Aktion Turbo-Veganismus

ananas vegan

Neuer Anstrich: Veganismus galt früher als Form der Mangelernährung. Heute treten Gesundheitsbewusste zur „Vegan Challenge an.

Hirse statt Haxe: Bei der Vegan Challenge in Bad Tölz arbeiten rund 200 Teilnehmer einen Monat lang an einem „völligen Reset“ ihres Körpers. Der Weg dahin leuchtet allerdings nicht allen Tölzern ein. Ist der größte Luxus der Verzicht?

Claudia Thumfart sitzt in einem türkis gestrichenen Raum im Haus des Gastes in Bad Tölz und erzählt von der Lust, in ein Käsebrot zu beißen. Die 45-Jährige hat in einem Stuhlkreis in der Mitte des Raums Platz genommen. Die Luft ist trocken. Die kleine Gruppe hat sofort die Fenster aufgerissen, als sie in den Raum kam. Trotzdem riecht es immer noch nach Schweiß. In der Ecke stapeln sich Yogamatten und Sitzkissen. Offenbar finden hier auch Sportkurse statt.

Die anderen im Stuhlkreis nicken Thumfart verständnisvoll zu. Sie können ihre Essensgelüste nachvollziehen. Alle Zuhörer, die an diesem Juliabend zu dem Vortrag über vegane Ernährung gekommen sind, nehmen an der „30-Tage-Vegan-Challenge“ teil. Einen Monat lang verzichten sie auf alle Lebensmittel tierischen Ursprungs.

Die Gesundheitsaktion findet im Sommer 2013 zum ersten Mal in dem bayerischen Kurort statt. Rund 200 Teilnehmer haben sich angemeldet, um einen Monat lang vegan zu essen und so ihre Gesundheit zu verbessern. Keine Schweinshaxe, kein Bergkäse, keine Eier.

Die Challenge dekliniert die klassischen Versprechungen jeder beliebigen Diät durch: neues Körpergefühl, entschlackte Seele. Ballast abwerfen, eine Erneuerung von innen durchführen. Dem Darm was Gutes tun, nicht immer diesen Dreck essen. Einen Monat lang heißen sie „Challenger“ und fordern sich selbst heraus.

In der Käsebrotfrage ist Thumfart standhaft geblieben. Sie hat den veganen Aufstrich aufs Brot geschmiert. Die Tölzerin lacht laut und herzlich auf, als sie das sagt. Es wirkt, als amüsiere Thumfart sich über sich selbst. Sie trägt einen leicht ergrauten, modischen Bob und eine lockere Jeansjacke. Die blau lackierten Zehennägel harmonieren farblich mit dem Shirt. Eine einzelne Perle baumelt an der Halskette.

Der Referent spricht in die Runde: „Veganes Essen gibt mehr Power, die frischere Haut, das bessere Aussehen. Ich kann jetzt mehr leisten, kenne keine Müdigkeit. Ich bin einfach fitter. Man kann Falten wieder rückbilden und graue Haare wachsen wieder dunkel nach. Das geht natürlich nicht von heute auf morgen, aber es geht.“

Der Körper soll einen „völligen Reset“ erleben, steht auf den Flyern

In der Vergangenheit hat Thumfart immer mal wieder von Vorzügen veganer Ernährung gehört, die Botschaft ist in ihr Leben gesickert. Sie macht bei der Challenge mit, weil sie ihre Gesundheit verbessern will, Allergien und Entzündungen im Körper vorbeugen möchte. „Die erste Woche war mit viel Einkaufen verbunden. Aber beim Autofahren bin ich seit Beginn der Challenge viel entspannter. Das führe ich schon auf die vegane Ernährung zurück. Ich denke, Veganer leben einfach gesünder. Veganismus ändert gewisse Abläufe im Körper.“

Thumfart hat Normalgewicht, auch vor der Aktion aß sie selten Fleisch. Wenn, dann vom Bio-Metzger. Trotzdem hat sie entschieden, bei der Aktion mitzumachen, als die Plakate auftauchten. „Bad Tölz macht sich fit“, steht auf den Flyern, die überall in der Stadt hängen. „Melde dich kostenlos an, werde schlank und fit.“ Neben dem Schriftzug springt ein junges Pärchen in Tracht in die Luft. Die Füße der Frau verschwinden unter ihrem Dirndl. Es sieht so aus, als schwebe sie über der bayerischen Postkartenlandschaft. Geworben wird mit einem „völligen Reset“ des Körpers, der sich von „Zivilisationsschäden erholen“ kann.

Während der 30 Tage ist das Kochbuch „Vegan for fit“ die Bibel der Teilnehmer aus Bad Tölz und Umgebung. Geschrieben hat es der 32 Jahre alte Shootingstar der veganen Bewegung in Deutschland, Attila Hildmann. Der Berliner ist so etwas wie der Jamie Oliver des Veganismus. Er lebt seit 13 Jahren vegan und hat sich während dieser Zeit vom Übergewichtigen zum durchtrainierten Triathleten entwickelt.

Der Luxus, den man sich heute leistet, ist der Verzicht

Der Starkoch gibt dem Veganismus einen coolen Anstrich – und die passende Erfolgsgeschichte. Jetzt zum Nachkochen. Hildmann appelliert nicht an die Moral der Deutschen, die durchschnittlich 60 Kilogramm Fleisch pro Jahr essen. Er lebt sein Ideal vor und hofft auf Nachahmer. Früher war das Wort Veganismus für viele Deutsche gleichbedeutend mit Mangelernährung. Diese Zeiten sind vorbei. Hildmann ist das beste Beispiel dafür, dass der Veganismus aus seiner Öko-Ecke herauskommt und zum gesundheitlichen Trend wird. Der Luxus, den man sich heutzutage leistet, ist der Verzicht.

Auf dem Cover seines Kochbuchs breitet Hildmann seine muskulösen Arme wie ein Adler über einer dunstigen Stadtlandschaft aus. So sieht das mit dem neuen Körpergefühl aus. Vorher-Nachher-Fotos auf seiner Facebook-Seite, in seinen Büchern, überall, zeigen das. Attila Hildmann ohne Shirt war nicht immer so ansehnlich wie jetzt als Veganer. Das ist die Botschaft dieser Bilder. Dass zwischen den Aufnahmen mehr als ein Jahrzehnt liegt, diese Information tritt bei Hildmanns 30-Tage-Challenge in den Hintergrund. 13 Jahre Arbeit am eigenen Körper, damit verkauft man keine Bücher. Mit der Erfindung einer Challenge schon. Es ist eine Hauruck-Aktion, kein langsamer, aber beständiger Wandel der Ernährungsgewohnheiten. Letztlich entspricht Hildmann auch damit dem Zeitgeist.

Dass die Challenge in die oberbayerische Provinz kam, hat Bad Tölz dem örtlichen Biomarkt-Betreiber zu verdanken. Stefan Gritzbach ist be­geistert von Hildmanns Essens-Philosophie. „Missionieren hat in der Geschichte noch nie etwas gebracht“, so drückt es der 39-Jährige aus. Gritzbach nimmt als Organisator selbst an der Challenge teil und hat davor schon überwiegend vegan gelebt. Im Bioladen liegt Hildmanns Buch wie auf einem Schrein aus, neben grünem Tee, Erdnussmus und Sojamilch.

Gritzbach rief bei Hildmanns Verlag an, organisierte eine Eröffnungsveranstaltung für die Aktion Turbo-Veganismus. Der Stargast war Hildmann. Er war der Deus ex machina in der Rotunde der Tölzer Wandelhalle, der Guru aus Berlin. Er signierte die Kochbücher, die jeder kaufen muss, um an der Challenge teilzunehmen. Hildmann und sein Kochbuch sind eine Marke, die auch in der bayerischen Provinz Strahlkraft besitzt. „Er hat sich einfach sehr gut verkauft“, fasst ein Tölzer seinen Eindruck von der Auftaktveranstaltung zusammen.

Die Provinz sträubt sich gegen Hildmanns Rezepte

Nicht alle Einwohner sind Fans des Vegan-Kochs und seiner Vorstellung von gesunder Ernährung. Einige Tölzer finden, dass die Challenge nicht in ihre Heimat passt. In Metzgereien und Käseläden stößt die Idee, auf alles Tierische zu verzichten, naturgemäß auf wenig Gegenliebe.  Stattdessen steht Exotisches auf dem Speiseplan der Challenger: Agavendicksaft, Quinoa, Matcha-Tee. „Für den Biomarkt ist das natürlich eine gute Geschichte, der macht damit ja Profit“, sagt Wirt Andi Walz vom Restaurant „Krambambuli“. Dort gebe es alle Lebensmittel, mit denen die Challenger während der vier Wochen kochen.

„Was wir in Deutschland haben, langt uns nicht. Das ist schade. Aber der Trend ist nun mal danach.“ Dem Trend beugt sich auch Walz. Während der Challenge-Zeit bietet er ein veganes Gericht an. Blumenkohl mit Hirsebrei steht seit neuestem auf der Karte. Walz findet dennoch, dass die Challenge mehr auf bayerische Gegebenheiten eingehen könnte. Wenn es nach ihm ginge, ließe sich die Challenge auch mit Pfifferlingen und ohne Milch zubereiteten Knödeln bestreiten. Oder mit Bärlauch, schließlich habe der gerade Saison. „Vielleicht macht der Schuhbeck ja mal ein veganes bayerisches Kochbuch“, sagt er.

Milch wirke wie ein Opiat im Körper, sagt der Referent

Beim Vortrag im Haus des Gastes tauschen die Teilnehmer im Stuhlkreis ihre Erfahrungen aus. Der Referent gibt Tipps, wiegelt ab, beruhigt. Ein Pfarrer zöge bei Fragen seiner Gemeinde die Bibel zu Rate, er greift auf Hildmanns Kochbuch als Inspirationsquelle zurück.

„Ich habe auch seit Tagen Kopfschmerzen“, sagt Claudia Thumfart.

„Der Körper signalisiert einen Mangel an Nährstoffen. Du kannst das Rezept für den grünen Smoothie ausprobieren, das sollte helfen.“

„Fleisch fehlt mir interessanterweise nicht so sehr.“

„Ja, das ist bei vielen Menschen so, dass sie eher die Milchprodukte vermissen. In der Milch ist ein Stoff, der wie ein Opiat wirkt und bei den Nervenzellen im Darm ansetzt.“

Nach dem Ende der Veranstaltung sammeln sich die Challenger in einer Gruppe vor dem Gebäude. Es ist ein lauer Sommerabend. Thumfart sagt, dass sie den Tipp mit dem Smoothie gleich ausprobieren will. Sie sieht die Challenge als Schnupperkurs in Sachen Veganismus, eine neue Erfahrung. Nach der Challenge kann sie sich vorstellen, immer mal wieder übers Jahr verteilt eine vegane Woche zwischenzuschalten, zum Durchatmen für den Körper. Rein vegan will sie nicht leben. „Dafür esse ich zwischendrin einfach zu gerne ein Stück Fleisch. Oder ein Käsebrot.“

Foto. Angela Gruber, Martin Moser