Alles, was schlecht ist

Alles, was schlecht ist

Wohin führt der Pfad der Sünde? In die Hölle, sagt die Kirche. Zu Glück und Erfolg, verspricht ein neuer Ratgeber. Unsere Autoren haben sich auf den Weg gemacht. Ein Selbstversuch in Hochmut, Habgier, Völlerei, Trägheit, Neid, Zorn und Wollust.

Die Liste der Bedrohungen, die uns mehr Furcht einflößen als das Fegefeuer, ist lang: Zahnarztbesuch, Spinnen oder der Klang von brechendem Styropor. Die Aussicht auf endlose Qualen in der Hölle hält längst nicht mehr jeden davon ab, die sieben Todsünden zu begehen. Dafür werden wir heute schon im Diesseits bestraft: Wer träge ist, kommt im Beruf nicht weiter. Wer der Völlerei nachgeht, verstößt gegen das geltende Schönheitsideal. Der Sozialpsychologe Simon M. Laham von der University of Melbourne will das ändern. Sein Ratgeber „Der Sinn der Sünde“ (2013) beschreibt in sieben Kapiteln, warum uns die vermeintlichen Fehltritte nach vorne bringen. Aber tun sie das wirklich? Sieben Todsünden in sieben Tagen – ein Selbstversuch.

Tag 1. Hochmut

These: „Stolze Menschen sind extrovertierter, verträglicher, emotional stabiler, gewissenhaft und offen für neue Erfahrungen.“ (S. 181)

Victoria. Alles davon möchte ich sein. Daher poste ich einen Tag lang Selbstbeweihräucherung bei Facebook. Mal sehen, wie die Leute reagieren. Mein Statusupdate um 8:28 Uhr: „Gerade einen ausgiebigen Morgenspaziergang an der Isar gemacht und festgestellt: München ist einfach die tollste Stadt der Welt. Hier passe ich gut hin.“ So viele Lügen auf einmal. Eine Ungeheuerlichkeit, finde ich selbst. Doch der Post erntet elf Likes und zwei bestätigende Kommentare. Nur Facebook-Freundin Zahra zweifelt an meiner plötzlichen Liebe zu Bayern.

Dann das Pflichtprogramm: ein neues Profilbild, ich, von oben in die Kamera strahlend. Es wird im Laufe des Tages 25 Likes bekommen. Mein nächstes Statusupdate: „Mir ist gerade mein Grundschulzeugnis aus der Klasse 2b in die Hände gefallen. Ich stelle fest, mein Talent wurde früh erkannt. Zitat: ‚Geschichten kann sie folgerichtig, anschaulich und lebendig niederschreiben.‘ Da hat die DJS ja einen guten Riecher bewiesen.“ Ich bin mir sicher, dass jetzt die ersten Pöbel-Kommentare kommen. Tun sie nicht, es gibt 14 Likes für meine Überzeugung, ein
Naturtalent zu sein.

Alle hochmütigen Posts des Tages kommen gut an, inklusive einer Abstimmung über mein schönstes Kinderfoto. Ich kann so dick auftragen wie ich will: Es gibt immer welche, die sich offen mit mir freuen. Ob sie währenddessen die Faust in der Tasche ballen, weiß ich nicht. Erst nach der Auflösung gibt Jan zu: „Diese Erläuterung hat mich ehrlich gesagt ziemlich beruhigt.“ Kora bringt es auf den Punkt: „Mir war das gar nicht als komisch aufgefallen… Hier sind überall nur Egomanen!“ Am Ende des Tages habe ich immer noch gleich viele Facebook-Freunde wie am Morgen. Ob mich jemand ausgeblendet hat, sehe ich nicht. Nach jedem Post war in mir Selbsthass aufgeflammt, um kurz darauf von Euphorie abgelöst zu werden. Mut zum Hochmut – das Prinzip „Sinn der Sünde“ scheint zu funktionieren.

Für den ersten Tag hat Victoria Unterstützung vom Rest der Klasse erhalten: Auch sie stellte hochmütige Postings auf Facebook. Hier sind die schönsten Beispiele:

Der letzte Post zeigt: Auch Online-Dozent Dirk von Gehlen hat sich überwunden.

Tag 2. Habgier

These: „So wie tatsächlicher Reichtum den Wohlhabenden zu mehr Selbstgenügsamkeit verhilft, so sorgt der Gedanke an Geld dafür, dass wir uns unverwundbar und leistungsfähig fühlen.“ (S. 94)

Paul. Unverwundbar fühle ich mich schon. Die 100.000 Euro, mit denen ich einen Tag lang online auf dem Börsen-Parkett zocken werde, sind nicht echt. Aber leistungsfähig? Die Internet-Plattform stellt mir zum Glück einen Chat-Berater zur Seite, der mit rührender Geduld alle dummen Fragen beantwortet. Ich fasse Vertrauen, obwohl ich weiß: Er verschenkt eine Einstiegsdroge und hofft, dass ich ihm bald das harte Zeug abkaufe. Er spekuliert auf meine Gier. Zurecht.

Ich beginne schüchtern. Nach einer halben Stunde habe ich 1,78 Euro gewonnen. Schon ganz gut, jetzt mehr Risiko. Ich setze auf das Verhältnis von Dollar und Mexikanischem Peso. In einer Minute verliere ich 5.000 Euro. Erst mal Kaffeetrinken. Zurück am Computer das Wunder. Aus 5.000 Minus sind 10.000 Plus geworden. Jackpot! Jetzt bin ich drin. Ich kaufe, verkaufe, fluche, juble. Die kleinen Gewinne interessieren mich nicht mehr. Wer nichts riskiert, kann nichts gewinnen. Deshalb: Alles auf Kanadische Dollar/Schweizer Franken. Bei 8.000 Euro Verlust verkaufe ich. Und steige aus.

Mein Tag auf dem Parkett endet dennoch im Plus: 1.581,69 Euro, trotz Ahnungslosigkeit und späten Übermuts. Pädagogisch wertvoll ist das nicht. Gier hat mich nicht zu einem besseren Menschen gemacht. Aber zu einem reicheren. Komisch, dass ich gerade jetzt froh bin, dass es nur Spielgeld war.

Tag 3. Völlerei

These: „Somit ist der Vielfraß (…) vielleicht tatsächlich ein wenig schlauer und schneller als der Diäthalter.“ (S. 57)

Völlerei: Victoria und Paul beim Schlossfest

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Vor dem Essen: Entschlossenheit und Vorfreude. alle Fotos: Martin Moser

Victoria. Völlerei ist laut. Beim Schlossfest in Neuburg an der Donau wird alle zwei Jahre die Renaissance wiederbelebt, mit Pauken und Fanfaren. Im Mittelpunkt: das Essen. Dutzende Fressbuden bilden den sprudelnden Quell der Todsünde. Fettiger Geruch strömt von überallher. An einem Stand hole ich mir einen Holzspieß, lang wie ein Tennisschläger, daran Putenbrust, umhüllt von frittiertem Brezelteig. Ich ziehe immer abwechselnd ein Stück zartes Fleisch und ein Stück Teig herunter. Fett an den Händen, am Mund, im Magen.

Danach bin ich komplett satt, aber das zählt heute nicht. Ich schiebe schnell ein Steakbrötchen mit Zwiebeln hinterher. Pikant, ein bisschen zäh, okay. In wenigen Minuten habe ich Kalorien für einen ganzen Tag verschlungen. Landwein rinnt durch meinen Magen, bahnt sich seinen Weg vorbei an halbverdautem Fleisch. Das kommt mir gleich wieder hoch. Zum Nachtisch wähle ich Crêpe mit angedickten Kirschen, Nuss-Nougat-Creme und Zimt. Ich muss mich setzen.

Von meinen Tischnachbarn lerne ich, dass Pfalzgraf Ottheinrich, der Neuburg im 16. Jahrhundert regierte, ein großer Anhänger der Gaumenfreude war. Im Schlossmuseum ist sein Hemd ausgestellt, in das sieben Zehnjährige reinpassen würden. Und seine überdimensionierte Badewanne, in der sieben Zehnjährige ertrinken könnten. Dank der Völlerei bin ich tatsächlich etwas schlauer geworden. Aber schneller?

Tag 4. Trägheit

These: „Wenn es um komplexe Entscheidungen geht, scheint der träge Geist des Faulenzers, der Geist, der die schweißtreibende Anstrengung des bewussten Denkens meidet, im Vorteil zu sein.“ (S. 115)

Paul. Ich bin faul, richtig faul. Zu faul, um selbst faul zu sein. Der König der Faulenzer schaut anderen Faulenzern beim Faulenzen zu. Dieser König bin heute ich. Lazarus macht zuerst genau das Gegenteil von dem, was ich von einem Faultier erwartet hätte: Er hangelt sich Sprosse um Sprosse die Strickleitern entlang, die wie ein Netz durch das Nashornhaus im Münchner Tierpark gespannt sind, wo Lazarus zusammen mit seiner Frau Lazy wohnt. Schnell ist das nicht, aber entschlossen. Vier Runden dreht er, dann hat die Hyperaktivität endlich ein Ende. Ich bin verblüfft und fühle mich ein bisschen betrogen. Lazarus lässt sich in eine Astgabel sinken, wirft mir noch einen vorwurfsvollen Blick zu und verabschiedet sich für heute.

„Das Irritierende an den Faultieren“, spricht mich eine ältere Dame von der Seite an, „ist, dass sie zum Koten immer auf den Boden kommen, anstatt es einfach fallen zu lassen.“ Auch ich bin irritiert – und zugleich beeindruckt. Nur weil jemand faul ist, muss er sich noch lange nicht gehen lassen.

Tag 5. Neid

These: „Der Neid stärkt unsere Hoffnung und schafft ein positives Selbstbild.“ (S. 161)

Neid: Postkarten aus dem Urlaub

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Die Urlaubsgrüße aus Malta kamen als erste in meinem Münchner Briefkasten an.

Victoria. Ständig beneide ich andere, vor allem um Freizeit. Gut fühle ich mich dabei nicht, sondern schäbig. Um dem Neid vielleicht doch noch etwas Positives abzugewinnen, fahre ich in aller Frühe zum Flughafen und frage Menschen, wohin sie verreisen. Amsterdam, Malta, Türkei – ganz nett, aber da ist noch Luft nach oben. Drei Höhepunkte, die zugleich Tiefschläge für mich sind, folgen direkt aufeinander: eine Familie, die für drei Wochen nach Kanada fliegt, eine junge Frau, die vier Wochen in Australien urlaubt sowie ein Paar, vor dem zweieinhalb Wochen auf den Kapverdischen Inseln liegen.

"Wie gerne würde ich auf Entdeckungsreise gehen oder einen Tag lang aufs Meer schauen": Victoria am Flughafen.

„Wie gerne würde ich auf Entdeckungsreise gehen oder einen Tag lang aufs Meer schauen“: Victoria am Flughafen.

Ich gönne es ihnen und beneide sie trotzdem. Wie gerne würde ich auf Entdeckungsreise gehen oder einen Tag lang aufs Meer schauen. Stattdessen bin ich am Flughafen und starre die Anzeigentafel an. Am Ende juble ich zwölf Leuten meine Adresse unter und hoffe, mein Fernweh durch ihre Postkarten zu lindern. Das ist aber auch die einzige Hoffnung, die der Neid in mir weckt. Ich will an den Strand. Immer noch.

Tag 6. Zorn

These: „Er (der Zorn) ist ein auf Erfahrung beruhendes Signal, dass jemandes Rechte verletzt werden oder dass der Gerechtigkeit nicht Genüge getan wird.“ (S. 147)

Erst Laster, dann Pflaster: Statt einer Anzeige wegen Lärmbelästigung schickten uns die Nachbarn am Ende des Zornabends eine Einladung zum späten Feierabendbier.

Erst Laster, dann Pflaster: Statt einer Anzeige wegen Lärmbelästigung schickten uns die Nachbarn am Ende des Zornabends eine Einladung zum späten Feierabendbier.

Paul. Ich suche Streit. Der sichere Weg: ein Spieleabend, Monopoly, Risiko. Klappt immer. Niemand verliert gern. Ich am allerwenigsten.

Zuerst Risiko. Laut wird es schon, bevor es losgeht: In der Wohnung oder auf dem Balkon spielen? Alte oder neue Regeln? Wir einigen uns auf  den Balkon und darauf, dem Gemetzel freien Lauf zu lassen. Ich erobere handstreichartig Afrika und ganz Amerika und werde auf dem Höhepunkt meiner Macht von einer Spontan-Allianz der beiden Damen am Tisch von der Landkarte gelöscht. Ich fluche laut über kleingeistige Emanzen und verliere danach krachend bei Monopoly. Jetzt fluche ich über die Obrigkeitshörigkeit meiner Mitspieler, die auch im Gefängnis Mieten einziehen, weil es so in den Regeln steht.

Gegen drei Uhr morgens senkt sich ein Besenstiel vom oberen Stockwerk herab, an dem mit einem Stück Pflaster ein Zettel befestigt ist. Ich fluche über die spießigen Nachbarn, aber siehe da: Statt der Androhung, unverzüglich die Polizei zu rufen, wenn der Lärm nicht bald ein Ende hat, steht auf dem Zettel: „Hallo Nachbarn. Bei uns steht ein Kasten Gustl kalt. Fühlt euch eingeladen. mfg, Appt. 410.“ Zorn verbindet.

Tag 7. Wollust

These: „Die lüsterne Denkweise ist zweckmäßig und kann (…) sogar bessere Klausurergebnisse hervorbringen. (…) Schauen Sie sich vor Ihrer nächsten Prüfung einfach ein paar Pornos an.“ (S. 30)

Heimlich aufgenommen: Im Pornokino sitzt man in roten Sesseln, am Rand stehen Kleenex-Boxen für Körpersäfte.

Heimlich aufgenommen: Im Pornokino sitzt man in roten Sesseln, am Rand stehen Kleenex-Boxen für Körpersäfte.

Victoria. Diese Anweisung in unserem Ratgeber ist ausnahmsweise präzise: Pärchenabend im Pornokino, wir geben uns als Paar aus. Ein Summer ertönt, dann öffnet sich die Tür, hinter der sich eine neue Wirklichkeit verbirgt. Ich zahle keinen Eintritt, bekomme aber einen Prosecco. Vielleicht ganz gut, ich bin nervös. Als wir in den Saal vordringen, ertönt Gestöhne von zwei Seiten. Von den Lautsprechern hinter der Leinwand, auf der sich eine operierte Brünette und ihr solariumgebräunter Kompagnon verbiegen. Sowie aus der vorletzten Reihe links, in der sich ein Paar vergnügt, altersmäßig kurz vor dem Ruhestand. „Ach du Scheiße“, murmle ich und lasse mich auf einen Sitz fallen. In der Eile vergesse ich, das Handtuch unterzulegen, das ich nach der Lektüre einschlägiger Foren mitgebracht habe. Meine Klamotten kommen später direkt in die Wäsche. Was auf der Leinwand läuft, ist öde. Und definitiv keine Prüfungsvorbereitung.

Die braune Papptüte unter den Stempeln. Damit gibt es Wiedereinlass ins Pornokino.

Die braune Papptüte unter den Stempeln. Damit gibt es Wiedereinlass ins Pornokino.

Paul. Die Wollust bleibt bei mir aus, das Problem ist nur: Es gibt Menschen, für die ein Pornokino sehr wohl ein sinnlicher Ort ist. Das ältere Pärchen links hinten zum Beispiel. Als wir reingekommen sind, haben sie nicht auf die Leinwand geachtet, sondern, na ja, ihren eigenen Film gedreht. Jetzt sitzen sie nackt nebeneinander und müssen sich diesen miesen Streifen anschauen. Daran sind wir schuld.

Ich hatte gedacht, dass es mich stören würde, wenn sich die anderen um mich herum vergnügen. Jetzt stört es mich, dass sie es nicht tun. Ich fühle mich wie ein Eindringling, wie jemand, der in eine lustige Runde kommt, die plötzlich verstummt. Es ist nicht mein Humor, aber deswegen muss ich noch lange nicht allen die Stimmung versauen. Haben sie aufgehört, weil wir untätig auf der Couch sitzen? Oder einfach, weil wir da sind? „Macht doch weiter“, denke ich. „Fühlt euch ungestört, wir schauen nicht hin.“ Es dauert eine halbe Stunde, bis das Stöhnen wieder stereo ist. Endlich.

Fazit

Simon M. Laham hat Recht: Die sieben Sünden sind gut für uns. Aber nicht so, wie er sich das vorstellt. Durch Wollust sind wir nicht klüger geworden und durch Neid nicht optimistischer. Trotzdem waren wir am Ende jedes Tages zufrieden. Wir sind in unbekannte Territorien vorgedrungen, haben neue Bekanntschaften gemacht – und gelernt,  dass unsere Facebook-Freunde uns einen eitlen Tag verzeihen. Und dass auch in uns ein Zocker steckt. Vor allem haben wir gesehen, dass sündigen immer eine Frage der Dosis ist. Wer viel arbeitet, muss auch mal faulenzen. Wer auf seinen Körper achtet, muss auch mal schlemmen dürfen. Wer daran scheitert, sich selbst zu verbessern, sollte vielleicht erst einmal mit dem Gegenteil anfangen. Dann kann er es ja noch mal versuchen.

 

Fotos. Martin Moser; Victoria Reith & Paul Munzinger (Wollust, Bildergalerie Neid)
Video. Martin Moser