Das andere Ich

Das andere Ich

Religionslehrer im Alltag, Landsknecht in der Freizeit: Unsere Bildergalerie zeigt, wie es Menschen verändert, in andere Rollen zu schlüpfen. Wir haben fünf Liverollenspieler gebeten, sich für EGO in ihren Spielcharakter zu verwandeln. Die Bilder zeigen sie zuerst in ihrer Alltagskleidung. Wenn du die Maus über das Foto bewegt, siehst du, wie unsere Protagonisten nach der Verwandlung in ihre Rolle aussehen – und kannst den Test machen: Hättet du sie erkannt?

Eine fremde Rolle einzunehmen, ist das Hobby von 30.000 bis 40.000 Liverollenspielern in Deutschland und einigen tausend Cosplayern. Liverollenspieler erleben in ihrer Freizeit inszenierte Abenteuer, die vor unterschiedlichen Kulissen spielen können. Ob ihre Charaktere nun lustiger, stärker oder niedlicher sind als sie selbst, bestimmen die Spieler selbst. Auch die Kostüme sind meist handgemacht. Eigentlich sind Rollenspieler kamerascheu: Das Klischee, Sonderlinge zu sein, die sich der Realität verweigern, geht ihnen gehörig auf die Nerven. Bei unserem Kennenlernen hat sich das Vorurteil nicht bestätigt. Die meisten Spieler nutzen die Verwandlung in einen anderen Charakter, um eine Seite ihrer Persönlichkeit herauszukehren, die im normalen Leben, dem Schul- oder Berufsalltag, nicht zum Vorschein oder deutlich zu kurz kommt.

Kerstin, 26, aus Landshut, studiert Psychologie und Medizin
Rolle: Alari Roa‘ha (Landelfe)

„Für mich ist das Liverollenspiel eine gute Möglichkeit, Dinge, die ich gerne tue, geballt ausüben zu können. Das sind zum Beispiel Nähen, Basteln und Zeichnen. Ich habe Fähigkeiten in mir entdeckt, die ich vorher nicht kannte. Ich kann mir beibringen, diverse Instrumente zu spielen.“

Raphael, 29, aus München, Lehrer für katholische Religion
Rolle: Gregobald Saufeder (Landsknecht)

Für ihn ist das Besondere am Liverollenspiel die Vielfalt. Sein Charakter Gregobald Saufeder („Waibel Greg“) ist nicht der Klügste. „Es ist spannend, wenn mich die Leute dann für ihn halten. Beim Liverollenspiel kann man sein Selbst verlassen, sich neben sich stellen und dadurch anschauen. Man spielt jemanden, der etwas nicht kann, was man selbst kann – oder umgekehrt. Dadurch lernt man sich selber besser kennen.“

Svenja, 18, aus München, macht eine Ausbildung zur technischen Zeichnerin
Rolle: Theadra Nadler (Streunerin)

Sie hat eine Liverollenspiel-Gruppe in München mitgegründet und sagt: „Mein Charakter ist unhöflich, ungehobelt, kann Leute einfach abweisen. Dadurch bin ich freier, weil ich nicht an gesellschaftliche Normen gebunden bin.“ Dass es diese Normen im Alltag gibt, stört Svenja aber nicht.

Florian, 31, aus Mühldorf am Inn, arbeitet als Projektkoordinator in der Automobilbranche
Rolle: Magister Yttristan (Magier)

Seit zwölf Jahren macht er Liverollenspiele, in denen er unter anderem den Magier Magister Yttristan verkörpert. Technische Optimierung prägt seinen Beruf, im Rollenspiel sucht er die persönliche Optimierung: „Ich arbeite ständig an mir selbst – und das Liverollenspiel ist eine schöne Möglichkeit dazu. Ich habe mich in den Rollen weiterentwickelt und dadurch auch persönlich.“

Julia, 26, aus München, Azubi zur Logopädin
Rolle: Obra Castellani (Edeldame)

Ihre Rolle: Möchtegern-Edeldame auf der Suche nach einem adeligen Ehemann. Jemand anderen zu spielen, hilft ihr auch im Beruf: „In Therapiesitzungen ist oft Improvisation gefragt. Diese Fähigkeit habe ich aus dem Liverollenspiel. Ich bin eher schüchtern und spiele Charaktere, die kontaktfreudiger sind. Wenn ich dann auf die Leute zugehe, ist das wie eine Mutprobe. Mit dem Ergebnis: Es geht auch nicht-schüchtern.“

Fotos.Wolfgang Maria Weber, Martin Moser