Der alte Mann und das Netz
Foto: Nadine Poniewaß
Ohne YouTube wäre der 83-jährige Witwer Peter Oakley vielleicht vereinsamt. Nun ist er ein berühmter Videoblogger. minz* hat ihn auf Skype getroffen
Herr Oakley, wie viele Kontakte hat denn ein 83-jähriger Mann so bei Skype?
Ich habe etwa einhundert.
Telefonieren Sie mit all diesen Leuten?
Nicht mit allen. Mit meinem Bruder rede ich täglich, er ist 87 und lebt in Spanien. Wir reden am liebsten über Computerprogramme. Neulich habe ich ihm erklärt, wie iMovies funktioniert.
Mit wem skypen Sie sonst noch?
Eigentlich habe ich fast überall auf der Welt Freunde. Da muss ich auch an die Zeitverschiebung denken. Morgens rede ich deshalb zum Beispiel mit Leuten im Fernen Osten.
Heißt das, dass Sie rund um die Uhr online sind?
Nein, nur etwa fünf Stunden am Tag. Teenager werden jetzt sicher lachen, aber ich lebe allein und habe häusliche Pflichten. Deshalb bin ich nur morgens und nachmittags online.
Was machen Sie denn im Internet außer zu skypen?
Ich kaufe ein, schaue mir Fernsehsendungen an, lese Zeitung und spreche mit Leuten aus der ganzen Welt. Aber am liebsten surfe ich auf YouTube.
Was schauen Sie sich da an?
Lustige Videos oder die Werke junger Leute. Zum Beispiel von LuckyLuka99, er ist ein sehr talentierter Klavierspieler.
Würden Sie das Internet vermissen, wenn Sie wieder darauf verzichten müssten?
Definitiv! Es hat mein Leben verändert.
Warum?
Den Computer habe ich mir gekauft, als meine Frau gestorben ist. Ich war sehr allein. Im Internet wollte ich interessante Brieffreunde finden.
Und? Haben Sie welche gefunden?
Ich bekomme keine richtigen handgeschriebenen Briefe, aber täglich sehr viele Mails. Meine Privatadresse gebe ich nämlich gar nicht raus.
Das ist bei mehr als 55 000 YouTube-Abonnenten verständlich. Ihr erster, etwas unbeholfener Clip „First Try“ wurde fast drei Millionen mal angeschaut.
Die Resonanz hat mich selbst überrascht. Am Anfang hatte ich große Angst davor, abgelehnt zu werden. Ich dachte: „Oh Gott, ein alter Mann auf YouTube“ – da sind ja nur junge Leute unterwegs.
Warum schauen sich Jugendliche die Videos eines Rentners an?
Das weiß ich auch nicht so genau. Aber ich höre oft, dass sie meine ruhige Art und meine Stimme mögen. Außerdem haben viele sonst keine Möglichkeit, mit alten Menschen zu reden. Für viele bin ich ihr Internet-Opa, der Geschichten von früher erzählt. Das macht mich sehr glücklich.
Warum?
Im echten Leben vermischen sich die Generationen selten. Aber bei YouTube können wir miteinander quatschen.
Welche Ratschläge geben Sie den Teenagern?
Ich versuche, keine Ratschläge zu geben. Aber ich halte mich für sehr einfühlsam. Vor allem, wenn es um Verlust geht. Das habe ich ja selbst erlebt.
Haben Sie auch Zuschauer in Ihrem Alter?
Ob es viele sind, weiß ich nicht. Aber neulich schrieb mir eine 18-Jährige, dass sie meine Videos ihrer Oma gezeigt habe. Das hat der Dame offenbar sehr gut getan. Heute erzählt sie ihrer Enkelin auch aus der Vergangenheit.
Sie leben sehr zurückgezogen. Im nächsten Dorf wohnen fast nur alte Menschen – kennen die Ihre Videos?
Im echten Leben habe ich nicht viele Freunde. Mein bester Freund weiß Bescheid. Aber im Dorf hat, glaube ich, niemand einen Computer. Nur die Metzgersfrau fragt mich immer: „Warst du mal wieder irgendwo?“
Wie lange wollen Sie noch weitermachen?
So lange ich kann. Aber in meinem Alter weiß man ja nie…
Was hätten Sie mit dem Wissen von heute in Ihrem Leben gerne anders gemacht?
Ich hätte Google-Aktien gekauft. ![]()
auf die Ohren: The Zimmers – My Generation
Text: Nadine Poniewaß
Und auf der nächsten Seite:
Exklusiv für die minz*-Leser redet Peter Oakley darüber, warum Teenager immer unzufrieden mit sich selbst sind – und ob das irgendwann aufhört. Und ihr könnt über das Thema abstimmen, zu dem Peter Oakley sein nächstes Video dreht!


