Ich war 16…
Illustration: Sylvia Neuner
…und sie 25. Ich war ein Kind und sie eine Frau. Jan erinnert sich an sein erstes Mal
Der Electro-Beat stampft, der Boden zittert und sie steht einfach nur da. Um sie herum zucken Körper im Stroboskop-Gewitter, doch sie wippt bloß mit dem Fuß und lässt ihr Cocktailglas kreisen. Die ersten sieben Sekunden entscheiden, sagt man – bei ihr reicht ein einziger Blick.
Rote High-Heels, Lederjacke, lange schwarze Haare: Hier steht kein Mädchen, hier steht eine Frau. Ich bin 16, aber das ist egal. In dieser Nacht kann alles passieren.
Aus den Augenwinkeln sehe ich meinen Bruder, in seinem Arm ein fremdes Mädchen. Es ist sein 20. Geburtstag. In der S-Bahn hatte ich Lampenfieber wie ein Schauspieler vor dem Auftritt. Das Münchner Nachtleben kannte ich nur aus den Erzählungen meiner Freunde. Mut konnte ich mir keinen antrinken, der Alkohol war alle.
Als ich die Disco betrat, war ich enttäuscht. Die Musik war lauter, die Menschen älter und die Drinks teurer – aber alles andere kannte ich schon aus dem Jugendhaus. Zwei Bier und eine Runde Tequila später war es mir egal, dass hier Leute tanzten, die meine Eltern hätten sein können. Dann sehe ich sie.
Der DJ spielt „Seven Nation Army“, und wir fangen gleichzeitig an zu tanzen. „I‘m gonna fight‘em off / A seven nation army couldn‘t hold me back”. Sie hebt die Arme und kreist mit den Hüften. Ihre Haare fliegen durch die Luft, während sie ihren Kopf im Takt der Musik bewegt. Unsere Hände berühren sich; meine schweißnass, ihre trocken und kühl. Wir tanzen eng umschlungen. Als Jack Whites Gitarre ein letztes Mal wimmert, treten wir an die Bar. Meine Hand liegt auf ihrem Schenkel.
Die Lampen über der Theke verströmen rotes Dämmerlicht. Ich vergesse, dass ich eigentlich schüchtern bin. Reden und lächeln, fragen und antworten, mein Knie neben ihrem, ihr Atem in meinem Gesicht. Es läuft wie von selbst. Ich mache mir keine Gedanken, wie und wo alles enden soll.
Es endet zwei Straßen weiter und drei Stockwerke höher, in einem fremden Bett in einem fremden Haus. Als ich die Wohnung betrete, hätte mir klar werden können, auf was ich mich einlasse. Statt Postern von Rockbands hängt moderne Kunst an den Wänden. Bei mir stehen Schulbücher in den Regalen, auf ihrem Schreibtisch liegt ein Anatomieatlas. Ich bin Schüler, sie Medizinstudentin.
Eigentlich sollte ich nervös sein, aber ich fühle mich gut. Der Alkohol? Egal. Wir stehen uns gegenüber, und während wir uns das erste Mal küssen, singt Jane Birkin „Je t’aime“. Hatte sie es darauf angelegt, in der Disco einen Jungen aufzureißen? Sie geht ins Bad, kommt zurück, in der Hand hält sie ein Kondom. „Voulez-vous coucher avec moi ce soir?“, fragt die Schallplatte: Willst du mit mir schlafen?
Ich sage ihr nicht, dass meine längste Beziehung zwei Wochen gedauert hat. Das war in der siebten Klasse. Küssen kenne ich vom Flaschendrehen, Brüste habe ich nur gesehen, wenn sich meine große Schwester umzog. Wir reden nicht, es zählt nur der Moment.
Sie liegt neben mir, eine Selbstgedrehte zwischen ihren Fingern. Das ist also die Zigarette danach, denke ich. Ich habe noch nie geraucht. Wir sind beide nackt, ich fühle mich auch so: entblößt und schutzlos. Die schmalen Schultern eines Jugendlichen neben dem Körper einer Frau. Ich bekomme Angst, frage sie nach ihrem Alter, aber sie nuschelt nur schläfrig und kuschelt sich unter die Bettdecke. Ich bleibe mit offenen Augen liegen und warte, bis die Sonne aufgeht.
Am nächsten Morgen will ich es wissen: Wie alt ist sie? Sie sagt nichts, hält mir ihren Personalausweis hin: Jana, 25 Jahre. Medizinstudentin in ihrem Praktischen Jahr. Bevor ich mein Abitur schreibe, wird sie als Ärztin arbeiten. Sie steht in Jogginghose und T-Shirt vor mir und ist immer noch schön. Aber der Zauber der Nacht ist verflogen. Während sie frühstückt, blicke ich stumm aus dem Fenster. Appetit habe ich nicht. Bevor ich gehe, tauschen wir Telefonnummern.
Sieben Jahre sind seitdem vergangen. Drei verschiedene Handys habe ich seitdem gehabt, und jedes Mal habe ich ihre Nummer eingespeichert. Angerufen habe ich sie nie.
Im Leben trifft man viele Entscheidungen. An diesem Abend entschied ich mich, indem ich mich nicht entschied. Ich sagte weder nein noch ja, ich ließ es einfach geschehen. Mag sein, dass mir diese Nacht bewundernde Blicke eingebracht hätte. Ich erzählte nur meinen besten Freunden davon – mir war es peinlich. Als ich das nächste Mal mit einer Frau schlief, war ich 19. Das Mädchen war einen Tag jünger als ich. Wir sind seit vier Jahren ein Paar. ![]()


