„Einer guten Fee würde  ich sagen: Geh‘ mir aus der Sonne“

„Einer guten Fee würde ich sagen: Geh‘ mir aus der Sonne“

Wir alle sind mittelmäßig – davon ist der Kabarettist und Filmemacher Gerhard Polt überzeugt. Im Interview spricht er über die Kunst, gelassen zu sein, und die Frage, warum sich manche Menschen trotz vieler Möglichkeiten besser nicht optimieren sollten.

Der Mann ist kein Projekt, er ist eine Erscheinung. Zum Interview kommt Gerhard Polt in geringelten Wollsocken und Trekkingsandalen. Er wirkt, als könne ihn nichts aus der Ruhe bringen. Warum auch? Der 71-Jährige ist seit 30 Jahren vor und hinter der Kamera erfolgreich und bringt sein Publikum als Kabarettist durch bloße Bühnenpräsenz zum Lachen. Und zum Nachdenken: Geschätzt wird der „bayerische Buddha“, wie ihn die Süddeutsche Zeitung nannte, auch wegen seiner philosophischen Ansichten. Vom engstirnigen Kleinbürger, den er bevorzugt darstellt, ist der viel gereiste Satiriker weit entfernt. Was hat so einer noch an sich zu verbessern? Höchste Zeit, mit dem Berufsgrantler und Menschenfreund über Selbstoptimierung zu sprechen.

EGO. Herr Polt, Sie haben mal gesagt: „Das Mittelmaß ist das Maß aller Dinge.“ Wir haben eher das Gefühl, dass sich mit dem Mittelmaß heute niemand mehr zufrieden geben will.

GERHARD POLT. Genau das ist ja das Mittelmäßige. Dass man sich nicht begnügen kann, da wo man sich begnügen sollte.

Haben Sie ein Beispiel? 

Der Nachbar von einem Freund in Ascholding, den haben sie aus dem Musikkorps rausgeschmissen, weil er zu schlecht spielt. Das sagt schon mal was. Aber er ist auch bei der Feuerwehr. Dort hat er initiiert, dass sie nach Australien fahren, mit der Feuerwehr von Ascholding. Ich hab ihn dann mal gefragt, wie es dort so ist, da sagt er, er weiß nicht so viel, weil sie nur vier Tage da waren. Die sind mit dem Flugzeug hingeflogen, vier Tage Australien und dann zurück. Als ich gefragt habe, was sie so gemacht haben, sagt er, sie haben gegrillt. Und dann haben sie einmal ein Feuerding aufgebaut und das haben sie gemeinsam gelöscht. Dann hab ich gefragt, ob er Kängurus gesehen hat, da hat er gesagt, nein, die sind weiter hinten. Ich will damit nicht sagen, dass der nicht da hinfahren darf, um Gottes Willen. Er optimiert sich, geht in die Welt, aber was er dabei im Endeffekt rausfischt, scheint mir dürftig.

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Und dabei will dieser Mensch doch gerade der Mittelmäßigkeit seines Alltags entfliehen.

Eben. Er möchte dieses Besondere, er sucht sich und versucht, seinen Blick für die Welt und seine Kontakte zu erweitern. Das ist im Grunde in Ordnung, aber die Möglichkeiten, dann sozusagen auch zu ernten, sind halt nicht so groß. Das ist meine Meinung, er ist ja begeistert. Er fährt wieder nach Australien. Sie wollen sogar jetzt eine Partnerschaft mit Brasilien machen, dann grillen sie auch in Brasilien. Es gibt Menschen, die sagen, sie müssen sich verbessern, erweitern oder verwirklichen, und ich denke mir: Um Gottes Willen, schade.

Wie ist das bei Ihnen, erlauben Sie es sich, mittelmäßig zu sein? 

Mittelmäßigkeit ist in uns allen, in jedem von uns, in mir genauso. Drum, wenn ich gefragt werde, was machen Sie so, dann sage ich, ich wohne. Es ist sehr mittelmäßig zu wohnen, denn das machen fast alle. Da gehe ich mal vom Wohnzimmer ins Schlafzimmer und auch mal in die Küche und zurück. Dann sagen die Leute, na, das ist ja nichts Besonderes.

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Angenommen, eine gute Fee würde Ihnen einen Wunsch gewähren. Was würden Sie an sich verbessern?

Ich würde ihr wohl sagen, geh‘ mir aus der Sonne. Ich bin nicht jemand, der verzweifelt versucht, vor allem sich selber zu suchen.

Denken Sie nicht, dass das Streben nach Verbesserung zutiefst menschlich ist? 

Natürlich. Das ist selbstverständlich. Wenn man einen Maikäfer sieht, dann sieht man, der pumpt und möchte fliegen. Und der Mensch möchte auch fliegen. Aber nicht alle kommen nach dem Flug gut an, manche stürzen ab.

Mit Ihrem Film Germanicus hatten Sie auch schon mal einen kleinen Absturz. Das Publikum war nicht gerade begeistert. Was lief da schief?

Das waren viele Dinge. Ich wollte einen drastischen Film machen. Aber diese Drastik wäre sehr drastisch ausgefallen, deshalb hat man sie mir genommen. Eine Drastik wäre zum Beispiel gewesen: Viele Eltern haben heute Wunderkinder. Und ich hätte das im Film gerne auf das Heute bezogen, in einer Gladiatorenschule, wo lauter so kleine Gladiatoren rumsausen, damit sie später mal was werden, mit so Helmen auf. Und die schlagen auf sich ein und die Eltern sind ganz fiebig: Hau zu! Hau ihm eine rein! Und dann haut der eine dem anderen ein Ohrwaschel runter. Und dann kommt die Mutter und beschwert sich: Der hat meinem Sohn das Ohr runter gehauen. Und dann hätte ich als Trainer halt gesagt: Gnädige Frau, das sind aber Erfahrungen, die später nur für ihn sprechen, das kann nur positiv für ihn sein.

Gefällt Ihnen der Film, so wie er ist?

Nein, wenn ich ihn sehe, dann sehe ich alle diese Dinge, die ich nicht verwirklichen konnte. Das ist aber bei allen Filmen so. Man sieht bei allem, was man dokumentiert hat, was man im Kopf gehabt hat, die vielen Versäumnisse. Und das ist nicht immer angenehm. Da denkst du immer: Ach Scheiße! Andererseits: Wer ist schon perfekt? Errare humanum est. Würde ich keine Fehler machen, wäre ich unmenschlich. Ich mache Fehler, jeder macht Fehler. Schon das Wort perfekt ist falsch.

Aber in Ihrer Arbeit sind Sie schon ein Perfektionist, der seine Stücke genau einübt und umschreibt, bis sie passen.

Beim Film ist das nicht leicht. Wenn ich sehe, das ist nicht so ganz gelaufen, dann kann ich am anderen Tag die Sache nicht ohne Weiteres wiederholen. Auf der Bühne ist es einfacher. Wenn ich merke, dass die Formulierung oder die Art zu schnell oder zu hastig oder nicht eindeutig ist oder die Formulierung einer besseren weichen soll, dann habe ich das ja im Griff und dann tue ich das auch. Natürlich revidiere ich.

Sie treten jetzt seit mehr als 30 Jahren als Kabarettist auf. Mit welchem Ziel gehen Sie da abends auf die Bühne?

Eigentlich nur mit dem Ziel, dass die Leute, die da unten sitzen, sich für ihr Geld auch amüsieren. Und dass ich für mich das Gefühl habe, ich habe die Geschichte so erzählt, wie wenn ich sie Leuten erzählt habe, denen ich sie noch nie erzählt habe.

Aber wie schafft man das, ein und dieselbe Geschichte bei jedem Auftritt immer wieder neu zu erzählen?

Indem man nicht nachdenkt über sich und sich einfach fallen lässt, nach Jux und Dollerei sich da hinstellt und den Leuten die Geschichte erzählt und davon ausgeht, die meisten kennen sie nicht. Dann erzählt man sie neu.

Brauchen Sie dazu Disziplin? 

Das ist eigentlich weniger Disziplin als die Lust, eine Sache gut zu machen, die einen selber befriedigt. Es ist, glaube ich, das Normalste der Welt, wenn einem etwas gefällt, dann macht man es halt einfach gerne. Und dann übt man so lange, bis man das Gefühl hat, jetzt geht’s, jetzt passt’s. Aber Disziplin ist das in dem Sinn nicht. Weil Disziplin würde eher heißen, dass man etwas einüben muss, unabhängig davon, ob es einem gefällt. Deshalb wäre ich auch kein guter Politiker geworden.

Warum?

Weil als Politiker muss man Dinge lassen, die man gerne machen würde. Man muss sich kasteien und darf dann mit bestimmten Leuten bestimmte Dinge nicht machen. Das wird einem vorgeschrieben. Es gibt einen Fraktionszwang. Es gibt einen Zwang, für die Öffentlichkeit so und so zu sein. Man muss so und so ausschauen, so und so formulieren. Man ist in einem Korsett. Bei Politikern ist es glaube ich so, dass sich viele Leute selbst etwas vormachen. Die spielen eine Rolle und übernehmen sich furchtbar damit. Das ist etwas Grauenhaftes, stelle ich mir vor.

Was wäre denn Ihre Traumrolle?

Politiker auf jeden Fall nicht. Unvorstellbar. Bootsverleiher schon.

Bootsverleiher?

Ich war als Kind sehr angetan von einem Bootsverleiher, weil mich der Mensch so überzeugt hat. Die Souveränität, wie der da sitzt, Zeitung liest, isst, mit einem Blick über den See alles erfasst und bei Bedarf ein Boot verleiht, das er dann mit einem Fußtritt aufs Wasser raus schiebt. Der Mensch wirkte auf mich sehr gelassen. Das hat mir gefallen.

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Auch, dass der Bootsverleiher da immer alleine sitzt? Sie arbeiten bei ihren Projekten ja oft mit anderen Künstlern zusammen. Arbeiten Sie gemeinsam mit Anderen besser?

Also ich muss sagen, mit einem Team zusammen zu sein, ist ein erhebendes Gefühl. Das ist sehr bereichernd, weil man sich ja gemeinsam in Situationen begibt, die nicht so normal sind. Da hocken Leute um drei oder vier Uhr nachts zusammen und spucken sich was aus, was sie zusammen machen wollen.

Statt alleine am Schreibtisch auf ein leeres Blatt zu starren. 

Das berühmte leere Blatt. Das kenne ich natürlich auch, dass man erst einmal lieber was isst, dann noch mal was trinkt und dann, bevor man schreibt, noch einmal was isst und dann vielleicht ein Möbel rückt oder irgendwas macht, um nicht an diesen Schreibtisch hin zu gehen. Aber manchmal hockt man sich dann doch hin und dann schreibt es aus dir, wie man so schön sagt. Dann denkst du nach, sortierst, hast irgendeine Formulierung, und auf einmal muss ich selber lachen. Nachts um drei hocke ich da und lach’ über meinen eigenen Käse. Und am anderen Tag, wenn ich aufstehe, lese ich’s wieder und bin eigentlich verblüfft, warum ich da hab lachen können und dann kommt’s wieder in den Papierkorb. Das sind so Vorgänge, aber die gehören zum Leben dazu. Es gibt so viele Berufe, wo die Menschen verschlissen sind und wenig Resonanz haben. Da muss man enorm dankbar sein, dass man so etwas wie ich machen kann. Sagen wir es ruhig, wie es der Ratzinger auch sagte: Es ist eine Gnade.

Foto. Wolfgang Maria Weber