Gute Nacht… und sprüht was Schönes!

Foto: 1UP

Sturmhauben, Adrenalin, Farbe: Die Nächte von Tim und Nils** haben ihre eigenen Gesetze. Die beiden sind Sprüher. Jeder kennt die Bilder ihrer Crew 1UP – sie selbst kennt kaum einer

Tim bewegt den ganzen Körper, wenn er eine Linie malt. Er geht in die Knie, zieht die Linie runter bis auf das Pflaster. Tim sprüht eine 1, die größer ist als er selbst. Sie reicht bis hoch zum Fensterbrett der Wohnung im Hochparterre. Dann sprüht Tim ein U, dann ein P. Seine Hände stecken in Gummihandschuhen, seine Bewegungen sind gleichmäßig. Er hat diese drei Zeichen so oft geschrieben, er könnte die Augen dabei schließen. Er tut es nicht. Aus dem Augenwinkel beobachtet er die Straße links, die Kreuzung rechts. Im gelben Licht der Straßenlaterne steht sein Kumpel Nils, ein Checker. Sollte ein Auto kommen, gibt er ein Zeichen, vielleicht sitzen Zivilpolizisten darin. Tim steht unter Stress, sein Atem geht schnell. Was er hier macht, ist eine Straftat. Deshalb spannt eine schwarze Sturmhaube über seiner Nase, durch die Wolle atmet er den Lack. Für Tim riecht die Nacht nach Farbe.

 

Zwei Minuten, und Berlin hat ein 1UP-Bild mehr. Hunderte sind es zusammengenommen, vielleicht Tausende. Wieder einmal ist Tim glücklich, ein kurzer Moment, der ihm gehört und 1UP, seiner Sprühergemeinschaft. „One United Power“ heißt das Kürzel. Der Name ist Konzept, deshalb hat Tim seinen eigenen Sprühernamen nicht dazu geschrieben. Alle für eins, das ist selten im Graffiti. Tim greift nach dem Lenker seines schwarzen Rennrads und ist weg. Die Buchstaben bleiben, sie sind silbern, der Rand ist rot. Am nächsten Tag werden die Leute daran vorbei laufen, auf dem Weg zur Schule, zum Kiosk, zur Arbeit. Viele werden es gar nicht bemerken.

 

Tim, Nils und die anderen gehen trotzdem raus, meistens zwischen drei und sechs Uhr morgens, meistens mit dem Fahrrad, immer mit einem Rucksack voll Sprühdosen. Diesen Auftrag haben sie sich selbst gegeben. Das Malen gibt ihnen eine zweite Identität. 1UP existiert seit 2003, es gibt sie nur nachts. Tagsüber sind die Sprüher Köche, Bürojobber oder angehende Lehrer. 1UP, das sind 14 Leute, Jungs und Mädchen zwischen 20 und 30. Jahrelang gehörten sie zu den aktivsten Sprühern in Berlin. Es gab Wochen, da waren sie jede Nacht unterwegs. Weil sie so viel malten, war ihnen die Polizei auf den Fersen – und andere Crews. 1UP waren neu in der Szene und sie waren gut, das gefiel der Konkurrenz nicht.

Alle von 1UP sind ein bisschen paranoid, das müssen sie sein

Am liebsten benutzen 1UP Silber, das deckt am besten und das leuchtet in der Sonne. So wie heute. Berlin-Kreuzberg ist in helles Licht getaucht, runde Wolken schweben über den Dächern. Tim läuft durch seinen Kiez, blaue Jeans, weiße Nikes, Kapuzenpulli. Alle paar Meter zeigt er mit dem Finger in irgendeine Richtung, sagt Sätze wie: „Das ist von uns“, oder „Das haben wir erst letztens gemacht“, oder „Das ist cool, aber das sieht man jetzt nicht so gut“. Manche 1UPs sieht man immer, die an den Dächern. Altbau, fünfter Stock – es gibt keinen Baum, der sie verdeckt. Um sie zu malen, ist einer von ihnen die Dachschräge hinunter gekraxelt, ein zweiter hat ihn mit einem Seil gesichert.

 

Sturmhauben, Farbgeruch, Adrenalin: Die Nächte der 1UP-Mitglieder haben eigene Gesetze. Jedes Mal könnten sie erwischt werden, Sachbeschädigung im großen Stil, das würde teuer werden. Doch die Leidenschaft treibt sie, die Liebe zur Aktion und zur Gemeinschaft. Und Eitelkeit. Nils sagt: „Es macht Megaspaß, wenn du am nächsten Tag dein Bild siehst. Du veränderst deine Stadt.“ Als Sprüher geht er mit einem anderen Blick durch die Straßen. „Du achtest nicht mehr auf Straßennamen, nur noch auf die Wände und die Bilder.“ In letzter Zeit haben 1UP weniger in Berlin gemacht. Dort, wo sie wohnen, wollen sie sich wieder freier bewegen. Ein bisschen paranoid sind sie immer noch, das müssen sie sein. Nur ihre besten Freunde wissen, dass sie 1UP sind, wenn es Nacht ist.

 

** alle Namen geändert

 

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