Lass mich!
Illustration: Bernd Schifferdecker
Paul, 16, wurde jahrelang von einem Mitschüler fertiggemacht – und schlug immer härter zurück. Die Grenzen zwischen Opfer und Täter verwischten
Fünf Jahre hat Paul gebraucht, bis das Leben wieder in Ordnung war; am Ende hatte er vielleicht einfach Glück.
Fünfte und sechste Klasse
Als er ihnen das erste Mal auffiel, las Paul ein Buch. Es war in der kleinen Pause, ein paar Wochen nach der Einschulung auf dem Gymnasium in Hamburg. Paul hatte sich noch nicht eingefunden in der Klasse, in den Pausen blieb er an seinem Platz sitzen. Hannes, Alexander und Björn** stellten sich neben ihn und fragten, was er da liest. „Karl May“, sagte Paul. Die Jungen lachten.
Am nächsten Tag nahm Hannes ihm seinen Stift weg. „Lass das“, sagte Paul. Hannes warf den Stift Björn zu und der warf ihn Alexander zu. Paul lief zwischen ihnen hin und her, bis er den Stift gefangen hatte. Er sagte ihnen, dass sie das nicht noch mal machen sollen. „Paul, Maul, Gaul“, sagte Hannes. Von da an litt Paul unter Hannes.
Als die ersten Klassenarbeiten geschrieben wurden, bekam Paul nur Einsen. Er las einen Aufsatz von sich vor. Hannes lachte ihn aus und nannte ihn Streber. Paul wurde heiß, sein Kopf wurde rot, und Tränen liefen ihm über das Gesicht. Ab jetzt nannte ihn Hannes immer Streber.
„Das waren Wuttränen“, sagt Paul heute. Er findet das Verhalten von Hannes kindisch und sagt, dass man da drüber stehen muss. Paul ist streng mit sich geworden. Schuld sucht er grundsätzlich zuerst bei sich selbst.
Damals fragte sich Paul, warum es Hannes gerade auf ihn abgesehen hatte. Er beschimpfte ihn als Arschloch und Wichser. In der Klasse hatte Paul ein paar Freunde gefunden. Aber er hasste es, von ihnen getröstet zu werden.
Wann er das erste Mal zuschlug, weiß Paul nicht. Irgendwann ging er auf Hannes los, schubste ihn, der schubste zurück, sie prügelten sich. Ein Klassenkamerad zog sie auseinander. Paul ärgerte sich, dass er ausgerastet war. Von nun an litt er auch unter sich selbst.
Paul flippte immer schneller aus. Es reichte schon, dass Hannes grinste, wenn Paul im Unterricht etwas sagte. Paul beschimpfte ihn und der Lehrer sagte: „Hör auf, Paul.“ Paul ging auch immer öfter auf Hannes los. Manchmal musste Hannes nur „Streber“ sagen, und Paul schlug zu. Er schlug in den Bauch, damit es besonders weh tat.
Heute glaubt Paul, dass Hannes ihn vor allem deshalb gequält hat, weil er sich so leicht provozieren ließ. Er glaubt, dass Hannes ihn sonst eher in Ruhe gelassen hätte. Paul findet Hannes dumm, aber er sagt, es gibt immer dumme Menschen, die einen fertig machen.
Irgendwann verwischten die Grenzen zwischen Täter und Opfer. Oft war nicht zu erkennen, wer angefangen hatte. Der Lehrer sah, dass Paul zuschlug, und stellte ihn zur Rede. Mitschüler, die lange versucht hatten zu schlichten, gaben jetzt Paul die Schuld.
Von da an litt Paul am meisten unter sich selbst. Er hatte Angst vor den Tagen, an denen es Hannes auf ihn abgesehen hatte. Und er hatte noch mehr Angst davor, die Kontrolle zu verlieren. Seine Eltern gaben ihm den Tipp: „Ignorier’ Hannes.“
** Namen geändert
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