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Der gläserne Boarder

Bald gibt es im Snowboarden kein Erfolgsgeheimnis mehr. Denn das Unsichtbare im Sport wird sichtbar. Das verspricht eine App, die Snowboarder genau überwacht: Wie schnell einer fährt, wohin er sein Gewicht verlagert – sogar was er fühlt.

Ich sehe Peetus Herz schlagen. Es ist rot mit einem schwarzen Kern, es pulsiert. Und es ist vom Computer animiert. Das Comic-Herz soll mir zeigen, wie das Organ des Profi-Snowboarders Peetu Piiroinen Blut durch seinen Körper pumpt, wie es schneller und langsamer schlägt, während Piiroinen meterweit durch die Luft springt.

Sichtbar macht das eine Smartphone-App. Sie heißt „Push Snowboarding“ und ist ein gemeinsames Projekt von Nokia und Burton. Der Telefonhersteller und die Snowboardmarke arbeiten seit 2009 daran, bisher ist die App nur ein Prototyp.

Gefühle messen wie beim Lügendetektor

Die Software stützt sich auf Messungen am Snowboarder selbst. Der trägt Sensoren am Arm und an der Brust, an den Schuhen und am Board. Die digitale Technik wird in seine Kleidung eingebaut. Während der Fahrt messen sie Geschwindigkeit, die Lage des Boards, den Herzschlag, den Druck auf das Board und den Rush-Faktor. Der soll zeigen, was der Snowboarder bei der Abfahrt fühlt und so den Kick sichtbar machen. Gemessen wird er über die elektrische Leitfähigkeit der Haut. Lügendetektortests nutzen die gleichen Signale.

Nach der Fahrt werten die Snowboarder die Daten aus. Die Zahlenreihen können dann visualisiert werden, wie in diesem Video des Pro-Riders Peetu Piiroinen:

Das sieht vor allem nach einer Spielerei aus, könnte den Sport aber tatsächlich verändern. Zum einen, weil die Fahrer durch die Analyse der Daten neue Trainingsmöglichkeiten haben. Sie können Abfahrten und Tricks nach objektiven Maßstäben auswerten und dadurch Schwachstellen besser erkennen. Die Daten zeigen, wo sie das Board belastet und wie sie es gedreht haben. Sie können sich auch an den eigenen Leistungen messen, zum Beispiel, indem aus den Daten ihrer guten Läufe ein bestmöglicher Ride simuliert wird. Gegen diese virutellen Ghost Rider kann der Fahrer dann antreten. Durch eine Weiterentwicklung könnte der Gegner aus den eigenen Daten sogar auf einem Display in der Skibrille eingeblendet werden.

Aber auch die Wahrnehmung der sportlichen Leistungen wird sich ändern. Wettbewerbsrichter könnten ab sofort nicht mehr nur sichtbare Kriterien bewerten, sondern ihr Urteil auch auf Daten stützen. Dadurch könnten sie Leistungen umfassender vergleichen.

Kritiker fürchten um den Zauber des Sports

Das Push Snowboarding reiht sich ein in den Bereich der „Wearable Technologies“, der Technik zum Anziehen. Bisher ist die Branche vor allem auf die Bereiche Sport und Freizeit spezialisiert. Auch im Snowboarding gab es bereits Ansätze wie Sensoren in Rucksäcken und Displays in Skibrillen. Innovationen könnten demnächst aus einem anderen wichtigen Feld der „Wearable Technologies“ kommen: der Medizin. Dort werden unter Schlagworten wie „Ambient Medicine“ und „Health to go“ Systeme entwickelt, die Risikopatienten bequem am Körper tragen können und so ihre Gesundheitswerte in Echtzeit überwachen lassen. Messmethoden aus diesem Bereich könnten auch bei Boardern angewendet werden. Dann würde man immer genauer wissen, was im Körper der Sport-Profis vorgeht. Das Ergebnis wäre der gläserne Boarder.

Aber nicht alle wollen das. Kritiker des “Push Snowboarding” begreifen ihren Sport als ein Erlebnis, das nicht in Zahlen zu fassen ist. Mit der Analyse jeder einzelnen Bewegung mache man den Zauber des Snowboardens kaputt, sagen sie. Und die Bewertung des Sports nach messbaren Werten berge auch die Gefahr, vor lauter Zahlen die Eleganz der Tricks zu übersehen.

Ohnehin sind die Daten noch eher dürftig. Die Tabellen der Fahrer, die man im Internet findet, zeigen Werte, die nur aus Messfehlern entstanden sein können. Zum Beispiel eine Herzfrequenz von neun Schlägen pro Minute. Seltsam auch: der Rush-Faktor, der die Erregung des Fahrers misst, steigt nach der Fahrt auf Höchstwerte. Dann, wenn der Fahrer durchschnauft und auf den Lift wartet. Misst man überhaupt das Richtige?

Die Pro-Rider warten zudem noch darauf, dass die Daten genauer und sinnvoll visualisiert werden. Bisher sehen die Auswertungen noch wie Szenen aus früheren Konsolenspielen aus. Genau aus dieser Branche könnte allerdings Hilfe kommen: Für die Spiele-Industrie sind die Daten aus dem “Push Snowboarding” sehr wertvoll. Die Daten helfen den Programmierern zum Beispiel, Spielcharaktere zu animieren oder das Verhalten des virtuellen Boards realistischer zu machen. Genauere Auswertungen und Visualisierungen für die Profi-Boarder könnten ein Nebenprodukt der Game-Entwicklung sein.

Die Open-Source-Community nutzt die Push Snowboarding Daten bisher eher spielerisch. Zum Beispiel für Boarder-Videos, in denen die Daten filmische Effekte steuern. Das sind erste Ansätze, an der Bedeutung der Entwicklung gehen sie aber vorbei. Für die einen wird der Snowboard-Sport dadurch revolutioniert. Für die anderen entzaubert.

Foto: TimOve/Flickr

Artikel verfasst am 3. Februar 2012

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