Polorisierung
Foto: Thomas Klinger
In Schondorf am Ammersee gibt es ein Internat. Die 200 Schüler tragen keine Schuluniform. Trotzdem ziehen sie sich ähnlich an: Rausfallen will hier keiner
Laurin Pfau steht beim Bäcker und bestellt zwei Käsebrötchen mit viel Käse. Er ist Stammkunde. Seit fünf Jahren wohnt er im Internat gleich gegenüber, dort besucht er die elfte Klasse. Jeden Tag kauft er Käsebrötchen, weil ihm das Essen im Internat nicht schmeckt. Heute gab es Vollkornnudeln mit Chili-Sauce, dazu Salat, Bananenquark. Es gibt Schulen, da wäre man froh über so eine Küche.
Laurin sieht ordentlich aus, der letzte Haarschnitt kann nicht lange her sein, braune Lederschuhe, dunkle Jeans, Shirt mit Knopfleiste. Laurin ist Schulsprecher.
Sein Internat liegt in Schondorf, das Dorf liegt in der Nähe von München, direkt am Ammersee. Das Durchschnittseinkommen hier zählt zu den höchsten in Deutschland. Am Ufer vor dem Restaurant Seepost stehen Sonnenschirme, die für Champagner werben: Moët & Chandon ist darauf gedruckt. Die Sommertage verbringen Laurin und seine Mitschüler am See. Die Abende auch – bis 22 Uhr, dann schließt der Hausvater die Eingangstür ab.
Als Laurin nach Schondorf kam, war er ein Skater. Mit der Zeit hat er lieber Polohemden angezogen. „Das ist hier so“, sagt er. Die schulterlangen Haare schnitt er ab. Das Internat veränderte ihn, die Schüler gleichen sich einander an. Viele haben einen ähnlichen Lebensentwurf: Sie wollen BWL studieren und Geld verdienen. Wie ihre Eltern. Anderswo tun Jugendliche alles, um sich abzuheben.
Laurins Mitschüler tragen trendy Klamotten. Alle haben ein iPhone, sagt er. Gäbe es Schuluniformen, wären es Polohemden. Die Gemeinschaft im Internat ist eng, Laurin kennt jeden beim Namen. Er zeigt auf die ersten drei, die ihm auf dem Hof entgegenkommen, sagt: „Valentin, Paul, Louis“.
In Schondorf gibt es keine Punks, keine Alkoholiker, keine Emos. Keine Extreme. Einer fällt Laurin doch ein, der anders ist. Der trägt immer schwarze Shirts von Metal-Bands, hat lange Locken, die vom Kopf abstehen. An normalen Schulen, Laurin sagt „staatlich“, würde er nicht weiter auffallen.
Es geht gesittet zu unter den 200 Jugendlichen, die im Internat leben. Das kann daran liegen, dass ihnen viel geboten wird: Töpfern, Segeln, Theater, im angrenzenden Wald liegt ein Tennisplatz. Wenig Zeit also, um seine Energie in Dummheiten zu investieren. Laurin sagt, er langweilt sich nie.
Sicher, auch in Schondorf gibt es mal ein Saufgelage, aber Exzesse sind selten. Das kann daran liegen, dass die Schüler ständig unter Beobachtung stehen. In jedem Haus auf dem Campus lebt auch ein Lehrer oder eine Lehrerin. Bei den Jungs ist es der Hausvater, bei den Mädchen die Hausmutter. Sie achten darauf, dass sich die Schüler nicht zu nahe kommen. Beziehungen sind erlaubt, Geschlechtsverkehr ist verboten, sagt Laurin. Für die Rundumbetreuung zahlen die Eltern 30 000 Euro im Jahr.
An der Wand in Laurins Zimmer hängen die Terroristen der RAF
Laurins Zimmergenosse heißt Ruben. Seit Jahren teilen sie sich ein Zimmer. Der Raum ist klein, an der Wand über Laurins Bett hängt ein Kinoposter: „Der Baader Meinhof Komplex“, ein Film über die Terroristen der RAF. Die Betten sind gemacht. Obenauf liegen Tagesdecken, weil sich immer Leute darauf setzen. Laut Plan an der Zimmertür soll zwei mal die Woche aufgeräumt werden. Laurin und Ruben halten sich daran, weil sie dafür einen Pizzagutschein bekommen. Laurin sagt: „Es bringt nur Vorteile, die Regeln zu befolgen“.
Laurin findet es gut, nicht allzu frei zu sein, sagt er. Vielleicht ist er reifer als andere in seinem Alter. Mit seinen Freunden von früher verbindet ihn nichts mehr. Er grüßt sie auf der Straße, wenn er sein Heimatdorf im Allgäu besucht. Mehr nicht. „Die sind jetzt mit ihren Saufbanden unterwegs“, sagt er. Wenn Laurin Alkohol trinkt, dann höchstens drei Bier. Weil er 18 ist, darf er das. 0,5 Promille sind erlaubt, jederzeit kann der Hausvater einen Alkoholtest anordnen.
Drogentests gibt es auch, bei Verdacht oder einfach so. Laurin ist das im vergangenen Schuljahr passiert. Er wurde aus dem Unterricht geholt und musste eine Urinprobe abgeben. Nach ein paar Tagen fanden seine Eltern ein Schreiben im Briefkasten. Darin stand: „Herzlichen Glückwunsch. Der Drogentest war negativ.“ Eine Rechnung lag auch bei. 50 Euro kostet es, nach Spuren von Amphetaminen, Ecstasy und Marihuana zu suchen. Was in dem Brief steht, wenn der Test positiv ausfällt, weiß Laurin nicht.
Manche Dinge, die einen Jugendlichen aus der Bahn werfen können, scheinen in Schondorf nicht zu existieren. Zwischen dem blauen Bahnhofsschild und dem Internat liegen ein Optiker, eine Bank, ein paar Einfamilienhäuser. Manche Häuser wollen aussehen wie historische Villen. Es ist eine sehr kleine Welt.
Das Leben im Internat hat eine starre Struktur. Um halb acht gibt es eine Morgenfeier, in der Schüler und Lehrer singen oder philosophieren. Der Schulleiter ist auch dabei. Vor dem Mittagessen müssen alle im Speisesaal eine Minute schweigen, Silentium heißt das. Wer einen Tisch neben dem Eingang hat, kann währenddessen auf das Ölgemälde schauen, das Julius Lohmann zeigt. Der Mann mit Schnurrbart und Fliege hat das Internat 1905 gegründet. Sein Bild hat einen goldenen Rahmen. Ein Glockenschlag beendet das Silentium, mit einem Mal erfüllt Stimmgewirr den Saal, Teller klappern. An manchen Tagen isst sich auch Laurin hier satt. Wenn die Eltern zu Besuch sind, geben sich die Köche Mühe, sagt er. ![]()

