Maria Berauers Silhouette an der Litfaßsäule ist ziemlich schief. Macht nichts, darum geht es ja

Die Kunst des Scheiterns

In unserem Leben muss alles perfekt sein: der Job, der Partner, der Sex. Ein überzogenes Leistungsdenken, findet die Künstlerin Maria Berauer. In ihrer Aktion „Yes, I can’t“ übt sie deshalb das Scheitern und versucht, mit Erfolg zu versagen.

Wie eine Bergsteigerin in der Felswand presst Maria Berauer ihren Körper gegen die Oberfläche der Litfaßsäule. Ein Bein weit von sich gestreckt, sucht sie Halt auf der obersten Sprosse einer Leiter. In der Hand hält sie einen schwarzen Stift, mit dem sie ihren Körper von Kopf bis Fuß umrandet. In verschwommenen Konturen zeichnet sich nach und nach ihre Silhouette vor dem weißen Untergrund ab. Als das Bild fertig ist, erinnert es an die Kreide-Umrisse, mit denen Polizisten die Lage des Mordopfers markieren. „The artist was present“ hat Berauer doppeldeutig darüber geschrieben – die Künstlerin war da. Oder: Die Künstlerin war mal.

Die Litfaßsäule steht im Münchner Stadtteil Obersendling. Normalerweise ist sie mit großformatigen Plakaten beklebt, auf denen die Superstars der internationalen Kunstszene beworben werden. Jetzt prangt dort der unförmige Umriss von Maria Berauer. Vor einem Jahr hat sie ihr Studium an der Münchner Kunstakademie abgeschlossen. „Endlich bin ich im Establishment der Kunstwelt angekommen“, sagt sie, „aber leider als Leiche.“ Was für andere eine riesengroße Enttäuschung wäre, ist für die 30-Jährige ein voller Erfolg. Wenn alles schief geht, gar nichts klappt und jeder Versuch ein Schlag ins Wasser ist, dann hat Berauer ihr Ziel erreicht: vor aller Augen grandios zu versagen. Ihr Performance-Projekt trägt deshalb auch den selbstbewusst-trotzigen Titel „Yes, I can’t“ – schaut her, ich hab’s vergeigt.

Berauers Vorsatz: das Falschmachen üben

Das Scheitern ist das große Tabu der Moderne, schreibt der amerikanische Soziologe Richard Sennett. Alles, was in unserer Leistungsgesellschaft zählt, sind Erfolg und Karriere. Schon früh umgeben wir uns mit einem Panzer aus Qualifikationen. Über die Pleiten, Fehltritte und Niederlagen spricht man nur hinter vorgehaltener Hand. Berauers Aktion ist eine Kampfansage an dieses herrschende Optimierungs-Denken, welches das Versagen lediglich als die dunkle Kehrseite des Erfolgs begreifen kann.

Ihr Vorsatz war es, das Falschmachen zu üben und einfach Mist zu bauen: drei Wochen lang, jeden Tag. „Serielles öffentliches Scheitern“ nennt sie das.

Schauplatz ihrer Performances war das Klohäuschen, ein ehemaliges Pissoir für die Händler der Münchner Großmarkthalle, das seit ein paar Jahren für Kunstaktionen genutzt wird. Für ihre erste Übung im Scheitern stellte sich Berauer vor das Haus und tanzte eine Schrittfolge aus dem Flamenco. Nach und nach steigerte sie das Tempo, bis sie vor Erschöpfung zusammenbrach. In einer anderen Aktion zimmerte sie aus meterlangen Holzlatten einen Stern und versuchte, mit diesem überdimensionierten Gebilde in immer neuen Anläufen durch die schmale Tür ins Innere des Klohäuschens zu kommen – vergeblich.

In den drei Wochen hat Berauer einiges vermasselt. Passanten reagierten meist irritiert auf ihre kalkulierten Desaster. Manche wollten wissen, ob die Performance nun wirklich missglückt sei. Eine Frage, die für die Künstlerin die Schwierigkeit im Umgang mit dem Scheitern deutlich macht: „Wenn es heißt, dass man gescheitert sei, kommt es immer auf die Perspektive an: Wer bestimmt das? Ich wollte das Scheitern aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten.“ Ein Thema, das sie auch noch in Zukunft beschäftigen wird, da ist sich Berauer sicher: „Mich interessieren Leute, bei denen etwas nicht funktioniert. Erfolgsgeschichten finde ich langweilig.“

Foto. Marian Schäfer