In diesem Sommer kann alles passieren
Arschbombe vom Steg, Zitroneneis im Park und nebenbei neue Freunde finden – oder gleich die Liebe. Das geht nur jetzt!
Stundenlang liegen Stella und Jonas im Park in der Sonne. Sie essen Johannisbeeren, er fotografiert sie mit seiner Polaroidkamera. Die Kamera macht dieses zirpende Geräusch. Langsam erscheint Stellas Gesicht auf dem Foto. Sie lacht. Es ist Sommer und Stella hat sich verliebt. Die ganze Zeit denkt sie daran, dass sie Jonas küssen will.
Nachts rennen die beiden durch die Straßen und lesen sich Klingelschilder vor. In einem Haus wohnt eine Familie Winter über einer Frau Sommer. Das finden sie lustig. Stella denkt, so lange es warm ist, wird es immer so weitergehen. Sie wünscht sich, dass der Sommer nie zu Ende geht. Als die Vögel zu singen beginnen, ist es noch dunkel.
Kann eine Jahreszeit verrückt machen?
Das Gezwitscher der Vögel im Morgengrauen kennt auch Nico. Seine Eltern schlafen längst, als er sich mit Lisa auf Facebook verabredet. Die beiden sind Freunde. Die ganze Nacht laufen sie durch den Olympiapark in München; sie reden. Über hyperaktive Geschwister und den Streit mit der besten Freundin. Morgens um halb sechs klauen sie beim Bäcker Semmeln, jeder eine.
Stella und Jonas, Nico und Lisa sind seit ein paar Wochen ein bisschen durchgedreht. Kann eine Jahreszeit verrückt machen? Kann man sich in den Sommer verlieben? Warum kribbelt es an den ersten warmen Abenden im Bauch, auch, wenn man gar nicht verknallt ist?

Die Nase meldet den Geruch von Sonnenöl, und von Grillkohle und von heißem Teer. (Foto: Svenja Pitz)
Der Sommer schlägt ein wie eine Arschbombe. Es ist die Vorfreude, die uns verrückt macht: Unser Gehirn registriert, dass sich etwas verändert hat. Die Nase meldet den Geruch von Sonnenöl und von Grillkohle und von heißem Teer. Die Haut an den Unterarmen sagt: Achtung, mehr Licht als in den neun Monaten zuvor! Der Bauch verlangt jeden Morgen einen halben Liter Bananen-Buttermilch. Und unser Kopf sendet eine Botschaft an den Rest des Körpers. Sie könnte auch als kleine Warnung verstanden werden: Mach dich bereit – denn in diesem Sommer kann alles passieren.
Neue Liebe, neue Freunde, erwachsen werden oder auch nicht. Aber warum passiert gerade im Sommer so viel?
Eine Erklärung ist so einfach, dass sie fast schon blöd klingt: Im Sommer haben wir mehr Zeit. Um halb 10 ist es noch so hell wie im Winter nachmittags um vier. Man wird einfach nicht müde.
Eltern verwechseln Chillen mit Faulsein
Und dann sind da noch die Sommerferien. Sechs Wochen, die vor einem liegen und die man selbst formen darf – wie einen großen Klumpen Lehm. Oder besser: Wie einen Block Erdbeereis, aus dem wir uns jeden Tag eine dicke Kugel herausschälen können. Wie der Tag abläuft, liegt plötzlich in den eigenen Händen. Keine Schule, die den Rhythmus diktiert. Die Eltern ermahnen einen nicht mehr, die Hausaufgaben zu machen.
Das klingt alles toll. Aber Michael Niggel von der Beratungsstelle Pro Familia weiß, dass die Freizeit auch anstrengend werden kann: „In den ersten Tagen der Sommerferien fallen viele in ein Loch und versumpfen.“ Die Freunde sind im Urlaub und fast alles, was Spaß macht, kostet Geld.
Man hat Riesen-Erwartungen und setzt sich unter Druck. Wie man sich beschäftigt, wenn man nichts zu tun hat – das muss man erst mal lernen.

Wie man sich beschäftigt, wenn man nichts zu tun hat – das muss man erst mal lernen. (Foto: Svenja Pitz)
Die Eltern können das Rumgehänge im Sommer nicht verstehen. Sie sagen: „Jetzt könntest du doch bergsteigen, Tanzen lernen, jobben.“ Sie haben vergessen, wie anstrengend es ist, jung zu sein. Dass man sich von der Schule erst mal erholen muss. Studien sagen: Die Schule ist der größte Stressfaktor im Leben eines jungen Menschen. Eltern wissen auch nicht mehr, wie es ist, in einer Woche plötzlich fünf Zentimeter zu wachsen. Dass einen Freunde auch mal an den Rand des Wahnsinns bringen können. Eltern verwechseln Chillen mit Faulsein.
Dabei kann man die viele Zeit ganz gut gebrauchen: zum Luftschlösserbauen, Tagebuchschreiben, und um sich zu fragen: Wer bin ich? Und wer möchte ich gerne sein?
Rubén sitzt fröstelnd auf seiner Isomatte und schiebt Nachtwache. Eigentlich wollte er mit seinem Freund von München nach Prag trampen – aber weiter als nach Wolznach, einem bayerischen Dorf an der Autobahn, sind sie noch nicht gekommen. Vor der Freiwilligen Feuerwehr haben sie ihr Lager aufgeschlagen. Sein Freund schläft, Rubén lehnt mit dem Kopf an der Wand und denkt: dass das Trampen eine seltsame und sehr schöne Art des Reisens ist. Was er in seinem Leben einmal machen will. Und dass er sonst nie einfach so dasitzt und nachdenkt.
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