Ein dickes Ding

kolumne

Schön sein wäre schon schön. Und noch schöner wäre es, wenn der Weg dahin einfach wäre. Wenn man sich nicht bewegen müsste und trotzdem schlank werden würde – ganz ohne Schweiß und Verzicht. Eine Kolumne über die Faulheit der Selbstoptimierer.

Noch schwabbelt der Speck, doch bald ist Frühling. Spätestens dann sollen sich die ungeliebten Kilos in Luft aufgelöst haben. Das Problem ist nur: Der Mensch ist faul. Veränderungen steht er skeptisch gegenüber, vor allem, wenn sie mit Aufwand und Einsatz verbunden sind. Doch Hilfe naht.

In Starbucks-Manier tauchen in den letzten Jahren an jeder dritten Straßenecke sogenannte EMS-Studios auf, Malträtierhallen zur „elektronischen Muskelstimulation“, zum Beispiel Bodystreet. Studios, die perfekt zum Optimierungswillen der heutigen Zeit passen. Einer Zeit, in der man das gute Gewissen mit fair gehandeltem Kaffee im Vorbeigehen kaufen kann und hofft, andere Probleme genauso einfach
lösen zu können.

Bei Bodystreet wird der Kunde in hautenge Trainingswäsche gepackt, von nassen, stromleitenden Gurten eingeschnürt und mit bunten Kabeln an eine futuristisch anmutende Säule gestöpselt. Anschließend werden im Sekundentakt Stromstöße durch seinen Körper geschossen. Gelockt wird mit der logisch klingenden Verheißung „Warum ständig trainieren, wenn 20 Minuten locker reichen?“.

Je einfacher und schneller, desto besser.

Die ideale Lösung für all jene also, die zu faul für regelmäßiges Ausdauer- und Hanteltraining sind und Sport nicht um der Bewegung, sondern der Gesellschaft willen treiben. Je einfacher, je unkomplizierter, je schneller, desto besser. Und das Erfreulichste: Jeder kann Zeuge des Optimierungswillens werden. Denn die meisten Studios befinden sich im Erdgeschoss und verfügen über eine Glasfassade, die sich nahtlos in die Schaufenster der Umgebung einfügt. Für die Studiokette mag es ein Werbeeffekt sein, für den stromtraktierten Kunden ist es die Gelegenheit, sich vor den Augen der Welt als braver Optimierer zu präsentieren.

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Illustration: Julia Emslander

Nach 20 Minuten kann sich der Studiobesucher dann aus der unvorteilhaften Trainingskleidung pellen, zu seinem Auto schlurfen und auf dem Heimweg überlegen, welchen Abnehm-Shake er sich zum Abendessen gönnt. Limette-Buttermilch oder doch lieber Caramel-Brownie? Schnell gemacht sind sie beide: Dose auf, Löffel rein, mit Milch vermischen, Behälter schütteln, runter damit.

Über die eigene Ernährung nachdenken? Viel zu viel Arbeit.

Die Tatsache, dass man sich stattdessen auch eine natürliche Mahlzeit mit fester Konsistenz und gleicher Kalorienzahl hätte zubereiten können, wird ignoriert. Salat zu waschen, eine Lachspackung aufzureißen und sich ein Dressing anzurühren wäre zugegebenermaßen komplizierter. Vor allem aber würde es voraussetzen, dass man sich mit den eigenen Bedürfnissen und mit Ernährung auseinandersetzt – und das könnte in Arbeit ausarten. Wer kann das schon wollen?

Wenn etwas immer einfacher wird und damit theoretisch für jeden erreichbar ist, verliert es an Bedeutung. Die wahre Leistung ist nicht allein das Erreichen des Optimums, sondern vor allem der Weg dorthin und das Überwinden des inneren Schweinehundes. Flacher Bauch dank Slim-Fast, straffe Oberschenkel dank Bodystreet, knackiger Hintern dank Dr. med. Wunderschön. Resultat: leeres Konto dank Faulheit. 

Illustration. Julia Emslander