Betreff: Abschiedsbrief
Erhängen, Erschießen, Überdosis: In Onlineforen geben Jugendliche einander Tipps, wie sie sich effizient umbringen können. Rund 600 machten im letzten Jahr Ernst. Eine Gruppe junger Menschen aus Freiburg kämpft mit E-Mails gegen die Selbstmorde an.
Die Sache mit dem Kopfschuss beschäftigt an diesem Abend die meisten User im Forum. Ob man dabei noch Schmerzen spüre, will jemand wissen. Die Liste der Antworten wird im Minutentakt länger. „Wenn du richtig zielst, wirst du nicht mal mehr den Schuss hören“, steht da rot auf schwarz, oder: „Im Idealfall kommt das Hirn nicht mehr dazu, den Schmerz zu realisieren.“ Auch einige lakonische Warnungen sind dabei. „Ein Kopfschuss ist nicht immer sofort oder überhaupt tödlich. Und dann gibt’s garantiert mächtige Kopfschmerzen.“
Solche Foren können am Tod junger Menschen schuld sein, denkt der Münchener Suizidforscher Thomas Bronisch. Das Internet könne bei Jugendlichen mit Suizidgedanken den letzten, tödlichen Impuls geben. „Foren, in denen Selbsttötung glorifiziert wird, können labilen Jugendlichen suggerieren, das sei der einzige Ausweg”, sagt Bronisch.
“Wir können aus den Statistiken zwar nicht herauslesen, ob diese Foren Selbstmorde fördern, aber öffentliche Diskussionen von Suiziden provozieren immer Nachahmer”, sagt der Experte. Das Internet, es sei für Suizidgefährdete Fluch und Segen gleichermaßen. Denn neben Anleitungen für Suizide finden Betroffene online auch Hilfe und Beratung.
[U25]-Jugendliche kümmern sich um ihre suizidgefährdeten Altersgenossen
Ein ungewöhnliches Konzept ist dabei in den letzten Jahren besonders aufgefallen: [U25], ein Angebot des Arbeitskreis Leben in Freiburg. Dort kümmern sich junge Menschen zwischen 16 und 25 Jahren um suizidgefährdete Altersgenossen – per Mail. Wer nicht mehr weiter weiß mit dem eigenen Leben, kann seine Probleme anonym den ehrenamtlichen Krisenberatern anvertrauen. Hilfe landet direkt im Postfach”Missbrauchserfahrungen, selbstverletzendes Verhalten, Essstörungen, Depressionen oder Mobbing – die Liste der Anliegen ist lang”, sagt Solveig Rebholz, die als Sozialpädagogin bei [U25] arbeitet. Auch wenn die Mailberatung fast alleine in den Händen der Jugendlichen liegt, so brauchen diese doch fachkundige Unterstützung. “Wir wählen die Berater sorgfältig aus und bereiten sie intensiv auf ihre Aufgabe vor”, sagt Rebholz.
Sind Suizidforen gefährlich? Wie stellst du dir die Menschen vor, denen du schreibst?Jenny, 23 Jahre
Fünf Monate dauert die Ausbildung, in der die Jugendliche nicht nur psychologisches und pädagogisches Basiswissen lernen, sondern auch in Rollenspielen und mit Probemails üben, wie sie helfen können. Einige von ihnen haben selbst Krisenerfahrung, waren einmal suizidgefährdet oder haben erlebt, wie sich Freunde oder Verwandte das Leben nahmen. 20 bis 30 Jugendliche bewerben sich pro Jahr bei [U25], zehn bleiben am Ende dabei. Momentan tippen etwa 40 Aktive jede Woche Antworten auf eingehende Mails, jeder Betreuer von [U25] kümmert sich um zwei oder drei ratsuchende Jugendliche. Mehr geht nicht, aber mehr wäre nötig, denn: Es melden sich viel mehr Verzweifelte, als die Betreuer unterstützen könnten. “Wir kommen vorne und hinten nicht nach”, sagt Rebholz. Allein im vergangenen Jahr mussten sie 1400 Anfragen ablehnen. Immerhin 253 Mädchen und Jungen wurden begleitet.
Zum Beispiel von Christine. Die 20-jährige Studentin hat schon während der Schulzeit begonnen, sich um suizidale Jugendliche zu kümmern. “Das ist schon manchmal schwierig”, sagt sie, “doch man lernt, damit umzugehen.” Die Anonymität, die es den Betroffenen erleichtert sich an [U25] zu wenden, schützt gleichzeitig auch die Berater. Zum Beispiel dann, wenn die Mails eines akut Suizidgefährdeten auf einmal
ausbleiben. “Unwissenheit kann auch gut sein. Wir bauen zwar eine tiefe Beziehung auf, aber eben keine zu persönliche. So bleibt etwas Distanz, die gut tut”, sagt die 20-Jährige. Bei der Beratung seien vor allem Geduld und Einfühlungsvermögen gefragt. “Viele wollen gar nicht hören, dass es eine Chance für sie gibt. Dass man sie mag, dass sie etwas wert sind.” Christine schreibt es ihnen trotzdem. Immer wieder.
“Ich brauche dich jetzt nicht mehr”
Aber es gibt auch viele Erfolgsgeschichten. Wenn einer schreibt “Vielen Dank, aber ich brauche dich jetzt nicht mehr”, “es geht mir wieder besser”, oder “ich habe mir professionelle Hilfe gesucht”, dann wissen die Berater, dass sich ihre Arbeit gelohnt hat. Steffi, ebenfalls 20, erinnert sich an einen sehr langen Kontakt. Zwei Jahre hat sie ein Mädchen betreut. “Ich hab mir den ganzen Mailverlauf dann noch einmal durchgelesen und es war beeindruckend zu sehen, wie sich ihr Verhalten geändert hat.” Auch wenn sie zwischendurch immer wieder schlechte Phasen gehabt habe, habe die junge Frau gegen Ende viel stabiler gewirkt und sogar eine Therapie angefangen. Manche Menschen können allein durch die Beratung per Mail ihre Krise überwinden.
Andere haben so schwerwiegende Probleme, dass sie unbedingt auch eine Therapie brauchen. “Da haben wir eine Brückenfunktion”, sagt Solveig Rebholz, “in manchen Fällen versuchen wir, passende Therapieangebote und Anlaufstellen zu vermitteln.” Suizidforscher Thomas Bronisch sieht das ähnlich. Gerade wenn eine tiefe Lebenskrise, Sucht oder psychische Krankheit die Ursache für den Suizidwunsch sei, komme man um eine persönliche, professionelle Behandlung meist nicht herum.
Den Ansatz, den [U25] verfolgt, findet der Experte vielversprechend. Dass die Ansprechpartner aus der gleichen Altersgruppe wie die Betroffenen stammen, sieht er als großen Vorteil. Zusammen mit der Anonymität des Internets seien die Möglichkeiten für eine erste Kontaktaufnahme ideal, die Hemmschwelle niedrig. “Wir müssen den suizidfördernden Foren noch viel mehr solcher Beratungsangebote entgegensetzen”, fordert er.
Foto: Angelo González http://www.flickr.com/photos/ag2r/4437697015/ und privat



