Mein Gott
Foto: Simon Laufer
aura und Moritz glauben – nicht an Horoskope oder das Schicksal, sondern an Gott. Ihre Eltern mussten sich daran erst gewöhnen
Laura Wölffing liebt Bücher über Vampire. Von den „Vampire Diaries“ hat sie alle sechs Bände gelesen. Darin entpuppen sich hübsche Jungs an amerikanischen High Schools als Blutsauger. Aber Laura glaubt nicht an Vampire, sie glaubt an Gott: Sie liest die Bibel und betet. Jesus ist ihr Vorbild.
Von ihren Eltern hat sie das nicht. Ihre Mutter geht selten in die Kirche, ihr Vater nie. „Ich bin Atheist“, sagt er. Er macht schon mal einen spöttischen Spruch, wenn Laura in die Kirche geht. Dieser Gegenwind nervt sie. Sie wünscht sich, dass ihre Eltern verstehen, wie wichtig ihr Gott ist.
Oft hat Laura versucht, ihren Freunden von ihrem Glauben zu erzählen. Es kam nie was zurück. Jetzt redet sie lieber über Vampire, Musik und Ropeskipping. Eigentlich will sie sich gern taufen lassen – als klares Zeichen vor der Gemeinde. Noch zögert sie. „Wenn ich in den Gottesdienst gehe, sage ich manchmal: Ich gehe in die Stadt.“ Solange sie vor ihren Freunden nicht zur Wahrheit steht, fühlt sie sich nicht bereit für die Taufe.
Auch Moritz Kriegel, 14, aus Nürnberg, hat erst vor einem Jahr die Religion für sich entdeckt. Sein Vater war aus der Kirche ausgetreten, seine Mutter zweifelte mehr, als dass sie glaubte. Sie schickten Moritz in einen freien Kindergarten. Aus Neugier meldete er sich zur Konfirmation an, wie viele seiner Freunde. Am Anfang ging er nicht gerne hin, oft schwänzte er.
Auf einer Freizeit der Konfirmandengruppe änderte sich das. „Im Gottesdienst war ein Spiegel, auf den wir schreiben sollten, was uns belastet, was wir falsch gemacht haben und was wir uns wünschen, was Gott für uns tut.“ Moritz schrieb, dass er sich allein fühlte, seit er aus dem Dorf in die Stadt gezogen war. Er hatte Probleme in der Schule, fing an zu rauchen. Als sie beteten, fühlte er sich leichter. „Da ist mir ein riesiger Knoten im Bauch geplatzt.“ Es schien ihm, als ob plötzlich ein Freund auf seinen Schultern säße.
Viele Menschen werden religiös, wenn sie so intensive Erlebnisse haben wie Moritz, sagt der Jugendforscher Klaus Hurrelmann. „Es geht darum, den Dingen auf den Grund zu gehen und direkte, ehrliche Erfahrungen zu machen.“ Auch existenzielle Sinnfragen sind wichtig. Jugendliche wollen Grenzen durchbrechen. Viele suchen das im Sport, auf Festivals oder bei politischen Veranstaltungen, manche auch in Drogen und Gewalt.
Laura kam über ihren Onkel in die christliche Pfadfindergruppe, da war sie zehn. Auf einem Zeltlager haben Mitarbeiter für sie gebetet. Sie merkte nichts. Trotzdem war es für sie ein Start. „In den Monaten danach habe ich mich verändert, zum Beispiel habe ich versucht, Notlügen zu vermeiden.“ Fünf Jahre später sagt sie: „Gott ist immer bei mir, das ist das Wichtigste für mich.“ Moritz schloss sich einer Jugendkirche in Nürnberg an, er singt dort im Gospelchor und spielt Theater. Inzwischen hat er seine besten Freunde in der Gemeinde, fast jeden Nachmittag ist er dort.
Moritz und Laura haben in der Kirche etwas gefunden, was sie zuhause nicht bekommen haben. Roland Werner, Generalsekretär des Christlichen Vereins Junger Menschen (CVJM), sagt, Gemeinde könne eine „Ersatzfamilie“ sein. Es ist normal, dass Erwachsene zeitweise zu Ersatzeltern werden, weil sie etwas vermitteln, was die Eltern nicht geben können oder wollen.
Für Laura ist die christliche Pfadfindergruppe ein Ort, an dem sie sich fallen lassen kann. Mit ihren Eltern kann sie nicht über ihren Glauben sprechen. Ihr Vater sagt: „Meine Tochter würde schon sagen, wenn sie darüber reden will.“ Von sich aus spricht er nicht mit ihr darüber.
Moritz’ älterer Bruder ist überzeugter Atheist. An Weihnachten sagte er, dass es Gott nicht gibt. Moritz sieht das gelassen. „Das ist eben sein Glaube – kein Mensch glaubt nichts.“ Mit seinen Eltern redet er immer wieder über Gott. Seinen Vater fragte er irgendwann, warum er nicht mehr in der Kirche sei. Kurz danach trat er wieder ein. ![]()



