24 Stunden voll auf Face

 

Aus ein paar Minuten bei Facebook wird schnell eine Stunde. Aber was passiert, wenn man die Seite nicht verlassen darf? Unser Autor hat es ausprobiert

 

 

 

08:00 Ich schalte mein Handy aus. Wer mich erreichen will, muss das ab jetzt über Facebook tun. Auf den Servern liegt eine Originalkopie meines Lebens, ich habe nur einen einzigen Freund, der nicht bei Facebook ist – und meine Eltern. Alle schlafen.

 

08:14 Noch immer niemand da. Ich melde mich bei CityVille an. Fast 100 Millionen Menschen spielen diese App, es ist die beliebteste Facebook-Anwendung. Ich baue pastellfarbene Vorstadthäuser. Nach einer Viertelstunde habe ich 160 Einwohner. Ich weiß nicht, warum jemand in diese Bonbon-Wüste ziehen sollte.

 

08:50 Jetzt poste ich ein Webcamfoto: Ich, ungeduscht, hungrig, eklig. Einem Freund aus Israel gefällt das.

 

10:47 Die letzten Stunden vergingen schneller als gedacht. Dass Facebook Zeit frisst, wusste ich schon vorher. Nur nicht, wie viel. Ich komme nicht mal dazu, entspannt durch die Fotos meiner Freunde zu browsen. Hier der Chat, da die Pinnwand und: Ist alles richtig geschrieben? Facebook ist dazu da, sich neu zu erschaffen – nur ein bisschen schöner und interessanter als im echten Leben. Das ist Arbeit.

 

11:30 Ich chatte heute mit Leuten, mit denen ich sonst nie Kontakt habe, einfach nur, weil sie schon wach sind. Das lässt mich über das echte Leben nachdenken: Ist Freundschaft immer nur ein Kompromiss? Zwischen Aufwand, Interesse und Verfügbarkeit?

 

12:50 Ich frage Moritz, er ist 16, was er gerne spielt. Er empfiehlt „FB-Pflicht“. Ein Spiel wie Flaschendrehen: „Mit der 1ten Person, der das gefällt, musst du 1 Bild machen auf dem du ihn/sie küsst.“ Niemandem gefällt das.

 

13:10 Ich poste, kommentiere, drücke „gefällt mir“ im Stakkato. Jedes Mal, wenn jemand einen meiner Beiträge mag oder etwas kommentiert, leuchten oben links kleine rote Ziffern auf. Die sind geiler als Geld. Ich gerate in einen Nachrichten-Rausch, fühle mich beliebt, schön und witzig. Das setzt mich unter Druck: Jeder Kommentar soll noch lustiger, origineller, bissiger sein als der letzte. Für die nächste kleine rote Eins tue ich alles.

 

Und welcher Facebook-Typ bist du? Mach den Test!

13:40 Irad fragt mich im Chat, ob ich noch normal sei. Als er sich heute in seinen Account einloggte, war jeder zweite Eintrag „Steffen macht dies, Steffen macht das, Steffen gefällt…“. Irad findet das peinlich. Sein erster Gedanke war, ich sei von einer Clubnacht heimgekommen und säße auf Speed vor dem Rechner.

 

13:50 Was, wenn ich innerhalb dieser 24 Stunden alle meine Freunde vergraule? Bisher hat mir noch keiner die Freundschaft gekündigt. Aber vielleicht haben sie mich auf unsichtbare Blockierlisten gesetzt. Ich möchte kurz in den Arm genommen werden. Ich leide unter dem Facebook-Kater. Es ist grausam, unter Leuten zu sein und nicht zu wissen, was sie tatsächlich von mir denken. Aber ist das draußen anders? Ich gehe duschen. Zehn Minuten Pause von dieser blauen Bühne für Selbstdarsteller – wie mich.

 

Zehn Minuten Pause von dieser blauen Bühne für Selbstdarsteller – wie mich

14:06 Eine Vanessa schickt mir eine Freundschaftsanfrage und schreibt, ich sähe aus wie die männliche Version von Scarlett Johansson. Das sei nett gemeint, sagt sie.

 

15:06 „Ignorierst du mich?“ Christoph beschwert sich, dass ich auf seine Nachricht nicht antworte. Sie kam gar nicht an. Das passiert ständig. Die Server scheinen überlastet. Ich schreibe ihm im Chat: „Dieses verdammte Drecks-Facebook“ und staune: Sieben Stunden online, und ich verrohe.

 

15:20 Auch Jan schreibt mir, ich hätte mich verändert: Meine Kommentare seien gehässig. Einen Freund habe ich als „Bitch“ bezeichnet. Weil ich Angst vor Streit habe, verziehe ich mich nach CityVille.

 

16:10 Ich kann nicht fassen, wie doof dieses Spiel ist: keine Taktik, wirres Rumgeklicke, planloses Bauen, Straßen enden im Nichts. Das Spiel bestätigt mir trotzdem, was für ein toller Bürgermeister ich bin.

 

17:38 Es wird so viel darüber gesprochen, dass Facebook Revolutionen auslösen kann. Eine Revolution verlange ich gar nicht: „Bitte bringt mir etwas Schönes von draußen mit“, schreibe ich. „Fotografiert es und postet es an meine Pinnwand! Hier drin ist es so trist – und in meinem Herzen auch!“

 

20:00 Ich poste ein Bild, auf dem ich mir die Augen zuhalte. Darüber schreibe ich „Halbzeit“. Das gefällt elf Freunden. Wirklich? Oder haben sie nur auf den Button geklickt, weil es eine unverbindliche Art der Kontaktaufnahme ist?

 

20:32 Mein Hilferuf ist dreieinhalb Stunden her. Ergebnis: null. Ein lustiges Video zu posten ist bequem und geht schnell. Etwas zu fotografieren, war meinen Freunden wohl zu aufwändig. Wie soll denn da erst eine Revolution gestartet werden? Das reale Leben nennen viele bei Facebook nur noch RL. Das klingt auch nur nach einer Anwendung.

 

21:10 Abendsonne auf dem Flughafen Tempelhof. Flo hat mir ein Foto vom Inline-Skaten mitgebracht! Mir geht es besser. Ich freue mich, dass der Himmel auf dem Bild nicht blau ist. Ich kann kein Blau mehr sehen.

 

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