Sommernachtstraum
Die anderen halten sie für eine Spießerin. Sie raucht kein Hasch, für Jungs interessiert sie sich nicht. Und dann sitzt sie plötzlich am Ufer, allein mit diesem kiffenden Beachvolleyball-Typen. Eine Kurzgeschichte
Kerle stehen doch alle auf Haut, denke ich mir und halte mir den knapperen meiner zwei mitgebrachten Miniröcke vor die Beine. Seit gut drei Stunden ist der Spiegel blind vom Dampf zwanzig heißgeduschter Mädchenkörper, immer wieder mit rauen Camp-Handtüchern verschmiert, um ihn wenigstens für ein paar Sekunden klar zu bekommen. Er wirft deshalb ein nur unbefriedigendes Bild zurück. Meine Zimmernachbarin Claudia stößt mich weg, kaum dass ich die Umrisse des Rocks und meiner Beine darunter ausmachen kann. „Ich muss mich jetzt echt schminken, zieh Leine. Du bist ja noch nicht mal angezogen“, bemerkt sie weniger zu mir als zu ihrer Entourage, die teils den Spiegel mit ihren Handtüchern malträtieren, teils Claudia Wimpernzange, Mascara und Eyeliner reichen. „Oder ist das deine neue Strategie, um ein bisschen Aufmerksamkeit zu bekommen?“ Ihre Sklavinnen kichern hirntot, zwei fangen an, Claudias Mähne zu striegeln. Sie ist ein Schlachtross, der Stolz des ganzen Stalls. Ich kann ihr nur ausweichen.
Wenn sie wüsste. Claudia denkt, ich sei die letzte Spießerin. Sie glaubt, nur weil ich mich nicht an Jungs ranschmeiße wie sie, sei ich total zurückgeblieben. Aber ich habe eben einen exklusiven Geschmack. Die Party wird ganz lustig, die Jungs drängen sich um Claudia, die Clubleitung will allen Ernstes Tanzspiele organisieren und ein paar von den Jüngeren machen sogar mit. Um Mitternacht entfaltet sich irgendein Drama um Claudia, sie schubst ein Mädchen von der Tanzfläche auf eine Holzbank. Das Turnier hat also begonnen. Kleinere Gruppen ziehen sich in den „Wald“ zurück, eine Baumgruppe hinter der Uferböschung, und trinken Jägermeister aus von zuhause mitgebrachten Thermoskannen. Ein Typ, den ich vom Beachvolleyball kenne, zieht mich ohne zu fragen mit. Drei Jungs und ein sehr jung aussehendes, betrunkenes Mädel sitzen auf Handtüchern im Unterholz. Hier kreiselt nicht nur der Schnaps, sondern auch eine kleine Glaspfeife, die nach Kräutern stinkt. Der Volleyballtyp legt mir seine Hand auf die Schultern und fordert seinen Kumpanen auf, sich mit seinem Hit zu beeilen. Er bekommt die Pfeife und will sie mir schon zwischen die Lippen schieben. „Nee, lass mal, ich rauche kein Hasch.“ „Du? Klar tust du das. Das sieht doch jeder!“, sagt er. Wie kommt er denn darauf? Er checkt es anscheinend auch nicht. Er dachte wohl, dass ich mich von den anderen Campern entfernt halte, weil ich zu den Druggies gehöre und weggetreten bin. Ihn und seine Freunde lasse ich hocken, die haben mir nichts zu bieten. Die besoffene Kleine ruft mir hinterher: „Sei doch nicht so langweilig, du Vollspießerin!“ Wenn sie nur alle wüssten, wer ich bin, wie ich wirklich bin.
Ich gehe zum Ufer, außer Sichtweite des Camps. Die Lichter der Party werfen lange bunte Bahnen über das Wasser, es ist kalt und das Gras unter meinen Füßen nass, die FlipFlop-Sohlen quietschen bei jedem Schritt. Ich setze mich. Aber schon nach wenigen Minuten zerreißt die Stille. Ich drehe mich um und sehe den Volleyballtypen. Ich will aufstehen und gehen, aber er hält mich fest, diesmal bescheidener, er hat wohl gelernt, dass er mich nicht einfach so einschätzen und besitzen kann, mich mitzerren und berühren, mich beleidigen und mir seine widerliche Haschpfeife andrehen. „Sorry“, sagt er. „Ich glaube, ich hab da einen Fehler gemacht.“ Ich kann mir nicht helfen und werde ein bisschen rot. Er stinkt immer noch nach dem Glimmzeugs. „Das hast du! Warum gehst du nicht einfach zu deinen Freunden und kiffst dich zu?“ Er schweigt. „Mann, Junge, ich will allein sein.“ Jetzt nehme ich auch den Geruch seiner Haut wahr, seinen Schweiß, seine Haare, meine ganze Nase ist voll von ihm. Vielleicht stinkt er gar nicht so sehr. Er lässt mich los und setzt sich neben mich. „Ich versteh schon“, sagt er. Was will er verstehen, denke ich. „Ich kiffe eigentlich auch nicht. Ich hab nur irgendwie gedacht, dass du…“ Wir schweigen und hören den Grillen irgendwo im Gras zu. Es dringt keine Musik mehr zu uns, die Party ist vorbei. Dann küsst er mich aus dem Nichts. Und ich kapiere es. Dass er mich echt versteht. Dass er auf mich gewartet hat, wie ich auf ihn. Ich versinke in ihm, in seinem Volleyballoberkörper; sein rauchgetränktes T-Shirt muss so schnell wie möglich fort, nur noch ihn will ich.
Danach ist der Himmel nur noch auf einer Seite schwarz, Blau wandert langsam den Horizont hinauf. Er muss bald wieder gehen, die Campleitung darf ihn nicht finden, strikte Regeln. Tanzen, Party, Gemeinschaft: ja. Aber zu zweit allein sein? Das geht nicht bei denen. Bevor ich ihn verlassen muss, bitte ich ihn, mit mir hinauszuschwimmen. Wir sind ohnehin schon nackt und können eine Abkühlung brauchen. Er springt mit einem Hecht hinein, ich folge ihm auf Zehenspitzen. Seine Arme teilen das minzblaue Wasser, es spült über seine Schulterblätter zu seinen schmalen Hüften. Seine Haut ist so makellos. Ich könnte sie stundenlang betrachten, betasten, lecken und liebkosen. Ich muss über mich selbst lachen. Ich nehme an, nicht nur Kerle stehen auf Haut. ![]()
auf die Ohren: Ali Farka Toure – Ai Du
Text: Constanze Petery
Ein Video von Constanze Petery findest du auf der nächsten Seite.
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