Dem Tod näher als dem Leben
Foto: René Jankowski
Virginia Hagemann, 17, hat die Massenpanik auf der Loveparade in Duisburg überlebt. Ein Jahr später quälen sie immer noch Albträume – doch sie kämpft für ein bisschen Normalität
Für Virginia Hagemann beginnt die Angst mit einem Rippenstoß. Neben ihr ringt eine junge Frau um Luft und schreit: „Helft mir, ich bin schwanger!“ Virginia hört die Schwangere, nur einen Meter entfernt, aber sie kann nicht helfen. Verschwitzte Körper pressen sich an sie, nehmen ihr Atem und Sicht. Die 16-Jährige spürt, was die Frau am meisten quält: die Ellenbogen und Hände der anderen. Sie helfen nicht.
Die Ellenbogen prallen an Virginias Brust und ihre Rippen. Die Hände zerren und stoßen, ballen sich zu Fäusten und umschlingen manchmal ihren Hals, um sie zu würgen. Sie wollen sie hinab drücken. Virginia schreit und drückt zurück.
Hunderttausende liefen am 24. Juli 2010 durch den Karl-Lehr-Tunnel unter dem Alten Güterbahnhof in Duisburg zur Loveparade – Virginia war eine von ihnen. Sie wollten tanzen. Doch auf dem Weg kam es zu einer Massenpanik. 21 Menschen starben, über 500 wurden verletzt. Auch Virginia glaubte, sterben zu müssen. Sie hat überlebt, doch was sie gesehen hat, quält sie bis heute.
Wenn Virginia – lange braune Haare, pinke Fingernägel, die Augen schwarz geschminkt – von diesem Samstag spricht, ist sie den Tränen nahe. Um nicht zu weinen, redet sie leise, hält oft inne, schaut nach draußen. Sie sieht müde aus. Die Schreckensbilder verfolgen sie seit einem Jahr. Es ist immer der gleiche Traum: Virginia stirbt oder muss zusehen, wie andere getötet werden. Mit Messern, Pistolen, Äxten. Es fließt immer viel Blut in ihren Albträumen. Sie erwacht mit schweißnassen Haaren. Oft räumt sie dann auf, mitten in der Nacht, das lenkt sie ab, aber nicht immer.
Dann muss sie daran denken, wie diese Bilder in ihr Leben gekommen sind: Wie sie an jenem Samstag in einem Meer aus Menschen steckt und versucht, nicht unterzugehen. Doch die Masse schwappt gegen ihren Leib, sie stolpert über Gliedmaßen. Ein Mann brüllt: „Wir sterben!“ Virginia will nicht fallen, reckt das Kinn hoch, um zu atmen. Aber dann rammt sich wieder ein Ellenbogen in ihren Hals. Als alles anfängt, sich zu drehen, gibt Virginia auf.
Sie sinkt auf einen Haufen verletzter Körper. Einige wimmern, sie spürt Tritte, weint vor Schmerzen. Unter sich erkennt sie ein Gesicht. Da liegt die Schwangere, reglos, ihre Haut ist blau. Dann wird Virginia bewusstlos.
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