Lehrer oder bester Freund?

 

Auch die besten Lehrer sind nur Menschen. Sie sind manchmal ungerecht und haben eine Sauklaue. So wie Ramin Azadian, der zum beliebtesten Lehrer Berlins gewählt wurde

Herr Azadian, Sie korrigieren da gerade eine Spanisch-Klausur. Wer soll denn bitte diese Schrift lesen können?

Meine oder die des Schülers?

 

Ehrlich gesagt: beide! Aber vor allem Ihre eigene Schrift.

Ich schreibe bei der Korrektur so, wie ich sonst auch schreibe. Dafür schimpfe ich auch nicht über die Schrift der Schüler. Würde ich in Sonntags-Ausgeh-Schrift schreiben, bräuchte ich zwei Stunden für jede Klausur.

 

Und wie lange brauchen Sie mit der Sauklaue?

Zwischen 40 Minuten und anderthalb Stunden. Ich schaffe höchstens drei Klausuren am Tag – danach bin ich ganz schön ­angedatscht, weil die Korrektur viel Konzentration erfordert. Nur bei den Mittelstufenklausuren kann ich Musik nebenher hören.

 

Werden Sie beim Korrigieren auch mal aggressiv?

Einer meiner Schüler hat nun schon zum 500. Mal einen Akzent vergessen. Da korrigiert man sich dumm und dämlich.

 

Kann man als Lehrer objektiv und gerecht bewerten, wenn auf jeder Klausur der Name des Schülers steht?

Ob ich den Schüler mag oder nicht, wirkt sich nicht auf die Note aus. Ich würde mich sehr schämen, wenn ich einem Schüler eine reinwürgen wollte, weil er nicht nett zu mir ist.

 

Aber Sie geben zu, dass es Schüler gibt, die man besonders mag – und andere weniger!

Natürlich. So wie Schüler nur Menschen sind, sind auch Lehrer nur Menschen. Zu manchen hat man eben einen besseren Draht. Ich hatte auch schon Klassen, mit denen kam ich super aus – aber ihre Leistungen waren nur mittelmäßig.

 

Gibt es gerechte Noten überhaupt?

Im Zweifel entscheide ich mich für den Schüler. Niemand kann genau sagen, wann eine Arbeit eine Drei minus oder eine Vier plus verdient.

 

Mündliche Noten sind noch ungerechter. Wer schüchtern ist, wird schlecht bewertet…

Wer so schüchtern ist, sollte keinen Sprach-Leistungskurs wählen – da geht es ums Sprechen. Es gibt Schüler, die sagen ganz selten etwas. Aber wenn sie etwas sagen, dann ist das so klug und differenziert, dass ich denke: Macht alle eure Hefte auf und schreibt das rein. Solche Leute bekommen gute mündliche Noten, obwohl sie meistens still sind.

 

Lohnt es sich, über Noten zu diskutieren?

Auf jeden Fall! Wir gehen dann gemeinsam die strittigen Punkte der Klausur durch. Der Schüler muss seinen Standpunkt vertreten können. Aber in den zehn Jahren, die ich Lehrer bin, haben das leider nur zwei versucht.

 

Müssen Noten überhaupt sein?

Es geht nicht darum, dem Schüler zu sagen: „Du hast versagt.“ Noten sollen ein Erfolgserlebnis sein. Außerdem habe ich noch die Goldilock-Punkte eingeführt.

 

Wie bitte?

Das ist ein Punkt, den ich neben die Aufgabe male, wenn jemand in einer Spalte keine Fehler gemacht hat. Darunter schreibe ich „Goldilock-Punkt“. So wie „goldene Locken.“ Es kann also sein, dass ein Schüler nur eine Drei hat – aber einen Goldilock-Punkt. Das verkünde ich beim Austeilen und alle klatschen.

 

Klingt lustig – und etwas kindisch…

Aber es funktioniert. Bei einer ganzen Tabelle ohne Fehler male ich „Monster-Goldilock-Punkte“. Es gibt auch „Galakto-Monster-Goldilock-Punkte“!

 

Ein Oberstufenschüler fährt doch nicht im Ernst auf Ihre Goldilock-Punkte ab.

Den Schülern im Leistungskurs male ich kleine Monster auf die Klausuren. Sie sammeln die sogar! Wenn die Note besser ist als eine Zwei, gibt es ein Monster.

 

Das klingt alles nett und verspielt. Wann sind Sie denn mal streng?

Am Anfang bin ich streng. Ich erkläre die Regeln: Hausaufgaben müssen gemacht werden. Aber wenn mir jemand nachweist, dass eine Aufgabe sinnlos ist, muss er sie nicht machen. Manche Lehrer wissen gar nicht, warum sie eine Hausaufgabe aufgeben oder sie kontrollieren sie nicht.

 

Was ist Ihnen sonst noch wichtig?

Alle müssen pünktlich sein, denn ich bin es auch. Dafür dürfen alle rechtzeitig in die Pause.

 

Was geht gar nicht?

Es regt mich auf, wenn einer mit dem Kopf auf dem Tisch liegt. Ich lege dann meinen Kopf so hin wie er und fordere ihn auf, etwas zu mir zu sagen. Da merkt er, dass das komisch ist. Wenn jemand etwas zu mir sagt, stehe oder sitze ich gerade. Das verlange ich auch von den Schülern.

 

Trotzdem sind Sie beliebt bei Ihren Klassen.

Will man als Lehrer beliebt sein? Ja, natürlich möchte ich beliebt sein. Ich kann über Sprüche von Schülern lachen und mache auch mal Witze über Schüler. Das kann schief gehen, dann entschuldige ich mich. Bei allem Spaß muss immer klar sein: Ich bin der Lehrer – und nicht der Freund oder Kumpel.

 

Schon eine Facebook-Freundschaftsanfrage von einem Schüler bekommen?

Mich wollten bisher etwa 15 Schüler adden. Ich lehne die Anfrage ab – und gehe dann zu demjenigen und erkläre es ihm: Wir können gerne Facebook-Freunde werden, aber erst, wenn du dein Abitur gemacht hast. Das hat nichts damit zu tun, ob ich dich  mag oder nicht. Aber da stehen private Informationen über mich und Fotos von meiner Familie.

 

Nach dem Abi adden Sie die Schüler dann?

Ja, aber nicht alle! Ich kann dann selbst entscheiden, ob ich denjenigen mag oder nicht, ob er nett und freundlich war und mich gegrüßt hat. Es sind ja dann nicht mehr meine Schüler.

 


auf die Ohren: Rebecca Black – Friday


Text und Foto: Steffen Jan Seibel