Untergang der Titanic

Mit voller Kraft in die Dunkelheit

Fehlende Ferngläser, Kommunikationsprobleme und ignorierte Warnungen: Obwohl jede Nachtfahrt eine Fahrt ins Unbekannte ist, wurde der Kapitän der Titanic leichtsinnig.

 

Am Ende stand die Katastrophe: Der Untergang der Titanic

Am Ende stand die Katastrophe: Der Untergang der Titanic. Gemälde: Willy Stöwer/WikiCommons


Frederick Fleet blickt aus dem Krähennest in das Nichts vor sich. Unter ihm verschlingen Dampfmaschinen 26 Tonnen Kohle pro Stunde und treiben die Titanic durch den Nordatlantik. Mit 40 Stundenkilometern durchschneidet der Koloss aus Stahl und Holz die ruhige See.

Es ist die Nacht zum 15. April 1912, und auf dem Kurs der Titanic ruht ein anderer Koloss: Ein Eisberg, zehnmal schwerer als das Schiff, das gerade auf ihn zufährt.

Kalter Fahrtwind peitscht Fleet ins Gesicht. Er sucht das Meer mit bloßem Auge nach Hindernissen ab. Ein Fernglas hat er nicht, das Meer vor ihm ist zu ruhig, als dass sich Wellen an möglichen Hindernissen brechen könnten.

Drei Warnungen ignoriert

Bei den Funkern gehen immer wieder Eiswarnungen ein. Nicht alle werden an die Brücke weitergegeben, die Funker sind mit privaten Telegrammen beschäftigt. Drei Warnungen erreichen den Kapitän Edward John Smith, trotzdem lässt er sein Schiff mit Reisegeschwindigkeit durch das Eisfeld fahren.

Gegen 23:40 Uhr läutet drei Mal die Alarmglocke. Auf der Brücke klingelt das Telefon, der sechste Offizier geht ran, Fleet ist in der Leitung. „Was hast Du gesehen?“, fragt der Offizier. Fleet antwortet: „Eisberg direkt voraus!“

Der Kapitän wird leichtsinnig

Legt die Nacht ihren Schleier über die Welt, verlangt sie uns besonderen Respekt ab. Wenn wir uns in die Dunkelheit hineinbewegen, müssen wir vorsichtig sein – unser wichtigster Sinn ist eingeschränkt. Diese Vorsicht hatte Smith verloren, als er die Eiswarnungen ignorierte. Vielleicht ließ ihn das „praktisch unsinkbare“ Schiff leichtsinnig werden. Er trieb es zu schnell in den düsteren Nordatlantik.

Aber auch die Ausstattung der Matrosen zeugte nicht von Vorsicht. Fleet sah den Eisberg erst kurz vor der Kollision. Später sagte er, dass er ihn mit einem Fernrohr vielleicht früher gesehen hätte. Warum der Matrose keines hatte, ist nicht geklärt. Eine Theorie besagt, dass der Fernrohrschrank verschlossen war und der Offizier mit dem Schlüssel vor der Fahrt abkommandiert wurde.

Eine Nacht mit Neumond

Doch es waren nicht nur das fehlende Fernrohr und die stille See, die diese Nacht zum 15. April besonders gefährlich machten. Es war eine Nacht wie, die nur zwölf Mal im Jahr vorkommt: Neumond.

In dieser Mondphase, steht der Mond zwischen Erde und Sonne. In der Nacht ist er dann nicht zu sehen, der Mond verschwindet unter dem Horizont. Für Fleet bedeutete das, dass die Sterne die einzige Lichtquelle über dem Ozean waren.

Keine Hilfe wegen schlechter Sicht

Noch als Fleet telefoniert, bemerkt sein Kollege neben ihm, wie sich das Schiff zu drehen beginnt. Zu diesem Zeitpunkt sind es noch 390 Meter zum Eisberg, oder 37 Sekunden. Zu wenig Zeit für das Manöver. Die Titanic prallt mit voller Reisegeschwindigkeit auf den Eisberg.

Kapitän Smith und der Schiffsarchitekt gehen in die Frachträume, um den Schaden zu begutachten. Sie sehen die Risse im Rumpf des Schiffes, die ihnen kein anderes Urteil erlauben: Die Titanic wird sinken.

Zu diesem Zeitpunkt treibt das Handelsschiff SS Californian ein paar Meilen nordöstlich von der Titanic. Die Besatzung sieht Leuchtraketen und glaubt ein kleines Schiff in der Nähe zu sehen. Heute wird vermutet, dass es sich dabei um die Titanic in der Ferne handelte.

Der Kapitän der Californian versucht mit einer Morselampe Kontakt aufzunehmen: keine Antwort. Einen Hilferuf der Titanic empfängt er nicht – sein Funker ist bereits im Bett.

Von Piotr Heller