diskutieren miteinander. Auf Tims Problem reagiert niemand. Er hat keine Chance, mitzureden.

Lange sprachen Wissenschaftler voller Hoffnung über das Internet als einen Ort, an dem soziale Unterschiede nichts gelten. “Im Netz kann jeder mitdiskutieren, der will”, sagt auch heute noch Benjamin Jörissen, der in Magdeburg Medienbildung lehrt. Er hört sich immer noch zuversichtlich an. Ganz anders klingt es bei der Sozialwissenschaftlerin Nadia Kutscher. Sie glaubt nicht mehr an die alten Hoff­nungen, seit sie mit 360 Jugendlichen über Mails, Chats, Foren und Wikipedia gesprochen hat.

Geschmacksgrenzen reproduzieren sich im Netz

Schon bei der Anmeldung bei Netlog fällt etwas auf, das anders ist. Ein Kommafehler bloß, aber er sticht ins Auge: “Mit diesem Code, können wir Missbrauch verhindern” steht da. Das soziale Netzwerk steht in dem Ruf, ein “Cyber-Ghetto” zu sein. Eine Plattform, auf der sich Abiturienten niemals anmelden würden. Tatsächlich wirkt Netlog im Vergleich mit der blau-weißen Sauberkeit von Facebook ungewaschen: Jeder kann sein Profil anpassen, gelbe Quadrate im Hintergrund mit grünen Totenköpfen kombinieren und verschiedene Schriftarten zusammenpuzzeln. Viele laden Gedichte hoch oder schreiben Tagebuch. Wer sich in dem Netzwerk bewegt, dem werden immer wieder Produkte von “Netlog-Partnern” angeboten. E-Mails fordern dazu auf, neue Spiele auszuprobieren.

Bei Facebook kann keiner die Schriftart ändern und Gedichte tauchen so gut wie keine auf. “Es wäre aber auch merkwürdig, wenn sich Geschmacksgrenzen im Internet nicht reproduzieren würden”, sagt Benjamin Jörissen, der prinzipiell an die soziale Offenheit des Internets glaubt. Dennoch reiße das Netz mehr soziale Grenzen ein, als es neu aufbaue. “Bei Twitter kann ich niemanden nach seiner Kleidung oder seinem Aussehen beurteilen”, sagt Jörissen.

Üben Nutzer bei Netlog das Aushalten des Fremden ein?

Nadia Kutscher hat etwas anderes beobachtet. “Es ist offenbar so, dass soziale Abgrenzung auch in Foren und sozialen Netzwerken funktioniert”, sagt sie. Das passiere darüber, wie sich jemand sprachlich äußert und welche Themen ihm wichtig sind. Wie bei dem Hauptschüler Tim, auf den schon wegen ein paar Rechtschreibfehlern keiner reagierte. Und es gibt andere stille Hinweise auf die soziale Herkunft: Wenn sich große und kleine Buchstaben in Nutzernamen mischen zum Beispiel. Oder wenn die Mitglieder sich wie auf Netlog gegenseitig mit “Alta” ansprechen.

Nadia Kutscher war 2004 an der Studie “Jugend ans Netz” (PDF) beteiligt. Damals wurden noch keine Plattformen wie Facebook untersucht. Aber die Forscher stellten in Chats und Foren fest, dass die Internetnutzung immens von der Bildung und dem ökonomischen Status abhängt. Wenn es darum ging, sich zu bestimmten Themen zusammenzufinden oder Veranstaltungen zu planen, machten fast nur Jugendliche mit einem hohen Bildungsgrad mit. “Die Vermutung liegt nahe, dass sich das in sozialen Netzwerken noch verschärft, beispielsweise in den Gruppen bei Facebook. Oder darüber, wer in welchen Netzwerken Mitglied ist”, sagt Kutscher.

Bewiesen sind Kutschers Thesen nicht. Ein Grund, weshalb Benjamin Jörissen bezweifelt, dass soziale Netzwerke gesellschaftliche Spaltungen vertiefen. “Je mehr sich jemand dort bewegt, desto mehr muss er mit dem zurechtkommen, was ihm fremd ist”, sagt er. Schließlich gehöre es zum Prinzip, dass sich der Nutzer mit den Menschen, die mit seinen Freunden befreundet sind, auseinander setzt. “Wenn Menschen aus sozial schwächeren Schichten das zunächst bei Netlog oder Wer-kennt-wen einüben, ist das völlig legitim.”

Was übrig bleibt: Sozial homogene Cyber-Ghettos

Stärker als hierzulande sind soziale Netzwerke in den USA erforscht. Danah Boyd ist Wissenschaftlerin an der Harvard University und sorgte 2009 mit einer Untersuchung über MySpace und Facebook (PDF) für Aufsehen. Sie stellte fest, dass sich Jugendliche aus ökonomisch besser gestellten Haushalten gegen MySpace entschieden, sobald es Facebook gab. Boyd nannte diese Bewegung “White Flight” und verglich sie mit dem, was im 20. Jahrhundert in den Großstädten der USA passierte: Diejenigen, die konnten, zogen in die sauberen Vorstädte. Zurück blieben graffitiverschmierte, sozial homogene Innenstädte.

Seit November 2010 untersucht Caja Thimm, Professorin an der Universität in Bonn, Twitter auf soziale Unterschiede. Ihre ersten Ergebnisse: “Durch die Kultur des Folgens und gefolgt Werdens entstehen Gruppen, die zusammenhalten”, sagt Thimm. Es sei zwar der menschlichen Natur geschuldet, sich mit Seinesgleichen zusammenzutun, sagt Thimm. “Ich glaube aber, dass die Menschen sich im Netz komplett von denen abschotten können, die nicht zu ihrer sozialen Schicht gehören.”

Facebook: Abgrenzung qua Geburt

Bei Facebook ist das schon deshalb ganz einfach, weil die Nutzer dort nur die Statusmeldung ihrer Freunde sehen. Und selbst da können sie schnell auswählen: Wem eine Statusmeldung nicht gefällt, fährt mit der Maus einfach auf das kleine Kreuz oben rechts und klickt auf “verbergen”. Und Netzwerke wie die Business-Community Xing sind schon auf Gruppenbildung angelegt: Xing beschreibt sich selbst als “Plattform für Geschäft, Job und Karriere”. “Diese einfache Abgrenzung geht offline nicht”, sagt Thimm. “Da treffen wir unvermeidlich auf Menschen, die wir uns nicht aussuchen.” Wer dagegen immer nur mit Meinungen konfrontiert ist, die den eigenen ähneln, könne irgendwann Diskussionen und Kritik nicht mehr aushalten.

Auch wenn sich Jörissen, Kutscher und Thimm nicht einig sind: Bei der Frage “Was tun?” sagen alle dasselbe: Die Orientierung im Netz, den Umgang mit Facebook und Twitter schon in der Schule zu lehren, könne sozial Schwächeren wie dem Hauptschüler Tim beim Mitreden helfen. “Denn das Netz”, sagt Nadia Kutscher, “hat eine Menge positiver Effekte. Nur nicht für alle im gleichen Maße.”

Unseren Kommentar zum Thema und Gedanken zur Frage “Was tun?” findet ihr hier.

Foto: flickr/&y/ BY-NC-SA 2.0
  • Helena Meier

    “Sozial schwach” mit Haupt- oder Realschüler gleichzusetzen ist natürlich falsch. Interessant wäre es gewesen, man hätte Jugendliche befragt, die aus sozial schwachen Familien kommen – dazu zählen natürlich auch Gymnasiasten. Und sich dann bei der Analyse auch noch auf Social Networks zu beschränken, ist schlicht zu kurz gedacht.

    • Denise Peikert

      “Sozial Schwach” ist ein ungenauer Begriff. Nur bin ich ratlos über die Alternativen: “Bildungsfern” bezieht sich nur auf die Bildung nicht auf den ökonomischen Status. “Unterschicht” ist ein despektierlicher Begriff. Die Frage ist da: Wie behilft man sich, zumal in einem journalistischen Text? Im Text wird  an mehreren Stellen erläutert, dass in diesem Fall ein niedriger Bildungsstatus und geringere ökonomische Leistungsfähigkeit unter dem Begriff “sozial schwach” zusammengefasst sind. Vielleicht wäre es jedoch besser gewesen, darauf gleich am Anfang hinzuweisen.

      Was du mit “schlicht zu kurz gedacht” meinst in Sachen Beschränkung auf soziale Netzwerke, das verstehe ich nicht ganz: Im Text wird neben Sozialen Netzwerken bspw. auch auf Twitter hingewiesen. Die zitierten Wissenschaftler äußern sich im allgemeinen zu sozialen Strukturen, die durch bestimmte Infrastrukturen des Netzes beeinflusst werden. Und die erwähnte Studie von Nadia Kutscher u.a. bezog sich auf Foren.Studien und Untersuchungen, wie du sie anregst, kenne ich nicht bzw. habe ich bei der Recherche nicht gefunden. Das würde das Thema sicher erweitern, also wenn du da was kennst? Überhaupt ist da natürlich noch ganz viel drin: Die Frage zum Bsp. auch, wie einzelne Menschen ihr bisher analoges Sozialverhalten ins Netz übertragen. Und natürlich: Ändert sich das? Ist das Sozialverhalten von Menschen, die bspw. nach 2000 geboren sind, anders/gar nicht mehr in analog/digital unterscheidbar?

      • Helena Meier

        Ökonomisch schwach und bildungsfern zusammenzufassen und das als “sozial schwach” zu definieren finde ich schlicht realitätsfern und beschreibt das Problem nicht. Denn um es deutlich zu sagen: Von der ökonomisch Situation (im Elternhaus) lässt sich nicht auf den Bildungsgrad schließen! Das ist polemisch.
        Da bereits zu Beginn der Satz steht “Anders als erhofft, lösen sich soziale Unterschiede im Netz nicht auf. Sie werden größer” hätte ich erwartet, dass sich hier nicht nur auf solche Kanäle beschränkt wird, die Kommunikation erfordern (Twitter, Foren), sondern auch auf die Möglichkeiten hingewiesen wird, dass Wissen und Informationen kostengünstig verfügbar sind. Dieser Umstand dürfte letztlich viel stärker zu der Überbrückung sozialer Unterscheide beitragen. Denn Wissensbeschaffung ist nicht mehr an den Geldbeutel geknüpft, sondern auch für sozial schwache verfügbar. Die Schlussfolgerung des Artikels finde ich somit fraglich.

  • Pingback: Reissuppe

  • nbd

Artikel verfasst am 6. Dezember 2011

Kommentare: 5 Kommentare

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