Da steigt der Fickfaktor – und keinem fällt’s auf
Das Buch Super Sad True Love Story von Gary Shteyngart ist eine finstere Zukunftsvision. Die dauernde Überwachung aller erzählt es dabei so beiläufig mit, dass sie kaum auffällt. Oder liegt das am Leser?
An die Weltereignisse erinnert man sich. An die Sache mit dem Fickfaktor nicht. Shteyngart erzählt: Von der Abwertung des Dollars, von der totalen Verarmung Amerikas und von dem Überleben von “StatoilNorwegen”. Das ist knallig und beeindruckend. Er erzählt aber auch von einer totalen Überwachungsgesellschaft, in der man etwa sehen kann, wie oft die Mitmenschen Sex hatten. Das ist genauso beeindruckend, bleibt aber kaum in Erinnerung.
Es liegt nicht nur an der Form: Super Sad True Love Story ist ein moderner Briefroman. Zur einen, größeren Hälfte besteht er aus dem Tagebuch des russischen Einwanderers Lenny Abramov. Den Rest füllen Nachrichten, die Lennys sehr junge Geliebte Eunice Park mit ihren Freunden über ihren GlobalTeensAccount austauscht. Global Teens ist eine Art äußerst leistungsfähiges Facebook.
Wenn man mit dem Buch durch ist, schwirrt der Kopf
Es liegt auch nicht nur an der Erzählung selbst: Die Geschichte des Paares ohne Zukunft vor der Kulisse der auseinanderbröckelnden USA ist “superromantisch” gedacht, wie es im Klappentext steht, aber: Das klappt nicht. Dafür hetzt Shteyngart mit einem viel zu irrem Tempo durch seine politische Dystopie. Zeltstädte in einem New Yorker Park, der Beinahe-Zusammenbruch einer Bank, die, wie fast alle Unternehmen in seinem Buch einen Bandwurmnamen hat, der Folge ist von endlosen Fusionen und abstrusem Sponsoring: AlliedWasteCVSCitigroupCredit.
Das alles las sich schon bei Erscheinen dieses Zukunftsromans 2011 näher an der Realität, als es zu seiner Zeit wohl George Orwells 1984 getan hat. Aber es ist zu hastig und zu knallig erzählt. Wenn das Buch durch ist und atemlos zur Seite gelegt wird, schwirrt der Kopf: Nahrungsmangel in den USA, Kampfbomber Chinas über New York, Ausreiselisten für “StabilitätsKanada”.
Dass die Sache mit dem Fickfaktor nicht hängen bleibt, es könnte vor allem am Leser selbst liegen.
Denn das, was Shteyngart von der totalen Transparenz erzählt, ist eigentlich gar nicht so beiläufig, es empört nur nicht im gleichen Maße wie die Bildschirme in den Wohnungen der Orwell-Protagonisten. Der Grund: Bei Shteyngart hat nicht der Staat den Bürger ins Glashaus gesetzt, er ist freiwillig hineingegangen. Freiwillig geben die Lennys und Eunices mit ihren “Äppäräten” ihren sexuellen Status und ihren Kontostand preis – und konsumieren neugierig die Informationen der anderen. Ja, wenns weiter nichts ist. Der Leser ist durch Facebook-Stalking, Vorratsdatenspeicherung und Internetsperren auf eigentlich alles vorbereitet und nimmt diesen Teil von Shteyngarts Buch achselzuckend hin.
Keine Love Story, aber Super Sad
Kreditmasten auf den Straßen lesen die Bonität jedes einzelnen aus – und zeigen sie auf dem Digitaldisplay an, für jeden sichtbar und im Sinne der Konsumwirtschaft.
Lenny liest mit seinem Äppärät den “Fickfaktor” der Frauen aus, die mit ihm im Raum sind.
Und stellt fest, wie erbärmlich seiner ist.
Er checkt, wo die Menschen um ihn herum arbeiten und wie viel sie dabei verdienen.
Er liest mit, was die anderen “streamen”, also welche Nachrichten sie schreiben.
Als er aus Italien wieder in die USA einreisen will, muss er angeben, mit wem er zuletzt geschlafen hat.
Wenn Eunice das Haus verlässt, checkt Lenny anhand ihres Äppärätes, wo sie sich befindet – schließlich sind es gefährliche Zeiten.
Posten der “Restaurationsregierung” der USA kontrollieren die Bürger an Checkpoints und lesen berührungslos alle Daten ihrer Äppäräte aus.
Und niemanden störts.
Lennys einzige Sorgen: Die gesellschaftliche Minderachtung von Büchern und Eunice’ Zuneigung.
An einem Stück aufgeschrieben und entschlackt um all das Knallige und Bunte ist das, was Gary Shteyngart zum Thema Transparenz und Überwachung aufgeschrieben hat, beängstigend. Beängstigend auch, dass es nicht gleich auffällt. Wenn Shteyngart das genauso gewollt hat, dann ist Super Sad True Love Story zwar immer noch keine Love Story, aber wahrlich Super Sad. Das True steht noch zur Debatte.
Super Sad True Love Story ist 2011 im Rowohlt Verlag erschienen und kostet in der gebundenen Ausgabe 19.95 €.


