“Sonst weine ich nie”

Foto: Jens Hauer

Tina Zwickl, 17, hat die Schule abgebrochen. Ab September wird sie Ballett, Chorgesang und Harmonielehre pauken, um Musical-Darstellerin zu werden. Hier erzählt sie, wie sie an ihrem Traum arbeitet

Es war ein großer Brief. Das bedeutet ja oft nichts Gutes, dann kommt die Bewerbung zurück. Ich war im Nachmittagsunterricht. Meine Mutter rief an und sagte, da ist dieser große Umschlag von der Musical Academy gekommen. „Tina, mach dir mal keine Hoffnungen“, sagte ich mir. Daheim hab ich den Brief geöffnet und erst gar nicht kapiert, dass es eine Zusage war. Aber als ich dann den Ausbildungsvertrag gesehen habe, musste ich heulen. Ein richtiger Heulkrampf, aus Freude.

Ich weine eigentlich nie. In diesem Moment war ich aber einfach nur froh. Es ist mein Traum, professionell tanzen und singen zu können. Und jetzt, durch die Aufnahme an der Academy, habe ich die Chance, Musicaldarstellerin zu werden. Das ist mein großes Ziel und ich glaube auf jeden Fall, dass ich es erreichen kann: Vielleicht stehe ich bald in Hamburg oder in Berlin auf der Bühne, vielleicht singe ich im Udo Lindenberg-Musical „Hinterm Horizont“. Mir gefällt, dass es dort um große Gefühle geht: eine Liebe, die unterfüllt bleiben muss. In diesem Musical die Lead-Stimme singen – das ist mein Traum.

 

Ich habe viel Respekt vor der Zeit, die vor mir liegt. Die Ausbildung wird ein ziemlich harter Bruch in meinem Leben. Ich muss die Schule hinter mir lassen, bald werde ich auch in die Stadt ziehen. Es wird nicht leicht, die Musical Academy erfordert viel Disziplin – da muss ich mich durchbeißen. Der Unterricht beginnt morgens um neun und geht bis sechs Uhr abends. Meine Eltern meinen, es wäre gut, wenn ich ein wenig mehr Disziplin lernen würde. Pünktlichkeit ist im Moment nicht so meine Stärke, dort legen sie viel Wert drauf.

 

Es wird auch körperlich anstrengend. Wenn ich viel getanzt habe, habe ich am nächsten Tag oft überall Muskelkater und bin einfach tot. In der Ausbildung werde ich noch mehr tanzen. Aber es macht mir Spaß, mich auf der Bühne zu bewegen. Einmal musste ich wegen der Schule eine Pause machen mit dem Tanzen. Da hat mir richtig was gefehlt im Leben.

 

Die anderen in der Klasse werden älter sein als ich. Trotzdem will ich zeigen, was ich kann, und mich nicht unterbuttern lassen. Ich habe Respekt vor meinen Mitschülern. Viele haben schon eine Gesangsausbildung hinter sich; ich konnte keine Stunden nehmen, weil es bei uns auf dem Land keine Lehrer gibt. Deswegen singe ich im Schulchor oder einfach für mich selbst – ich habe immer einen Ohrwurm im Kopf. Nur beim Essen darf ich nicht mehr singen, das habe ich mit meiner Mutter ausgemacht.

 

In 20 Jahren will ich immer noch beim Musical arbeiten. Klar, irgendwann will ich auch Kinder haben, aber Karriere und Familie, das wird schwierig. Erst mal steht das Musical im Vordergrund.

 

Protokoll: Mathias Weber