Schrank werden

Foto: Simon Hurtz

Wenn das Lebensglück vom Sixpack abhängt: Mike ist 14 und geht vier Mal die Woche pumpen. Er sehnt sich nach Muskeln – koste es, was es wolle

Mike ist gefangen. Die Hantelstange lastet schwer auf seinem Brustkorb und sein Gesicht verzerrt sich vor Anstrengung, als er mit letzter Kraft versucht, sich zu befreien. Er bläst die Backen auf, presst, ächzt, resigniert. Zwecklos. Mike hat sich überschätzt. „Das Eisen hat gewonnen“, wird er später sagen.

 

Ein Trainer bemerkt ihn, grinst kurz und zieht die Augenbrauen hoch. Dann kommt er Mike zu Hilfe. Mit einem Arm lupft er die 35 Kilogramm an und befördert sie lässig zurück auf die Halterung. Er wirkt nicht einmal besonders muskulös – aber er ist erwachsen. Ganz im Gegensatz zu Mike, der jetzt keuchend auf der Hantelbank liegt, rotes Gesicht, Schweißtropfen auf der Stirn, und etwas verlegen dreinblickt. Mike ist 14 und geht seit zwei Jahren „pumpen“, wie er es nennt. Sein Ziel hat er klar vor Augen: „50 Zentimeter Bizepsumfang: Ich will ein Schrank werden!“

 

Mit einem Paar Hanteln fing er zuhause an. Das reichte ihm bald nicht mehr, Mike meldete sich im Fitnessstudio an. Hier, in einer Münchner Filiale einer großen Fitnessstudiokette, trainieren an diesem Montagabend drei Generationen. Senioren strampeln auf Liegeergometern und beobachten Yoga-Frauen bei ihren Verrenkungen auf der Gymnastikmatte. Die meisten Besucher sind nur wenig älter als Mike: Zwei Freunde unterhalten sich über „Diäten, mit denen du so richtig ripped wirst“, während der eine in der Butterfly-Maschine stöhnt und der andere in der Beinpresse schwitzt. Eine Gruppe Schüler fachsimpelt über Trainingsstrategien – lautstark, um die Musik aus ihren Ohrstöpseln zu übertönen. So kommt das ganze Studio in den Genuss der „besten Übungen für ‘ne breite Brust“. Sie alle verbindet das gemeinsame Ziel: der perfekte Körper.

 

Woher kommt diese Sehnsucht? Jeder zweite Mann ist unzufrieden mit seinem Körper, sagt Günter Amesberger, Leiter des Instituts für Sportwissenschaft der Universität Wien. Vor 25 Jahren waren es zehn Prozent. Frauen bekommen seit langem die Bilder unerreichbarer Schönheit vorgesetzt. Für Männer ist dieser Anspruch neu. In der Werbung wimmelt es von durchtrainierten Männerkörpern und Fitnessmagazine wie Men’s Health erklären den Waschbrettbauch zum Statussymbol.

 

Mike heißt eigentlich Michael. Bis zu seinem 13. Geburtstag war er für seine Freunde der Michi. Wer ihn heute so nennt, erntet einen verächtlichen Blick. Michi ist jetzt Mike, kein Kind mehr, sondern ein Mann. Er hat geduscht und zieht sein schwarzes T-Shirt über den Kopf. Orange Buchstaben verkünden: „Train hard or go home!“ Im Internet kann man es in der Größe 6XL bestellen – Mike trägt M. Das Hemd schlackert um seine Schultern.

 

Mikes Mannwerdung beschränkt sich bisher auf seinen Namen. Ihm fehlt Testosteron. Das Hormon lässt Spermien reifen, Haare sprießen und Muskeln wachsen. Kinder haben einen sehr geringen Testosteronspiegel. Vor der Pubertät bleibt Krafttraining ohne sichtbare Resultate. Mike sagt: „Dann muss ich eben mehr trainieren. Vier Mal die Woche: Brust, Rücken und zwei Mal die Beine. Minimum.“

 

Er weiß, dass er seine Gesundheit riskiert: Bänder und Knochen können dauerhaften Schaden nehmen. Sie sind noch nicht für die Belastung mit schweren Gewichten gemacht. Und Mike weiß auch: Wer groß und stark werden möchte, braucht genug Eiweiß. Deshalb flucht er jetzt laut, denn er hat seinen Shaker vergessen. Mike hastet aus dem Studio und radelt nach Hause, wo der Proteindrink auf ihn wartet.

 

Das Eiweiß lagert er in seinem Zimmer: Zwei große Dosen stehen im Regal, neben „Lustigen Taschenbüchern“ und Überraschungsei-Figuren. Während Mickey Mouse und die Happy Hippos fröhlich grinsen, guckt der Mann auf den Dosen ziemlich grimmig drein. „Der krasseste Bodybuilder überhaupt: fünf Mal ‚Mr. Universum’ und sieben Mal ‚Mr. Olympia’“, erklärt Mike. „Da sieht man mal, was Österreicher alles drauf haben“, sagt er, der genau wie sein Idol Arnold Schwarzenegger aus der Steiermark kommt.

 

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